Damaskus bedroht Nachbarland
Von Wiebke Diehl
Man wolle keine militärische Eskalation, vielmehr handele es sich bei der Stationierung von Truppen an der Grenze zu Nachbarländern um eine rein defensive Maßnahme – zu dieser Erklärung sah sich das syrische Verteidigungsministerium in der vergangenen Woche gezwungen. Zuvor war in arabischen Medien darüber berichtet worden, der zur Regierungsarmee umdeklarierte Al-Qaida-Ableger Haiat Tahrir Al-Scham (HTS) des syrischen »Übergangspräsidenten« Abu Mohammed Al-Dscholani stehe bereit, im Libanon Stellungen der Hisbollah anzugreifen.
Am Mittwoch vergangener Woche hatte Damaskus bekanntgegeben, die Militärpräsenz in den Grenzgebieten zu Irak und Libanon zu verstärken. Offiziell, um Schmuggel und organisierte Kriminalität zu bekämpfen und »illegale Aktivitäten« zu verhindern. Dass solche Maßnahmen just in dem Moment ergriffen werden, in dem Israel seinen Krieg gegen den Libanon erneut intensiviert und Widerstandsgruppen im Irak ins Visier nimmt, sticht ins Auge. Die »rein defensive« Natur des Vorgehens darf allein deswegen bezweifelt werden, weil Damaskus schon vor Wochen insgesamt rund 40.000 Kämpfer – darunter Hunderte uigurische und usbekische Dschihadisten nebst Panzern, Truppentransportern, Kurzstreckenraketen und Artillerie – an die Grenze verlegt hatte. Das übersteigt den Umfang schlichter »Grenzkontrollen« bei weitem.
Darüber hinaus wurde die Militärpräsenz an der Grenze zu Israel ausgeweitet, wohl um Angriffe auf das Land von syrischem Territorium aus zu unterbinden. Die Machthaber in Damaskus haben im US-israelischen Krieg gegen Iran und Libanon den syrischen Luftraum für israelische Flugzeuge freigegeben. Die HTS-Milizen wurden beim Sturz der Assad-Regierung von Washington und Tel-Aviv unterstützt; den fortschreitenden israelischen Besatzungsaktivitäten im Land lassen sie seither freien Lauf und gehen selbst gegen palästinensische Widerstandsgruppen, die Hisbollah und die iranische Revolutionsgarde vor.
Die Dscholani-Regierung bezichtigte die Hisbollah mehrfach, Waffen durch das Land geschmuggelt zu haben und für Anschläge auf syrischem Territorium verantwortlich zu sein, was diese vehement bestreitet. Während der Zeit der Assad-Regierung stellte Syrien die wichtigste militärische Nachschublinie der Hisbollah dar. Damaskus ist inzwischen der sogenannten Anti-IS-Koalition beigetreten. Die hat den IS zwar nie wirksam bekämpft, dafür aber erst auf den »Regime-Change« in Syrien und seither auf die Zerschlagung der »Achse des Widerstandes« hingewirkt.
Seit der HTS-Machtübernahme im Dezember 2024 kommt es immer wieder zu gewaltsamen Zusammenstößen an der syrisch-libanesischen Grenze. So etwa im Februar 2025, als aus Syrien kommende Milizen mit libanesischen Stammeskämpfern aneinandergerieten. Damals musste die libanesische Armee eingreifen. Im Juli wurde von ausländischen Kämpfern – darunter militanten Uiguren – berichtet, die von syrischem Territorium aus Angriffe auf die Hisbollah planten. Diese wiederum hatte ihren jahrelangen militärischen Einsatz auf seiten der Regierung Assad unter anderem damit begründet, dass im Land aktive dschihadistische Assad-feindliche Milizen auch für den Libanon eine Gefahr darstellten. Dazu passend drohte der US-Gesandte Tom Barrack im vergangenen Jahr dem Libanon mit einer Annexion durch Syrien.
Parallel zum Krieg gegen den Iran bombardiert Israel auch den Libanon intensiv. Erste Bodentruppen haben bereits die Grenze überquert, weitreichende Evakuierungsbefehle wurden an die Bevölkerung im Südlibanon herausgegeben, Zehntausende flüchteten. Der Generalstabschef der israelischen Armee hat als Ziel die Entwaffnung der Hisbollah ausgegeben. Die Hisbollah hatte nach der Ermordung des iranischen Staatschefs Ali Khamenei – der auch ihr als höchste religiöse Autorität galt – Raketenangriffe auf Israel durchgeführt. Allerdings wurde aus israelischen Sicherheitskreisen mittlerweile zugegeben, dass ein großangelegter Militärschlag gegen die Miliz ohnehin geplant war. Trotzdem verbot die libanesische Regierung vergangene Woche der Hisbollah alle Sicherheits- und Militäraktivitäten – obwohl sie bislang die einzige Kraft im Land war, die den israelischen Angriffen und Invasionsplänen wirksam etwas entgegensetzen konnte.
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