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Nahostkonflikt

Wunschdenken über Iran

US-Präsident Trump sieht Teheran am Boden und die dortige Regierung gespalten. Belege dafür gibt es allerdings nicht

Foto: Majid Asgaripour/WANA via REUTERS
Mit der Kontrolle der Straße von Hormus hat Teheran ein starkes Druckmittel gegen Washington (Teheran, 2.5.2026)

Donald Trump gab sich wieder einmal als fröhlicher Lausbub, der die Finger stets am Abzug hat, um die Welt jederzeit zur Hölle jagen zu können. »Warum sollte ich Ihnen das erzählen?« antwortete er am Freitag auf die Frage, ob er neue Angriffe gegen Iran in Erwägung ziehe. Der Präsident hatte sich vor dem Weißen Haus aufgebaut, um mit Journalisten aus aller Welt zu plaudern, und machte sich über die Iraner lustig, deren Spitzenleute systematisch von den israelischen Kriegspartnern ermordet werden. Nicht einmal sie selbst wüssten, wer gegenwärtig ihr Anführer ist. Ihre Führung sei aus den Fugen und komme nicht miteinander zurecht. »Ihre Streitkräfte sind geschlagen. Wenn wir jetzt abziehen, würden sie zwanzig Jahre brauchen, um das Land wiederaufzubauen, aber wir sind im Moment noch nicht zufrieden.« Iran wolle eine Vereinbarung schließen, »weil sie kein Militär mehr übrighaben«. Doch möglicherweise seien die USA besser dran, wenn es gar keinen Deal gäbe.

Iranische Diplomaten hatten Washington am Donnerstag mit Hilfe Pakistans einen neuen Friedensvorschlag zugeleitet, der nach offiziellen Mitteilungen aus 14 Punkten besteht. Die iranische Nachrichtenagentur Tasnim fasste den Inhalt am Sonntag so zusammen: »Themen wie Nichtangriffsgarantien, der Rückzug der militärischen Kräfte der USA aus den Iran umgebenden Gebieten, die Aufhebung der Marineblockade, die Freigabe von Irans eingefrorenen Vermögen, Entschädigungszahlungen, Aufhebung der Sanktionen und Beendigung des Krieges an allen Fronten, einschließlich Libanons, sowie ein neuer Mechanismus für die Straße von Hormus sind unter den Punkten, die zu Irans 14-Punkte-Vorschlag gehören.«

Seit dem 8. April besteht eine Waffenruhe, die nur im Libanon nicht eingehalten wird. Darauf gestützt, behauptet die Trump-Regierung, dass die militärischen »Feindseligkeiten« beendet seien und sie daher nicht an die War Powers Resolution von 1973 gebunden sei, die sie verpflichtet, spätestens am 60. Kriegstag die Zustimmung des Kongresses einzuholen. Der Stichtag war am Donnerstag oder Freitag der vergangenen Woche.

Er werde den iranischen Plan genau prüfen, postete Trump am Sonntag auf »Truth Social«. Er könne sich aber nicht vorstellen, dass dieser annehmbar sei, weil Iran »noch keinen genügend hohen Preis für das gezahlt« habe, was er »der Menschheit in den vergangenen 47 Jahren angetan« habe. Ähnlich hatte der Präsident sich auch schon am Freitag und Sonnabend geäußert. Überraschend ist das angesichts des riesigen Abstands zwischen den Positionen der Kriegsgegner nicht. Die zentralen Forderungen Israels und der USA tauchen in den Zusammenfassungen des 14-Punkte-Vorschlags nicht einmal auf: der Verzicht Teherans auf jede Art von Urananreicherung, der Abtransport allen angereicherten Urans ins Ausland, Beschränkungen der Reichweite und Zahl iranischer Raketen, Einstellung der Unterstützung für die sogenannte Achse des Widerstands. Das meiste davon erklärt Teheran aus guten Gründen für indiskutabel.

Ein »Machtkampf« in der iranischen Führung käme den USA und ihren Verbündeten recht. Also wird er erfunden. Am Donnerstag zogen sich quer durch die westlichen Mainstreammedien Erzählungen, die offensichtlich auf zwei Hauptquellen zurückgehen: die in London ansässige Propagandazentrale Iran International und die vom Rest der iranischen »Exilopposition« isolierten Volksmudschaheddin. Iran International, dessen Geldgeber früher in Saudi-Arabien vermutet wurden, steht heute im Dienst der Pahlavi-Dynastie, während die Volksmudschaheddin die einzige große Strömung der prowestlichen »Exilopposition« sind, die nicht im Gefolge des »Kronprinzen« mitschwimmt.

Dieser Propaganda zufolge betreiben Präsident Masud Peseschkian und Parlamentssprecher Mohammad Bagher Ghalibaf die Ablösung von Außenminister Abbas Araghtschi, der in den vergangenen Jahren die Gespräche mit US-Vertretern geleitet hatte. Der Vorwurf gegen den erfahrenen Spitzendiplomaten: Seine Verhandlungslinie sei unrealistisch radikal, weil er nicht den Anweisungen der Regierung folge, sondern als Gehilfe von Ahmed Vahidi agiere, dem Oberbefehlshaber der Revolutionsgarden. Die möchte man von westlicher Seite selbstverständlich am liebsten so isoliert wie möglich sehen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 04.05.2026, Seite 6, Ausland

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