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Aus: Ausgabe vom 23.03.2026, Seite 9 / Schwerpunkt
Robert-Capa-Haus in Madrid

»Die Peironcely 10 ist einzigartig«

Die Stadtregierung von Madrid will ein an den Kriegsfotografen Robert Capa erinnerndes Haus umwidmen. Ein Gespräch mit Uría Fernández
Von Carmela Negrete
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Auf den zugemauerten Türen und Fenstern sind Szenen des von Capa während des Spanischen Krieges gemachten Fotos des Hauses zu sehen (Madrid, 11.11.2023)

Sie wollen in Madrid das Haus in der Perioncely 10 retten. Was befindet sich dort?

Peironcely 10 ist die Adresse einer Straße im Stadtbezirk Puente de Vallecas, im Viertel Entrevías. Dort steht das Haus, das der Fotograf Robert Capa während des Spanischen Kriegs (1936 bis 1939, jW) im November 1936 fotografierte und in dem Zusammenhang eine seiner bekanntesten Reportagen aufnahm.

Was gibt dieser Adresse ihre große Bedeutung?

Erstens war es das erste Mal, dass der Name Robert Capa in großen Lettern auf der Titelseite eines internationalen Magazins erschien – in diesem Fall der französischen Zeitschrift Regards. Capa war deren Sonderberichterstatter. Zwar hatte er bereits im September das berühmte Foto des »gefallenen Milizionärs« veröffentlicht, doch damals erschien seine Signatur nur klein neben dem Bild. In dieser Reportage mit dem Titel »Die gekreuzigte Hauptstadt« ging es um die Bestrafung der Zivilbevölkerung Madrids durch Bombardierungen durch die faschistische italienische und deutsche Luftwaffe, die zur Verstärkung der putschistischen Truppen gegen die Republik eingesetzt wurden.

Dieses Haus markiert auch die visuelle Anklage der Experimente, die sowohl die deutschen Nazis als auch die italienischen Faschisten an der Zivilbevölkerung Madrids durchführten, um die sogenannte Luftterrorstrategie zu testen. Etwas, das die Madrilenen nicht wissen. Es war die erste große europäische Hauptstadt, auf der diese brutale Strategie angewandt wurde und die heute noch an anderen Orten der Welt zu sehen ist.

Welche Rolle spielt das Gebäude für Ihre Gewerkschaftsstiftung?

Das Thema beschäftigt uns schon lange. Bereits 2010 organisierten wir eine Ausstellung mit dem Titel »Vallecas bombardeada« (Das bombardierte Vallecas, jW). Im Rahmen unserer Forschungen und Ausstellungen zur Geschichte der Bombardierungen haben wir 2017 die Plattform »Salva Perioncely 10« gegründet, mit der wir internationale Institutionen wie das International Center of Photography in New York, welches das Capa-Erbe beherbergt, die Rosa-Luxemburg-Stiftung aus Deutschland, das Portugiesische Zentrum für Fotografie oder die Casa de Velázquez aus Frankreich einbezogen haben. Sie unterstützten das Schreiben an die öffentlichen Verwaltungen im Juni 2017, um einerseits die Stadt Madrid zu bitten, das Gebäude in das Kataster der geschützten städtischen Gebäude aufzunehmen, und andererseits die Comunidad de Madrid, es als Kulturgut zu schützen.

Wurde der Bitte entsprochen?

Ja, wir haben es alle zusammen geschafft. Wir haben den größten Teil der Arbeit getragen, aber für uns ist dies ein internationaler, kollektiver Erfolg. Neben diesen internationalen Institutionen gab es auch lokale aus Kultur- und Gewerkschaftsbereichen, wie die Stiftung Largo Caballero, ebenso wie die Kirche San Carlos Borromeo und ihren Pfarrer Javier Baeza.

Und Sie wollen dort ein Museum eröffnen?

Wir wollen ein Robert-Capa-Zentrum zur Interpretation der Luftangriffe der Legion Condor und der Aviazione Legionaria dort etablieren: mit offenem Museum, öffentlichen Aktivitäten, Festivals, kreativer Bildung, in Zusammenarbeit mit Nachbarn und Schulen.

