Zum Inhalt der Seite
Weltmigrationsbericht 2026

Migration als Normalzustand

UN-Bericht: Wanderarbeit ist wichtiger Wirtschaftsfaktor. Zahl der Flüchtenden ist so hoch wie noch nie – Klimakrise ist bereits Hauptursache

Foto: REUTERS/Nacho Doce
Ohne ausländische Arbeiter müssten Spaniens Häfen den Schiffsverkehr einstellen (Burela, 30.11.2023)

Geschätzte 60 Prozent der internationalen Migration finden zu Zwecken der Arbeit statt. Überweisungen in die Heimatländer spielen mit rund 900 Milliarden US-Dollar eine wichtige Rolle zur Bekämpfung von Armut. Gleichzeitig brechen die Zahlen der Flüchtenden in den vergangenen Jahren alle Rekorde. Das geht aus dem Anfang Mai veröffentlichten »Weltmigrationsbericht 2026« der Internationalen Organisation für Migration (IOM) der Vereinten Nationen hervor.

Der Bericht zeigt, dass die politische Debatte über Migration vielerorts in einem auffälligen Widerspruch zu den tatsächlichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen steht. Während rechte Parteien und autoritäre Regierungen Migration zunehmend als Bedrohung inszenieren, wird in dem Bericht ihre Bedeutung für Arbeitsmärkte, Wirtschaftswachstum und soziale Stabilität dargestellt. Demnach lebten Mitte 2024 weltweit rund 304 Millionen Menschen außerhalb ihres Geburtslandes – etwa 3,7 Prozent der Weltbevölkerung. Die Migration nach Europa und in Asien hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Auch wenn Binnenmigration ein bestimmender Faktor bleibt, zeigt sich ein deutliches Muster der Auswanderung von ärmeren in reichere Länder.

Migration ist längst kein Ausnahmephänomen mehr, sondern ein struktureller Bestandteil der globalisierten Wirtschaft. Besonders Industriestaaten profitieren von der Arbeitskraft von Einwanderern, gerade in demographisch alternden Gesellschaften. Pflege, Landwirtschaft, Bauwirtschaft, Logistik oder Gastronomie sind in vielen reicheren Ländern ohne Migranten nicht mehr aufrechtzuerhalten. Dabei zeigen die Daten deutliche regionale Unterschiede: Während Migration in einigen Regionen stark durch Arbeitskräftebedarf bedingt wird, dominieren andernorts Konflikte, Umweltkatastrophen oder wirtschaftliche Krisen als Ursachen.

Anzeige

Einer der wichtigsten Migrationskorridore weltweit ist der Weg von Mexiko in die USA, mit rund elf Millionen Menschen, die diese Grenze jährlich passieren. Auch die Routen von Asien in die Golfstaaten oder von Subsahara- nach Nordafrika sind weiterhin zentrale Routen. Entgegen verbreiteten politischen Erzählungen findet ein Großteil globaler Migration nicht Richtung Europa statt, sondern innerhalb des globalen Südens. Dabei zeigt der Bericht auch die globale Ungleichheit, auf der viele Migrationsbewegungen beruhen – Menschen migrieren entlang kolonial geprägter Verbindungen.

Besonders alarmierend sind die Zahlen zur erzwungenen Migration. Ende 2024 waren weltweit mehr als 83 Millionen Menschen innerhalb ihrer Herkunftsländer auf der Flucht – der größte Teil von ihnen inzwischen aufgrund von Umwelt- und Klimakatastrophen. Überschwemmungen, Dürren, Wirbelstürme und andere extreme Wetterereignisse zwangen 45,8 Millionen Menschen, ihre Heimatorte zu verlassen. Weitere 20,1 Millionen Menschen wurden im Zusammenhang mit bewaffneten Konflikten vertrieben. Die Unterschiede zwischen »Klimaflucht«, »Wirtschaftsmigration« und »Flucht vor Gewalt« verschwimmen zunehmend. In vielen Regionen greifen die Ursachen längst ineinander: Klimakrise, Armut, Kriege und ökonomische Instabilität verstärken sich gegenseitig.

Zugleich kritisiert der Bericht indirekt die zunehmende Abschottungspolitik vieler Staaten. Der Rückgang legaler Migrationswege, etwa für Arbeit, Ausbildung oder Familiennachzug, verhindere Migration nicht, sondern mache sie lediglich gefährlicher. Menschen würden dadurch auf unsichere Fluchtrouten gedrängt, während gleichzeitig Grenzschutz, Überwachung und Abschieberegime stark ausgebaut würden. Migration wird also zunehmend sicherheitspolitisch behandelt, obwohl die Daten der IOM zeigen, dass sie ein sozialer und ökonomischer Normalzustand ist.

Themen:
junge Welt

Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.

Bezahlmethoden:

Mit Absenden erklärst du dich mit der DSGVO-konformen Datenverarbeitung einverstanden

Erschienen in der Ausgabe vom 09.05.2026, Seite 6, Ausland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!