-
19.03.20263 Leserbriefe
- → Ausland
Die nächsten Enthauptungsschläge
Krieg gegen Iran: USA und Israel töten erneut führende Politiker, Teheran gibt sich davon scheinbar unbeeindruckt
Binnen 24 Stunden hat Israel drei der ranghöchsten Funktionäre Irans getötet. Ali Laridschani, Generalsekretär des Nationalen Sicherheitsrates und zuletzt faktisch mächtigster Mann im iranischen Sicherheitsapparat, kam in der Nacht zum Dienstag bei einem israelischen Luftangriff ums Leben. Das am 28. Februar gleich zu Kriegsbeginn getötete Staatsoberhaupt Ali Khamenei hatte Laridschani noch vor seinem Tod persönlich damit beauftragt, das Überleben der Islamischen Republik unter militärischem Druck zu sichern. Ebenfalls am Dienstag wurde Gholamresa Soleimani, Kommandant der paramilitärischen Organisation Basidsch, in einem Zeltlager getötet – sein Hauptquartier war zu diesem Zeitpunkt bereits zerstört. In der darauffolgenden Nacht meldete der israelische Verteidigungsminister Israel Katz die Tötung von Irans Geheimdienstminister Esmail Khatib.
Eine erkennbare Wirkung auf die iranische Führungsfähigkeit bleibt jedoch aus. Der getötete Revolutionsführer Khamenei hatte für jede Schlüsselposition bis zu vier Nachfolgeebenen festgelegt und alle Amtsträger angewiesen, mögliche Nachfolger namentlich zu benennen. Außerdem haben die Attentate zu keiner Erhebung der Bevölkerung gegen einen vermeintlich geschwächten Regierungsapparat geführt. Wohl um das zu befördern, erklärte Katz, dass Premier Benjamin Netanjahu und er die Tötung hochrangiger iranischer Regierungsvertreter durch die Armee ohne spezielle Genehmigung erlaubt hätten.
Teheran antwortete auf die Tötung Laridschanis mit dem Abfeuern von Raketen mit Mehrfachgefechtsköpfen auf Israel. Im Wohngebiet von Holon, südlich von Tel Aviv, schlugen die Geschosse ein und töteten zwei Menschen. Außenminister Abbas Araghtschi bekräftigte, die Islamische Republik sei ein robustes politisches System, das nicht vom Schicksal einzelner Personen abhänge.
Irans neuer »Oberster Führer« Modschtaba Khamenei wies derweil Deeskalationsvorschläge zurück, die Vermittlerstaaten nach Teheran übermittelt hatten. Nach Angaben eines hochrangigen iranischen Vertreters, der anonym bleiben wollte und von Reuters zitiert wurde, bestand Khamenei darauf, dass die USA und Israel zunächst »in die Knie gezwungen« werden müssten, bevor Gespräche möglich seien. Washington und Tel Aviv setzen jedoch auf Eskalation und bombten am Mittwoch das größte Gasfeld der Welt, South Pars/North Dome, vor der iranischen Küste in Brand. Die iranischen »Revolutionsgarden« reagierten darauf mit Evakuierungsaufforderungen für mehrere Ölanlagen in Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar.
Parallel dazu weitete Israel seine Angriffe auf den Libanon aus. In den frühen Morgenstunden des Mittwoch trafen israelische Luftangriffe Beirut – die schwersten auf das Zentrum der Hauptstadt seit Jahrzehnten. Im Stadtteil Baschura wurde ein zehnstöckiges Gebäude, das Israel als Hisbollah-Stützpunkt bezeichnete, nach kurzer vorheriger Warnung an die Bewohner, vollständig zerstört. In zwei weiteren zentralen Stadtteilen wurden Wohngebäude ohne vorherige Warnung getroffen, mindestens zehn Menschen kamen dabei ums Leben.
Israel führt gleichzeitig eine Bodenoffensive im Süden des Landes durch und gibt an, Hisbollah-Stellungen anzugreifen. Zudem räumte die israelische Armee ein, eine Woche nach Kriegsbeginn aus einem Panzer auf einen Stützpunkt der UN-Friedensmission UNIFIL geschossen zu haben – drei ghanaische »Blauhelmsoldaten« waren dabei verletzt worden. Tel Aviv bezeichnete den Vorfall als Irrtum. Ein hochrangiger Vertreter des UN-Kinderhilfswerks erklärte unterdessen, dass Israel seit dem Einstieg der Hisbollah auf seiten Irans in die Verteidigung der Region täglich so viele Kinder getötet oder verwundet hat, wie in einer Schulklasse sitzen – laut dem Gesundheitsministerium in Beirut konkret 111 bzw. 334 Kinder seit dem 2. März.