2017 war das Gebäude von vierzehn Familien bewohnt, die unter unmenschlichen Bedingungen Kakerlaken, Schimmel … – lebten und hohe Mieten an die Eigentümer zahlten. Wir forderten die Stadt auf, für die Kinder und Familien menschenwürdige Wohnungen bereitzustellen. Dank der Initiative der Stadträtin Mar Espinar wurden diese Familien in Wohnungen einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft untergebracht. Heute leben sie in zwei würdigen Gebäuden, ihr Leben hat sich komplett verändert.

Das sehr bescheidene Arbeiterviertel hat ein gewisses Stigma. Es liegt nur eine Bahnstation und etwa fünf Minuten vom Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía entfernt. Unser Vorschlag war daher, dass dieser Ort, der einst zum Symbol der Zerstörung wurde, sich in einen Motor der kulturellen Belebung für die gesamte Umgebung verwandelt, eine Gegend, die, wie gesagt, stark vernachlässigt ist.

Sie kombinieren also Erinnerungs- und Sozialarbeit …

Gegenüber befindet sich ein Gelände, das sich früher zu einer Müllhalde entwickelt hatte. Wir konnten diesen Ort jedoch sanieren lassen und haben ihn Plaza del Fotógrafo Robert Capa genannt. Dort wurden vier Jahre lang archäologische Ausgrabungen rund um die Überreste der Häuser durchgeführt, die damals bombardiert wurden, denn genau dort waren diese Ruinen geblieben. Auf diesen Überresten ließen sich während der Franco-Diktatur Menschen nieder, die politisch verfolgt wurden oder aus wirtschaftlicher Not aus Andalusien und anderen Regionen Spaniens nach Madrid kamen. Sie errichteten ihre einfachen Hütten auf den Trümmern jener bombardierten Häuser, die sich dort neben der Peironcely 10 befanden.

Was konnten die archäologischen Arbeiten zutage fördern?

Dort wurde vier Jahre lang gearbeitet, und bei den Ausgrabungen wurden nach und nach die verschiedenen historischen Schichten sichtbar. Insgesamt war es ein sehr schöner Prozess der Wiedergewinnung von Wissen und Erinnerung an eine schreckliche Vergangenheit – auch für die Nachbarn dort –, die in unserem Land heute offenbar immer noch schwer ans Licht zu bringen ist. Deshalb schlagen wir vor, dass diese Ausgrabungen in ein Freilichtmuseum umgewandelt werden.

Der nächste Schritt für Sie war die Zukunft des Gebäudes?

Exakt. Wir entwickelten den Robert-Capa-Plan Entre Vías, der die Bilder des Fotografen als Leitfaden nutzte. Ziel war es, die Luftterrorstrategie sichtbar zu machen und die Madrilenen über ihre Geschichte zu informieren. Heute arbeiten wir mit Schulen und mit der Nachbarschaft, veranstalten das Robert-Capa-Studio-Festival in Entrevías und führen kreative Aktionen durch wie Bodenmurale für den Frieden oder pädagogische Projekte, die Demokratie und Erinnerung lehren.

Wir bereiteten ein Konzept für das Gebäude vor. Es sah Skulpturen der drei Mädchen aus der berühmten Capa-Fotografie vor, die in Peironcely 10 aufgenommen wurde. Wir glauben, dass dieser Platz dadurch zu einem international bedeutenden Wahrzeichen der Stadt Madrid werden könnte. Außerdem schlugen wir vor, große Wandgemälde zu schaffen, denn das Haus ist ein niedriges Gebäude, das zwischen zwei fünfstöckigen Häusern eingeklemmt ist. Die beiden Brandmauern könnten so in zwei große Kunstwerke verwandelt werden.

Wie reagierte die Stadtregierung auf Ihr umfangreiches Konzept?

