Waffenruhe mit Widersprüchen
Von Lars Lange
In der Nacht zum Freitag ist eine zehntägige Waffenruhe zwischen Israel und dem Libanon in Kraft getreten. US-Präsident Donald Trump verkündete die Einigung als Ergebnis von Gesprächen mit dem libanesischen Präsidenten Joseph Aoun und Israels Premier Benjamin Netanjahu.
Hisbollah-Vertreter waren an den Verhandlungen nicht beteiligt und haben sich nach Angaben der Washington Post vom Freitag nicht zur Einhaltung des Abkommens verpflichtet. Libanon und seine Bewohner hätten ein »Recht auf Widerstand«, solange israelische Truppen libanesisches Territorium besetzen, hieß es von der Partei am Donnerstag laut Reuters. Eine Waffenruhe sei abzulehnen, weil sie Israel Bewegungsfreiheit im Libanon einräume.
Trump forderte die Organisation in den frühen Morgenstunden auf seiner Onlineplattform »Truth Social« auf, sich »anständig zu verhalten«. Netanjahu hat der vorläufigen Waffenruhe zwar zugestimmt, lehnt jedoch die Forderung der Hisbollah nach einem israelischen Truppenabzug ab und beharrt auf einer zehn Kilometer tiefen »Sicherheitszone« im Südlibanon. »Das von uns definierte Ziel – die Entwaffnung der Hisbollah mit militärischen oder politischen Mitteln – war und bleibt das Ziel des Einsatzes«, fügte Verteidigungsminister Israel Katz in einer Videobotschaft am Freitag hinzu und kündigte erneut die Zerstörung aller Häuser in grenznahen Dörfern im Südlibanon an. Ein ranghoher israelischer Regierungsvertreter erklärte gegenüber der Jerusalem Post in der Nacht zum Freitag, die USA seien diesmal bereit, auch unter Einsatz von US-Ressourcen die Entwaffnung der Hisbollah aktiv anzuführen. Israels Truppen würden auch weiterhin Gebäude aus angeblichen Sicherheitsgründen demolieren können.
Nach Beginn der Waffenruhe warf die libanesische Armee Israel bereits am frühen Morgen Verstöße vor, wie AFP berichtete. Es seien mehrere Aggressionen registriert worden. Die Hisbollah verübte nach eigenen Angaben einen Vergeltungsangriff auf israelische Soldaten nahe der Stadt Chiyam.
Die humanitäre Bilanz des Kriegs im Libanon ist verheerend. Seit dem 2. März wurden nach libanesischen Angaben mehr als 2.200 Menschen getötet und über 1,2 Millionen aus ihren Häusern vertrieben. Laut BBC wurden 1.400 Gebäude zerstört. Auf israelischer Seite starben zwei Zivilisten sowie 13 Soldaten.
Dabei hat die israelische Offensive ihre selbst gesetzten Ziele – insbesondere die Schaffung der »Sicherheitszone« und die Schwächung der Hisbollah – weitgehend verfehlt. In Bint Dschubail, einer Stadt im äußersten Süden des Libanon nahe der israelischen Grenze, und im einige Kilometer östlich gelegenen Chiyam tobten in den vergangenen Wochen die schwersten Bodenkämpfe des Konflikts. Ein Hisbollah-Funktionär erklärte am Donnerstag gegenüber The National News, ohne die Einnahme von Bint Dschubail könne Israel seine Positionen im Südlibanon nicht verbinden und keine Besatzungszone errichten. Bereits 2024 scheiterte Israel an der vollständigen Einnahme des Ortes.
Auch nach mehr als vierzig Tagen Bodenoffensive hat Israel im Südlibanon kaum strategischen Fortschritt erzielt. Im Krieg von 2006 stieß die Armee innerhalb von dreißig Tagen bis zur Litani-Linie vor – rund 32 Kilometer nördlich der Grenze. Diesmal blieben die Geländegewinne der Truppen trotz des Einsatzes von mittlerweile sechs Divisionen weitgehend auf wenige Kilometer jenseits der Grenze beschränkt. Die proisraelische Washingtoner Denkfabrik »Foundation for Defense of Democracies« kam kürzlich zu dem Schluss, Israel sei an mehreren Fronten überdehnt – Luftmacht allein reiche nicht aus, um die Hisbollah zu entwaffnen.
Dass die Nachschublinien der Organisation trotz der israelischen Belagerung funktionieren, legt auch die Zerstörung der letzten verbliebenen Brücke über den Fluss Litani durch Israel nahe: ein Schritt, der eher auf Verzweiflung als auf militärische Stärke schließen lässt. Nach Inkrafttreten der Feuerpause richteten libanesische Behörden eine notdürftige einspurige Überfahrt ein. Dennoch strömten Zehntausende sofort in den Süden zurück – trotz israelischer Warnungen, dass die Truppen weiterhin im Einsatz seien.
Eine militärische Kompetenz hat Hisbollah in den letzten Wochen deutlich ausgebaut: den Einsatz von FPV-Drohnen gegen die israelischen Aggressoren. Die libanesischen Kämpfer greifen dabei zunehmend auf glasfaserkabelgesteuerte Systeme zurück, die gegen elektronische Störmaßnahmen weitgehend immun sind. In zahlreichen Videos sind Treffer auf »Merkava-Mk-4«-Panzer, »D9«-Bulldozer und »Namer«-Schützenpanzer mit »Trophy«-Aktivschutz zu sehen. Obwohl die israelische Rüstungsfirma Rafael ihr »Trophy«-System auch als Verteidigung gegen Drohnen bewirbt, zeigen die Aufnahmen, dass es in der Praxis gegen FPV-Drohnen versagt.
Die mangelnde israelische Durchsetzungskraft gegen die Hisbollah ist ein Faktor, der zum Zustandekommen der Waffenruhe beigetragen haben dürfte.
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