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04.05.2026
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»Das Vaterland wird verteidigt«
Kuba: Maifeierlichkeiten fanden dieses Jahr unter größten Schwierigkeiten statt. USA verschärfen Blockade weiter. Doch der Kampfeswille ist ungebrochen
Der 1. Mai dieses Jahr in Kuba war anders. Nicht, weil er wegen Benzinmangels nicht auf dem Platz der Revolution stattfinden konnte. Das gab es schon einmal, auch wenn die Lage nie so schwierig wie heute war. Nur wer gut zu Fuß war oder ein elektrisches oder solarbetriebenes Gefährt auftreiben konnte, konnte teilnehmen. Sternförmig steuerten die Menschenmassen in vier Kolonnen die »Antiimperialistische Tribüne« direkt bei der US-Botschaft an. Wie immer waren viele schon frühmorgens auf den Beinen. Besonders Jugendliche machten die Nacht durch und waren, als sich die Teilnehmer um sechs Uhr in Bewegung setzten, guter Stimmung. Die Leute waren fröhlich, wedelten mit ihren kubanischen Fahnen – das war wie immer. Aber es schwang etwas mit.
»La patria se defiende« – »Das Vaterland wird verteidigt«, war der Wahlspruch an diesem 1. Mai. Unentwegt wurde skandiert: »La Patria«, und alle riefen: »Se defiende«. Bei allem Lachen und Tanzen fühlten die Menschen bewusst oder unbewusst die Gefahr, die über ihnen schwebt. Die Fernsehmoderatoren sagten, als ich mir später die Übertragung ansah, dass die Teilnehmer überwiegend weiß gekleidet gewesen seien, um ihrem Wunsch nach Frieden Ausdruck zu verleihen. Das halte ich allerdings für etwas übertrieben. Von den diversen 1.-Mai-T-Shirts in meinem Besitz sind alle weiß, und wir bekamen früher immer gesagt, weiß, rot oder blau, also die Nationalfarben, seien die angemessene Bekleidung für diesen Anlass.
Mit etwas Verspätung hatte sich dann nach acht Uhr eine halbe Million Einwohner der Hauptstadt dichtgedrängt zur »Tribüne« vorgearbeitet, alle Augen auf die US-Botschaft gerichtet. Erstaunlicherweise machten alle noch einen frischen Eindruck, als sie lautstark das Ende der Blockade und Frieden forderten und den hinter den verdunkelten Scheiben sitzenden US-Vertretern zuriefen, dass Kuba nicht allein sei. Allein in Havanna waren auch mehr als 800 Freunde aus 38 Ländern dabei.
Da der Posten des Vorsitzenden des Gewerkschaftsdachverbands im Augenblick vakant ist, hielt Osnay Miguel Colina Rodríguez, der Präsident des Organisationskomitees für den bald stattfindenden Kongress des Gewerkschaftsdachverbands CTC, die zentrale Rede. Auch er betonte, dass Kuba für niemanden eine Bedrohung darstelle. Obwohl allein die Vorstellung, dass das kleine Land für die mächtigen USA eine Bedrohung darstellen könnte, lächerlich ist. Bei der Kundgebung wurde Fidel Castros Bruder Raúl Castro und Präsident Miguel Díaz-Canel symbolisch ein Buch überreicht, in dem mehr als sechs Millionen Kubaner für ihr Vaterland unterschrieben hatten. Dabei handelt es sich um mehr als sechs Millionen Menschen, die im Ernstfall zur Verteidigung Kubas bereitstehen. Ihnen ist bewusst, dass es um alles oder nichts geht.
Anscheinend haben die machtvolle Demonstration von mehr als einer halben Million Menschen vor der US-Botschaft und die vier Millionen, die im ganzen Land für Kuba und den Sozialismus auf die Straßen gingen, US-Präsident Donald Trump so verärgert, dass er noch am selben Tag ein neues Dekret herausgab, das unter anderem Sanktionen gegen ausländische Banken vorsieht, die mit Kuba zusammenarbeiten. Zudem kündigte Donald Trump auch noch an, den Flugzeugträger USS »Abraham Lincoln« auf dem Weg zurück aus dem Iran vor den Küsten Kubas zu stationieren. Am 2. Mai fand auch wie jedes Jahr das »Internationale Solidaritätstreffen« im Kongresspalast statt, und fast jeder, der in Partei und Regierung Rang und Namen hat, war gekommen. Präsident Díaz-Canel lobte den Mut der Besucher, die zu dieser Zeit nach Kuba reisten – vertreten waren Menschen aus allen fünf Kontinenten.
Wie Kubas Außenminister Bruno Rodríguez deutlich machte, ist die Blockade ein Kriegsakt. »Patria es humanidad« – »Das Vaterland ist die Menschheit«, sagte er. Und im Falle eines Angriffs wird nach dieser Logik des Nationaldichters José Martí die Menschheit angegriffen. Aber was wird die Menschheit tun, wenn Kuba angegriffen wird? Ja, was machen wir dann? Diese Frage richtete auch der belgische Ökonom Marc Vandepitte an alle Anwesenden. Rob Miller aus Großbritannien sprach, wie er sagte, in Vertretung von vier Millionen Arbeitern. Er will die Regierung in London dazu bringen, Kuba zu helfen. 117 Parlamentsmitglieder haben eine entsprechende Petition unterschrieben. Für ihn sind die wahren Helden die Ärzte und Krankenschwestern in den kubanischen Krankenhäusern.
Bewunderung wurde Italien entgegengebracht, da es gelungen war, am 1. Mai in Rom mehr als 10.000 Menschen für Kuba auf die Straße zu bringen. Die lebhafteste Gruppe beim Solidaritätstreffen waren die Venezolaner, die unentwegt Freiheit für Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores forderten, die Anfang Januar von den USA entführt worden waren. Auch der kubanische Präsident verlangte vehement deren Freilassung – wobei er selbst von Washington bedroht wird. Für Kuba ist es wichtig, dass viele solidarische Menschen aus dem Ausland kommen. Einmal, weil sie das Gefühl vermitteln, dass Kuba nicht allein ist. Und zum anderen, weil die Kubaner die Hoffnung haben, dass Trump sich nicht mit der ganzen Welt auf einmal anlegen will. Kuba hat uns noch nie so gebraucht wie heute.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
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