Die Straße von Hormus bleibt für den regulären Schiffsverkehr weitgehend gesperrt. Iran kontrolliert die Durchfahrt de facto. Die wenigen Schiffe, die die Straße passieren, tun dies demnach entlang der iranischen Küste – offenbar mit Duldung Teherans. Der Brand auf dem Flugzeugträger »USS Gerald R. Ford«, der am 12. März im Wäschereibereich des Schiffs ausgebrochen war und mehr als 30 Stunden lang anhielt, zwingt den Träger nun zu Reparaturen: laut dem US Naval Institute in der US-Basis auf der griechischen Insel Kreta. Es ist bereits der zehnte Monat, in dem die »Ford« ununterbrochen im Einsatz ist – ein Umstand, der laut dem Militärportal The War Zone die gesamte Einsatzplanung der US-Marine unter Druck setzt. Damit verbleibt nur die »USS Abraham Lincoln« in der Kriegsregion, aber auch dieser US-Flugzeugträger hatte sich zuletzt in Richtung Oman entfernt.
Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
-
Helmut Schaper aus Mönchengladbach 19. März 2026 um 19:47 UhrHallo! Ich finde, die jW sollte eine klare Sprache haben. Wenn jemand ohne Gerichtsverfahren, ohne die Möglichkeit, sich zu wehren, ohne Verurteilung getötet wird, dann ist das Mord. Ansonsten wird eine solche Praxis verharmlost. Der Friedensnobelpreisträger Obama hat über die Joint Prioritized Target List (JPTL) in seiner Amtszeit über 3000 solcher Morde befohlen. Die Menschen, die vor der Küste Venezuelas auf ihren Booten waren, die wurden nicht getötet. Sie wurden ermordet. Und genauso ist es mit den Politikern in Iran. Ob sie uns gefallen oder nicht. Sie wurden ermordet. Mit nettem Gruß Helmut Schaper
-
Onlineabonnent*in Joachim S. aus B. 19. März 2026 um 07:04 UhrWieder haben die USA eine wichtige Lehre der Vergangenheit verdrängt. In Vietnam hätten sie lernen können, dass Völker, die sich vor Kolonialismus oder Neokolonialismus fürchten, ungeahnte Kräfte entwickeln können. Die Lehre wurde in Afghanistan wiederholt und nun folgt sie im Iran. Schon in der Bibel – in Israel müsste man das wissen – findet sich die Geschichte, dass Davids moralische Kraft Goliaths unglaubliche Stärke überwinden konnte. Obwohl die herrschenden Evangelikalen in den USA glauben, fast jede Bibelstelle perfekt interpretieren zu können: Diese haben sie gewiss nie verstanden. Wieder bringen sie die Welt an den Abgrund, indem sie davon ausgehen, Völker ungestraft in die Steinzeit zurückbomben zu können. Die Drohungen Israels, auch Atomwaffen einsetzen zu können, beweisen: Wir sind ganz nahe daran, dass das für ungeahnt große Teile der Welt Wirklichkeit wird.
-
Istvan Hidy aus Stuttgart 18. März 2026 um 21:03 UhrVorsicht: Vor unseren Augen scheint sich eine regelrechte »Antikultur des Mordens« auszubreiten, getragen von machtpolitischen Interessen der USA und Israels. Es wirkt wie ein befremdliches Phänomen, dass dieser Krieg innerhalb der Öffentlichkeit des sogenannten Wertewestens auf breite Zustimmung stößt. Bezeichnend dafür sind Äußerungen führender politischer Akteure – etwa wenn der US-Verteidigungsminister mit aggressiver Rhetorik auftritt und fordert, dem Iran gegenüber »keine Gnade« walten zu lassen. Solche Aussagen erscheinen nicht nur überzogen, sondern liefern zugleich ein beunruhigendes Indiz für die Verrohung politischer Sprache und Denkweisen. Auffällig ist zudem, dass Israel in dieser Konstellation zunehmend die strategische Richtung vorgibt. Solange die Unterstützung der USA dabei nahezu bedingungslos und reflexhaft erfolgt, dürfte sich an dieser Dynamik wenig ändern. Aus externer Perspektive wirkt der Konflikt daher wie ein Krieg eines Westens, der sich zunehmend von seinen eigenen normativen Ansprüchen entfernt hat – von Prinzipien wie Anstand, Menschlichkeit und der Achtung des Völkerrechts. Im größeren historischen Kontext deutet sich ein möglicher Wendepunkt an: Ein Westen, der über Jahrhunderte hinweg eine dominante Stellung innehatte, sieht sich nun mit deren schrittweisem Verlust konfrontiert. Doch statt diesen Wandel selbstkritisch zu reflektieren, entsteht der Eindruck, dass es sowohl im Aufstieg als auch im Niedergang an Würde und Maß mangelt.
Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!