Zum Inhalt der Seite
Allianz der Sahelstaaten

Bamakos strategischer Fehler

Mali: Auf der Suche nach Verbündeten hat sich Übergangsregierung Marokko angenähert. Dafür zahlt sie jetzt den Preis

Foto: Mali Presidency via Facebook/Handout via REUTERS
Staatstrauer in Bamako: Das prominenteste Todesopfer der konzertierten Offensive von Dschihadisten und Tuareg war Verteidigungsminister Sadio Camara (30.4.2026)

Seit einer Woche herrscht wieder Chaos in Mali. Der seit 2012 aktiven Unabhängigkeitsbewegung der Tuareg ist es gelungen, die malische Armee samt ihren Verbündeten vom russischen »Afrikakorps« zum Abzug aus der nördlichen Metropole Kidal und weiteren Orten zu zwingen. In einer koordinierten Operation wurden zudem die mehr als 1.500 Kilometer entfernte Hauptstadt Bamako sowie die benachbarte Garnisonsstadt Kati von Dschihadisten angegriffen. Diese waren mit schweren Waffen und modernsten Drohnen ausgerüstet. In Kati wurde der Verteidigungsminister getötet.

Die malische Übergangsregierung verbreitet, dass Frankreich – unter anderem unterstützt von ukrainischen Söldnern – hinter den Angriffen stehe. Damit gäbe sie aber zu, dass sie sich womöglich selbst in eine Falle manövriert hat, als sie sich im vergangenen Jahr Marokko annäherte und schließlich sogar dessen Souveränität über die Westsahara anerkannte. Dass sich Mali auf diese Weise nicht nur wieder in die politische Sphäre der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich, sondern auch der USA und Israels begab, die alle eng mit Marokko verbunden sind, geschah wohl in der trügerischen Hoffnung, dass diese Mächte dann die Unterstützung von Tuareg und Dschihadisten aufgeben würden.

Das erweist sich nun als gigantische Fehlkalkulation. Ihr waren malische Regierungen schon mehrfach erlegen: Um den Vormarsch islamistischer Truppen zu stoppen, waren 2013 französische Truppen nach Mali gerufen worden. 2022 mussten diese wieder abziehen, weil sie in Verdacht geraten waren, im Umgang mit aufständischen Gruppen eigene Interessen und Präferenzen durchzusetzen und der Regierung damit politische Versöhnungsprozesse unmöglich zu machen. Die dann folgende Zusammenarbeit Bamakos mit Russland hatte entsprechend zur Grundlage, dass diese sich auf militärische Beratung beschränkt und militärpolitische Entscheidungen der malischen Regierung respektiert werden.

Anzeige

Noch ist nicht entschieden, inwieweit die malischen Streitkräfte Widerstand leisten können, zumal Teile von ihnen unter Verdacht stehen, die Verteidigung sabotiert zu haben. Und wird es tatsächlich militärische Unterstützung von Burkina Faso und Niger geben? Diese Länder hatten 2023 zusammen mit Mali die »Allianz der Sahelstaaten« (AES) mit dem ausdrücklichen Ziel gegründet, sich von neokolonialer Vormundschaft zu befreien. Auch vereinbarte man eine gegenseitige Beistandspflicht. Ob sie zum Tragen kommt, ist aber nicht nur zu bezweifeln, weil diese Staaten ebenfalls unter ständiger Bedrohung dschihadistischer Gruppen stehen. Mehr noch haben sie den außenpolitischen Schwenk Malis nicht mit vollzogen.

Die Annäherung an Marokko brachte auch eine feindliche Haltung gegenüber Algerien mit sich, das beschuldigt wurde, die Sezession der Tuareg zu unterstützen. Burkina Faso hat die engen Beziehungen zu Algerien nie aufgegeben, und Niger hat sie mit dem Besuch von Präsident Abdourahamane Tchiani im Februar dieses Jahres in Algier nicht nur erneuert, sondern durch umfangreiche Kooperationsverträge für ökonomische Entwicklungsprojekte auch auf eine neue Basis stellen können. Denn Algerien ist nicht nur durch die Kontinuität seines Widerstands gegen neokoloniale Ambitionen, sondern auch durch seine stark gestiegene industrielle Kraft prädestiniert und gewillt, die innerafrikanische Integration von der ideologischen Ebene auf eine wirtschaftliche zu heben.

Daher hat auch der Tschad – ein Sahelstaat, der mit ähnlichen Problemen wie die AES konfrontiert ist – seine Beziehungen zu Algerien ebenfalls erheblich verstärkt. Seit Januar dieses Jahres wurden zwischen beiden Ländern umfangreiche Kooperationsverträge unterzeichnet. Es geht vor allem um den Transfer von Erfahrungen bei der Ausbildung von Fachkräften für die Erdölförderung und den Bergbau sowie um die Verwaltung und juristische Ausgestaltung dieser Bereiche. Des weiteren wollen beide Länder auf Gebieten wie dem Umwelt- und Tierschutz zusammenarbeiten und planen bilaterale Investitionen etwa in der Pharmaindustrie. Im April bekräftigte ein zweitägiger Staatsbesuch des Präsidenten des Tschad, Mahamat Idriss Déby Itno, in Algier die Vorhaben.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 04.05.2026, Seite 7, Ausland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!