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Aus: Ausgabe vom 07.08.2021, Seite 15 / Geschichte
Kolonialismus

Dem Erdboden gleich

Vor 500 Jahren eroberten und vernichteten spanische Invasoren die aztekische Hauptstadt Tenochtitlan
Von Gerd Bedszent
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Mit Tenochtitlan wurde eine der weltweit größten Städte jener Zeit dem Erdboden gleichgemacht (Diego Rivera: »Die große Stadt Tenochtitlan«, 1945)

Die Belagerung Tenochtitlans durch ein Heer beutegieriger spanischer Konquistadoren begann am 28. April 1521 und endete am 13. August desselben Jahres. Erst mit der Gefangennahme des letzten Aztekenherrschers erlosch der Widerstand.

Tenochtitlan hatte vor der Eroberung mehr als 100.000 Einwohner, war die größte Stadt auf dem amerikanischen Doppelkontinent und eine der größten Städte weltweit. Es existieren nur wenige schriftliche Zeugnisse der Ereignisse – sie geben ausnahmslos die Sichtweise der Spanier und ihrer einheimischen Verbündeten wieder. Eine Überprüfung der Chroniken anhand archäologischer Ausgrabungen ist schwierig. Denn Tenochtitlan wurde damals vollständig zerstört. Auf den Trümmern befindet sich heute das Zentrum Mexico Citys.

Die Hauptstadt des Aztekenreiches wurde vermutlich zwischen 1320 und 1350 u. Z. von Angehörigen der Ethnie der Mexika auf Inseln des Texcoco-Sees im Hochland von Zentralmexiko errichtet und verschmolz später mit einer benachbarten Inselstadt zu einer Handelsmetropole. Tenochtitlan entwickelte sich im Verlaufe des 15. Jahrhunderts zur wirtschaftlich und politisch führenden Kraft in der Region des heutigen ­Zen­tral- und Südmexiko. Mehrere zunächst gleichberechtigte und verbündete Stadtstaaten spielten im entstehenden Reich nur noch eine untergeordnete Rolle, andere waren dem aztekischen Städtebund tributpflichtig. Regiert wurde das Reich von einer Priesterkaste, die sich hauptsächlich auf das Militär stützte. Die nicht seltenen Kriege zwischen den Stadtstaaten fanden allerdings in stark ritualisierter Form statt und erinnern eher an Ritterduelle des europäischen Hochmittelalters als an die brutal ausgetragenen Schlachten der Neuzeit. Den zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Mittelamerika ankommenden spanischen Söldnerverbänden – beritten, gepanzert und mit Feuerwaffen ausgerüstet – waren die Aztekenkrieger in mehrfacher Hinsicht unterlegen.

Kapitalistischer Nachzügler

Karl Marx beschrieb in einem 1854 entstandenen Beitrag das iberische Königreich des 15. und 16. Jahrhunderts als einen Nachzügler in der Reihe der sich formierenden kapitalistischen Mächte. Bedingt durch die jahrhundertelangen Konflikte zwischen den im Norden Spaniens herrschenden christlichen Adelsgeschlechtern und den in Südspanien vorübergehend mächtigen muslimischen Handelsstädten kam es erst spät zur Herausbildung einer absolutistischen Zentralgewalt. Das Königshaus stützte sich auf den reaktionären Klerus – mit fatalen Folgen. Anders als in anderen Nationalstaaten Westeuropas, wo »die absolute Monarchie als ein zivilisierendes Zentrum, als der Urheber gesellschaftlicher Einheit« auftrat (MEW, Bd. 10, S. 339), verloren die spanischen Städte an politischer Macht, ohne gleichzeitig an wirtschaftlicher Bedeutung zu gewinnen, vegetierten also »in einem Zustand andauernden Verfalls« (ebd., S. 440).

Als Folge des wirtschaftlichen Niederganges machten sich nach der Entdeckung der karibischen Inselwelt zahlreiche heruntergekommene Adlige und professionelle Raufbolde auf den Weg über den Ozean. Ihr Ziel war keineswegs die Erschließung von Handelswegen, sondern die feudale Inbesitznahme neuer Ländereien samt Ausplünderung der Bevölkerung. Nicht selten kämpften nach der Eroberung Gruppen von Konquistadoren untereinander um die Beute.

Für die indigene Bevölkerung der Karibik hatte die europäische Landnahme fürchterliche Folgen – auf zahlreichen Inseln wurden die Ureinwohner faktisch ausgerottet. Dies war die Folge der brutalen Invasion sowie der Verbreitung aus Europa eingeschleppter Krankheiten, aber auch der mörderischen Arbeitsbedingungen auf Plantagen und in Bergwerken.

Das mittelamerikanische Festland war den Spaniern schon seit den Entdeckungsfahrten von Cristoforo Colombo bekannt, erste Eroberungsversuche waren jedoch gescheitert. Diego Velázquez de Cuéllar, Statthalter der spanischen Krone auf der Insel Kuba, bereitete 1519 eine weitere Militärexpedition vor, mit deren Führung er seinen ehemaligen Privatsekretär Hernán Cortés betraute, einen selbst für die damalige Zeit ungewöhnlich skrupellosen Konquistador. Dieser brach mit elf Schiffen und mehreren hundert Soldaten in Richtung der im Süden Mexikos gelegenen Halbinsel Yukatan auf. Nachdem Cortés dort Gerüchte über den sagenhaften Reichtum der Azteken vernommen hatte, zog er nach Norden, konnte durch geschickte Verhandlungen mehrere traditionell mit den Azteken verfeindete Fürsten und Stammeshäuptlinge auf seine Seite ziehen und so sein Heer vergrößern.

