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06.05.2026
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Noch immer Krieg
Kolumbien: Zehn Jahre nach dem Friedensabkommen mit der FARC wird weiterhin gekämpft. Die Guerillabewegung zersplittert zunehmend, neue paramilitärische Gruppen entstehen
Die Bilanz ist ernüchternd: Obwohl Kolumbiens linker Präsident Gustavo Petro bei seinem Amtsantritt 2022 eine Politik des »totalen Friedens« verkündet hatte – in der Hoffnung, sowohl mit der Guerillagruppe ELN (Nationale Befreiungsarmee) als auch mit den FARC-Dissidenten und paramilitärischen Gruppen Friedensprozesse zu führen –, ist die Realität am Ende seiner Amtszeit eine völlig andere. Zivilgesellschaftliche Akteure sprechen von einer »Balkanisierung« des Konflikts, die Zahl der Guerrillagruppen hat sich verdoppelt, sie führen teils Krieg untereinander und gegen den Staat, während abschließende Abkommen bisher in keinem Fall zustande gekommen sind. Doch wie und warum konnte es hierzu kommen?
Der entscheidende Bruch in den ambitionierten Friedensverhandlungen der Regierung Petro lässt sich auf den November 2023 datieren. Unzufrieden mit dem zähen Fortschritt in den Verhandlungen mit der ELN entließ der Präsident einen der Vordenker seiner Friedenspolitik, den anerkannten Menschenrechtsverteidiger Danilo Rueda, und ersetzte ihn durch Otty Patiño, einen alten Weggefährten aus seiner Zeit in der M-19-Guerilla, die 1991 die Waffen niederlegte. Der Wechsel markierte eine grundlegende strategische Neuausrichtung – wesentlich selektiver als der umfassende Anspruch des »totalen Friedens«. Interne Spaltungen bei sämtlichen Guerillagruppen waren die Folge.
Als erstes erfuhr dies die ELN, heute mit etwa 6.500 bewaffneten Mitgliedern die größte Guerillaorganisation Kolumbiens. Anfang 2023 leitete das Zentralkommando eine interne Untersuchung gegen die Einheit Comuneros del Sur an der ecuadorianischen Grenze ein. Deren Kommandant Gabriel Yepes brach daraufhin mit der ELN-Führung und nahm getrennte Gespräche mit Otty Patiño auf. Die Führung der ELN behauptete, Yepes habe Anweisungen vom Militärgeheimdienst erhalten, die einen regionalen Friedensprozess und eine Demobilisierung inszenieren wollten. Aktuell gelten diese Verhandlungen als die vielversprechendsten, allerdings zu einem hohen Preis, denn lokalen Beobachtern zufolge entsteht in der Region eine neue paramilitärische Gruppe namens Autodefensas Unidas de Nariño. Die Verhandlungen mit der ELN gerieten hierüber in eine Krise, in deren Folge immer wieder Waffenstillstandsabkommen gebrochen wurden und ein aggressiver Expansionskurs gestartet wurde. Allein in der Region Catatumbo wurden dadurch etwa 100.000 Menschen vertrieben.
Der nächste entscheidende Bruch ereignete sich durch den Estado Mayor Central (EMC) genannten Ableger der FARC, angeführt von Iván Mordisco. Dieser hatte zuvor versucht, verschiedene Strukturen, die sich nicht am Friedensabkommen von 2016 beteiligen wollten, unter den alten Insignien zu vereinen. Dies wurde maßgeblich befeuert durch die Politik des rechten Expräsidenten Iván Duque (Petros Vorgänger), der stets betonte, den Friedensvertrag mit der FARC abzulehnen und ihn nur äußerst reduziert umsetzte. Hierdurch begünstigte er eine Neuformierung dissidenter Strukturen, da vor allem auf den mittleren und unteren Kommandoebenen keinerlei positive Effekte für die entwaffneten Guerrilleros und die Bevölkerung in marginalisierten Regionen spürbar wurden.
Während Mordisco seine Basis vor allem im Amazonasgebiet und dem Cauca aufbaute, führte sein Versuch der landesweiten Zentralisierung verschiedener Gruppen zu einem Machtkampf. Sein interner Gegenspieler wurde Cálarca Córdoba, ein FARC-Kommandant, der zunächst am Friedensprozess teilgenommen hatte, aber bald wieder zur Waffe griff und sich Mordisco und dessen Vorgänger Gentil Duarte anschloss. Unterschiedliche Vorstellungen und Führungsansprüche am Verhandlungstisch führten schließlich zur Spaltung und Cálarca gründete eine Gruppe, die dem FARC-Kürzel den Beinamen Estado Mayor de Bloques y Frente (EMBF) hinzufügte.
Die beiden Fraktionen entwickelten sich in entgegengesetzte Richtungen: Mordisco brachte den Konflikt mit dem Staat zum Eskalieren, was seine Verhandlungen mit der Regierung schließlich zum Scheitern brachte. Calarcá hingegen hielt die Gesprächskanäle offen und die Regierung verhandelt bis heute mit der Guerilla trotz verschiedener kriegerischer Handlungen wie dem Abschuss eines Helikopters. Die Gespräche stocken jedoch deutlich, so dass die Generalstaatsanwaltschaft diese Woche ankündigte, Calarcá wegen verschiedener Vergehen während der Verhandlungen anklagen zu wollen, womit auch dieser Prozess wohl beendet wäre.