Wir arbeiteten zusammen mit dem Rathaus, sie fanden das Projekt gut, es gab keine Einwände. Doch vor zwei Wochen kündigten sie plötzlich ein eigenes Jugendprojekt an, ohne uns zu konsultieren. Exklusiv in einer nationalen Zeitung wie El Mundo. Vorgesehen ist die Einrichtung eines Ausbildungszentrums für sozial benachteiligte Jugendliche im Bereich Tanz und Musik. Dieses Projekt haben sie völlig intransparent ausgearbeitet, ohne die Dutzenden Menschen, Institutionen und Organisationen einzubeziehen, die seit Jahren an unserem Projekt hier arbeiten.

Gibt es denn keine anderen Standorte für ein solches Jugendzentrum?

Eine so bedeutende Stadt mit dem Prestige von Madrid kann nicht so plump behaupten, dass die Bürgerinnen und Bürger zwischen sozialen Projekten und der Geschichte wählen müssen. In Entrevías gibt es mehr als genug Orte, zudem öffentliche Räume, die derzeit leerstehen, die ein solches Projekt problemlos aufnehmen könnten.

Der Ort Peironcely 10 hingegen ist einzigartig; seine Bedeutung lässt sich nicht an einen anderen Ort übertragen. Für anderes existieren zahlreiche andere Räume, sogar geeignetere und mit deutlich mehr Quadratmetern, in denen sie problemlos stattfinden könnten. Peironcely ist, wie ich bereits sagte, ein sehr kleines Gebäude.

Haben Sie sich mit Ihrer Kritik direkt ans Rathaus gewandt?

Als Mitglieder unserer Plattform, dem ICP, hat die Leiterin des Robert-Capa-Archivs, Cynthia Young, einen Brief an die Stadträtin und den Bürgermeister geschrieben und sie aufgefordert, ihre Haltung zu überdenken sowie sich mit uns an den Verhandlungstisch zu setzen. Andernfalls würden sie nicht zulassen, dass der Name Capa für das von ihnen geplante Projekt verwendet wird.

Europaweit bemühen sich Projekte um den Erhalt des Erbes von Capa. Mit wem konnten Sie bereits Kontakte knüpfen?

In Deutschland bekommen wir Unterstützung vom Capa-Haus in Leipzig. Die Geschichte ist sehr rührend: Seit 2024 organisieren wir hier in Madrid das Internationale Treffen Robert Capa, was es uns ermöglicht hat, die verschiedenen internationalen Initiativen rund um den Fotojournalisten kennenzulernen. So konnten wir unsere »deutschen Brüder« kennenlernen, nämlich das wunderbare Kollektiv der Capa-Haus-Initiative in Leipzig. Es bewegt uns sehr, ihre Solidarität zu sehen, und wir beneiden sie auch dafür, wie sie dies dort umsetzen konnte. Dieses Projekt ist ein »Bruderprojekt« unseres Vorhabens: Aus einem Foto entstehen Gebäude, die zu einem Ort des Gedenkens werden, aufgrund der internationalen Bedeutung des jeweiligen Bildes. Etwas, das hier in Madrid nur schwer verstanden wird.

In Troina auf Sizilien existiert ein kleines Robert-Capa-Museum, das ebenfalls mit viel Arbeit von einem Gemeinderat des Partito Democratico, Sebastiano Fabio Venezia, gegründet wurde, und mit dem wir ebenfalls in Kontakt stehen. Auch in Paris, wo sich das Robert-Capa-Studio befindet, bestehen Kontakte zu Initiativen von Michel Lefebvre. Unsere Idee und wofür wir gemeinsam eintreten, ist die Schaffung eines europäischen Netzwerks für Erinnerung und Frieden rund um das Vermächtnis von Robert Capa.

Wir haben bereits einige gemeinsame Initiativen umgesetzt, wie die Veröffentlichung eines gemeinsamen Manifests all jener, die an dem Treffen hier in Madrid teilgenommen haben, bei dem auch die Capa-Haus-Initiative vertreten war.

Uría Fernández ist Direktor des Kulturbereichs der Fundación Manuel Fernández Lito, einer Gewerkschaftsstiftung der Industrie-, Bau- und Agrarföderation der Unión General de Trabajadores (UGT). Dort leitet er das Dokumentationszentrum. Die Stiftung betreibt außerdem ein preisgekröntes Programm zur Leseförderung der Arbeiterklasse mit dem Titel »Die Bücher in die Fabriken«

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