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Aus: Ausgabe vom 29.11.2023, Seite 15 / Antifaschismus
Soldatenbildung im spanischen Krieg

Lernen an der Front

Neue Ausstellung im Münchner Instituto Cervantes widmet sich »Cartilla Escolar Antifascista«
Von Fabian Linder
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»Ohne Kultur und Disziplin keine schlagkräftige Armee«: Die Kulturmilizen der Spanischen Republik unterrichteten die Soldaten an der Front

Bereits im Mai 2016 wurde die Cartilla von der europäischen digitalen Bibliothek »Europeana« als eines der 15 wichtigsten spanischen Kunstwerke gelistet, darunter auch Arbeiten von Diego Velázquez und Francisco de Goya. Die Ausstellung übersetzt die Cartilla als »Antifaschistische Fibel«. Es handelt sich dabei um ein 1937 vom Bildungsministerium der Zweiten Spanischen Republik herausgegebenes Lehrbuch, das mitten im Spanischen Krieg gegen Francisco Francos Putschistenarmee auf eine groß angelegte Alphabetisierung der vielen Freiwilligen abzielte, die sich dem republikanischen Militär anschlossen, um Spanien vor den Franquisten zu schützen.

Obwohl 1937 etwa 125.000 Kopien der Cartilla (25.000 Erstauflage) gedruckt worden waren, seien nur wenige überliefert, erläutert der Begleitband. Felipe Santos, Direktor des Münchner Cervantes-Instituts, vermutet, dass die überlieferten Bände ihren Weg im Gepäck von Exilierten in Archive und Bibliotheken fanden. Die drei Kuratoren der Ausstellung schätzen darüber hinaus auch den ästhetischen Anspruch des Lehrbuchs, das in der zweiten Auflage auf den Grafiken des jüdischen polnischen Gestalters Mauricio Amster und den Aufnahmen des deutschen Fotografen Walter Reuter beruht.

Beide teilten die Erfahrung der Republikverteidiger. »Sie kämpften mit den Spaniern, und sie gingen mit ihnen ins Exil«, erläutert Kurator Michel Lefebvre. Reuter gelte als einer der wichtigsten Fotografen des Kriegs in Spanien. Er verlor sein deutsches Archiv auf der Flucht vor den Nazis, sein spanisches auf der Flucht vor den Franquisten. Erst in den vergangenen beiden Jahrzehnten seien in einigen größeren Nachlässen Arbeiten von Reuter und Amster aufgetaucht. Diese ließen auch einen Einblick in die Entstehung der Cartilla zu und flossen mit in die Schau ein.

Die Ausstellung zeigt exemplarisch und vergleichend die erste und zweite Auflage der Cartilla. Interessant sind etwa Unterschiede, die sich zwischen den Auflagen ergeben und auf veränderte politische Umstände innerhalb der Republik hinweisen. Ergänzt werden die Darstellungen der Cartilla durch Fotografien, die Soldaten beim Lernen an der Front zeigen. Auf Nachfrage erläutert Kurator Aku Estebaranz, dass die Milicias de la Cultura (Kulturtruppen), die in Zelten an der Front unterrichteten, auch Statistiken zur Alphabetisierung führten, um den Fortschritt durch die Alphabetisierungskampane zu messen.

Die Cartilla selbst hat nur etwa 55 Seiten. Sie beginnt mit einer Einleitung, in der das Bildungsministerium den politischen Anspruch erläutert. »Der Kampf für die Kultur des spanischen Volkes, von der Reaktion ignoriert und dem Analphabetismus überlassen«, gehe einher mit dem ideologischen und politischen Kampf gegen den Faschismus.

Die Methode der Cartilla zielt darauf ab, dass jeder, der lesen kann, die Übungen umsetzen und anderen zeigen kann. Lesen und Schreiben zu lernen wird so zu einer gemeinsamen Aufgabe an der Front. Jede Übung beginnt mit einem Satz, der sich dem Kampf um die Republik verschreibt. Damit transportierte die Cartilla gleichzeitig eine politische Botschaft. Sie nimmt etwa Bezug auf wichtige Persönlichkeiten wie Pablo Iglesias, den Gründer der Spanischen Sozialistischen Arbeiterpartei (PSOE) oder den republikanischen Kriegsminister Largo Caballero (PSOE), lehrt Durchhalteparolen (»Wir werden niemals Sklaven sein«, »Wir besiegen den Faschismus«) und widmet sich den ideologischen Grundlagen der politischen Bildung (»Die Erde dem, der sie bearbeitet«, »Die Sowjetunion hilft uns«).

Auch die in der zweiten Auflage ergänzte Cartilla Aritmetica, womit die Soldaten die Grundrechenarten erlernen sollten, nimmt Bezug auf den militärischen Alltag an der Front. »Zwei Kanonen multipliziert mit zwei ergeben eine Batterie«, sticht es plakativ zwischen den Übungen hervor. Parolen dienen als Merksätze: »Wird der Feind geteilt, werden wir siegen. Teilt er uns, werden wir besiegt.«

»Mit demselben Eifer und Enthusiasmus, mit dem ihr in ruhelosen Stunden die ersten Buchstaben erlernt habt, sollt ihr weiterkämpfen, um die demokratische Republik und die Unabhängigkeit Spaniens zu verteidigen«, heißt es in einem Schlusswort des Kommunisten Jesús Hernández Tomás, der als Bildungsminister für die Cartilla zuständig war.

Antifaschistische Fibel, Ausstellung bis zum 29.2.2024 im Instituto Cervantes München, Alfons-Goppel-Straße 7, 80539 München

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