Die dritte große Spaltung betraf die Segunda Marquetalia (SM), eine neue Gruppe ehemals hochrangiger FARC-Kommandeure, die nach dem Friedensabkommen wieder zu den Waffen griffen. Ihr Oberkommandierender ist Iván Márquez, einst Chefunterhändler in Havanna, der nach der Verhaftung seines Genossen Jesús Santrich durch die Regierung Duque seine klandestinen Aktivitäten wieder aufnahm und gemeinsam mit weiteren bedeutenden Köpfen der ehemaligen FARC eine »neue Phase des Kampfes« einleitete. Aufgrund ihrer Reputation geriet die Gruppe schnell in den Fokus des Militärs, das einige ihrer bedeutendsten Anführer – laut Anschuldigungen der Gruppe mit Hilfe »ausländischer Söldner« – auf venezolanischem Territorium tötete.
Um sich breiter aufzustellen, bildete die SM ein Bündnis mit anderen bewaffneten Strukturen ehemaliger Milizionäre, den Comandos de la Frontera (CdF) und der Coordinadora Guerrillera del Pacífico (CGP). Im Juni 2024 nahm das Bündnis formelle Friedensgespräche mit der Regierung auf, doch noch vor Jahresende zerbrach auch diese Allianz, als Márquez sich in einem offenen Brief von den Verhandlungen distanzierte. Daraufhin trennten sich CdF und CGP wieder ab und gaben sich den Namen Coordinadora Nacional Ejército Bolivariano (CNEB). In den folgenden Gesprächen wurde jedoch der Sprecher der CdF, Geovany Rojas, buchstäblich am Verhandlungstisch festgenommen, da ein Auslieferungsantrag aus den USA gegen ihn vorlag. Ein juristisches Vakuum während der Umstrukturierung der Verhandlungen ermöglichte die Verhaftung.
Die Zersplitterung der aufständischen Gruppen hat also mehrere Ursachen: Zunächst die ungenügende Umsetzung des Friedensvertrags mit der FARC von 2016 und die daraus folgende Regionalisierung des Konflikts ohne expliziten Anspruch der Gruppen zur Machtübernahme auf nationaler Ebene. Diese beschränkten Ansprüche wurden durch die Beteiligung der Gruppen an illegalen Geschäften, hauptsächlich Bergbau und Drogen, zusätzlich befeuert. Nicht zuletzt wurzelt die »Balkanisierung« des Konflikts aber auch in der Art und Weise, wie sich die Politik des »totalen Friedens« zu einer Politik des »Teile und herrsche« entwickelt hat. Der hinzukommende militärische und politische Druck aus den USA im Rahmen des verschärften »Kriegs gegen die Drogen« lässt wenig Gutes hoffen für die Zukunft dieses endlos scheinenden Konflikts in Kolumbien.
Hintergrund: Bomben und Terror
Im März wollte die kolumbianische Armee einen Teilerfolg gegen Iván Mordisco verkünden, den Anführer der größten Abspaltung der FARC-Guerilla, die sich zu einem Großteil im Rahmen des Friedensprozesses 2016 wieder in das zivile Leben eingefügt hatte. Mordisco, der eigentlich Néstor Gregorio Vera heißt, entkam seinen Verfolgern aber erneut, doch seine Lebensgefährtin Lorena wurde bei dem Armeeangriff getötet. Seine Estado Mayor Central (EMC) genannte Gruppe überzog daraufhin den Südwesten Kolumbiens, insbesondere die Region Cauca, Ende April mit einer beispiellosen Anschlagsserie. In einer einzigen Woche schlug der EMC 40 Mal in 22 Gemeinden der Regionen Cauca, Valle del Cauca und Nariño zu, hauptsächlich mit Attacken auf Polizeistationen und Militäranlagen.
Der blutigste Angriff traf die wichtigste Fernstraße des Landes, die Panamericana. Am 25. April explodierten mitten im Berufsverkehr nahe Cajibío über 500 Kilogramm Sprengstoff, die in Kanalrohren unter dem Asphalt plaziert waren. 21 Menschen starben, 35 wurden verletzt und 16 Fahrzeuge zerstört. Es war der schlimmste Terrorakt gegen Zivilisten in Kolumbien seit dem Bombenanschlag auf den elitären Club El Nogal in Bogotá im Februar 2003 durch die FARC.
Den Kreislauf zwischen der vergeblichen Jagd des Militärs auf Mordisco und dessen Vergeltungsschlägen hat das Land schon mehrmals erfahren, unter anderem als vor einem Jahr eine Brille als Beweis für den vermeintlichen Tod des EMC-Anführers präsentiert wurde, was aber im Nachgang revidiert werden musste. Im Anschluss hatte die Gruppe einen bewaffneten Streik für die Region Caquetá ausgerufen. Im November wurde eine weitere EMC-Stellung bombardiert, wobei auch Minderjährige getötet wurden. Präsident Gustavo Petro bezeichnete die Vorgänge zwar als bedauerlich, aber notwendig. Die Minderjährigen »hätten wissen müssen, dass sie im Dienst einer Privatarmee von Drogenhändlern« standen.
Andere Guerrillagruppen wie die Segunda Marquetalia und die ELN kritisierten die jüngsten Attacken des EMC scharf. Der übernahm dafür die Verantwortung, bezeichnete den Anschlag auf der Panamericana jedoch als unbeabsichtigten »taktischen Fehler« im Rahmen einer Konfrontation mit Militärkräften. Die Rede war von »Kollateralschäden«, nicht von einem Terroranschlag, und einem Angebot an die betroffenen Gemeinden zur Wiedergutmachung. Der eigentliche Kontext des Vorfalls seien die strukturellen Ursachen des bewaffneten Konflikts, nämlich die Landkonzentration und staatlichen Repressionen, sowie der fehlende Wille der Regierung zu einer politischen Lösung, so der EMC. (nh)
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