Invasoren eingeladen

Der damals in Tenochtitlan herrschende Priesterkönig Montezuma II. schätzte die Ankömmlinge völlig falsch ein und lud sie sogar in die Stadt ein. Die militärtechnisch überlegenen Spanier setzten ihn kurzerhand fest und benutzten ihn als Geisel, um die Herausgabe von Schätzen zu erzwingen. Als Cortés mit einem Teil seiner Soldaten in Richtung Küste marschiert war, um einen Trupp neu angelandeter Spanier unter seine Botmäßigkeit zu zwingen, metzelten zurückgelassene spanische Soldaten während einer religiösen Festlichkeit Angehörige der städtischen Oberschicht nieder, um sie ihres Gold- und Edelsteinschmucks zu berauben.

Überlebende des aztekischen Adels erklärten daraufhin Montezuma II. für abgesetzt und riefen die Bevölkerung auf, sich gegen die Eindringlinge zu erheben. Was auch geschah – die Spanier waren faktisch im eroberten Königspalast gefangen. Als Cortés mit seinem nun verstärkten Heer wieder in der Stadt eintraf, konnte er des Aufruhrs nicht Herr werden. In der sogenannten »Noche triste« (Traurige Nacht) zum 1. Juli 1520 räumten die Spanier unter hohen Verlusten und Zurücklassung geraubter Schätze die Stadt. Das ­Wüten des von Spaniern eingeschleppten Pockenvirus verhinderte eine effektive Verfolgung der Geschlagenen durch das Aztekenheer. In den Folgemonaten fiel geschätzt ein Drittel der Bevölkerung Tenochtitlans der Krankheit zum Opfer.

Das spanische Heer konnte sich in dieser Zeit neu formieren und mehrere mit der Aztekenherrschaft unzufriedene Völkerschaften als Verbündete gewinnen. So verstärkt, begann Cortés mit der Belagerung der Stadt. Da Tenochtitlan auf Inseln eines Salzwassersees errichtet war, blockierten die Spanier Brücken und Dämme, zerstörten alle Wasserleitungen und brachten mittels eilig zusammengezimmerter Kriegsschiffe den Bootsverkehr auf dem See zum Erliegen.

Obwohl in der Stadt nicht nur die Seuche grassierte, sondern auch Hunger und Durst herrschten, konnten die Aztekenkrieger den Eroberern und ihren Verbündeten in langwierigen und erbittert ausgetragenen Häuserkämpfen standhalten.

Der Fall von Tenochtitlan besiegelte dann das Ende des Aztekenreichs. Cuauhtemoc, der letzte König von Tenochtitlan, wurde beim Versuch, aus der Stadt zu flüchten, gefangengenommen und nach mehrjähriger Gefangenschaft auf Befehl von Cortés hingerichtet. Er gilt heute als mexikanischer Nationalheld.

Am Tag nach der Eroberung Tenochtitlans

Am Tag nach der Übergabe bat Cuauhtemoc den spanischen Befehlshaber, die Mexikaner die Stadt räumen und unbehelligt aufs feste Land ziehen zu lassen. Cortés stimmte bereitwillig zu, zumal er ja sonst keine Maßnahmen zur Reinigung der Hauptstadt ergreifen konnte. (…)

Die Zahl der Überlebenden, die Schwert, Seuche und Hunger entgangen waren, wird unterschiedlich angegeben und schwankt zwischen dreißig- und siebzigtausend, Frauen und Kinder nicht gerechnet. Sicher ist, dass sie drei Tage lang über die verschiedenen Dammwege strömten – ein trauriger Zug: Männer mit ihren Frauen, Eltern und Kinder, Kranke und Verwundete schleppten sich, einer den anderen stützend, mühsam fort, die Leiber schmutzig, nur halb mit Lumpen bedeckt, die mit jedem Schritt grässliche Wunden ans Licht brachten, teils jüngst empfangen, teils lange vernachlässigt, eiternd und übelriechend. Ihre abgezehrten Gestalten und die von Hunger entstellten Gesichter verrieten die ganze Geschichte der Belagerung (…).

Die Zahl derer, die im Lauf der Belagerung umgekommen waren, lässt sich unmöglich auch nur annähernd bemessen. Die Berichte schwanken zwischen 120.000, der niedrigsten Schätzung, und 240.000. Die Anzahl der gefallenen Spanier war verhältnismäßig klein, aber die Verluste der Verbündeten müssen groß gewesen sein (…). Die in der Stadt gefundene Beute – das heißt Gold und Juwelen, die einzige Beute von Wert in den Augen der Spanier – blieb weit hinter ihrer Erwartung zurück.

William Prescott: Die Eroberung Mexikos, Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung, Leipzig 1973

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  • Leserbrief von Andrea Scholz ( 9. August 2021 um 11:50 Uhr)
    Ich war erstaunt, ausgerechnet in der jW im Artikel über Tenochtitlan die Bezeichnung »Mexico City« zu lesen. »Ciudad« ist ja wohl richtig.
    • Leserbrief von Gerd Bedszent aus Berlin ( 9. August 2021 um 21:03 Uhr)
      Du hast an sich recht. Ich hatte den Satz allerdings etwas anders formuliert. Die englische Bezeichnung ist dann wohl beim Kürzen hineingeraten. Es hat also keinen politischen Hintergrund.
      Gerd Bedszent

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