Drohnenweltmeister braucht Drohnen
Von Lars Lange
Großbritannien will der Ukraine in diesem Jahr mindestens 120.000 Drohnen liefern – das größte derartige Paket, das London jemals geschnürt hat. Die Lieferungen, so das britische Verteidigungsministerium, hätten bereits begonnen. Eine Meldung, die auf den ersten Blick merkwürdig anmutet: Die Ukraine produziert nach Angaben ihres Verteidigungsministers inzwischen mehr Drohnen als jedes andere Land der Welt – im Jahr 2024 waren es 2,2 Millionen Stück. 96 Prozent des eigenen Bedarfs wurden aus heimischer Produktion gedeckt.
Wie kann ein Land, das sich zum weltweit größten Drohnenproduzenten entwickelt hat, gleichzeitig auf Lieferungen von außen angewiesen sein? Die Erklärung liegt weniger in den Produktionskapazitäten als in der Finanzierung. Nach Angaben des ukrainischen Rüstungsherstellerverbandes »Tech Force in Ukraine« erreichten ukrainische Drohnen- und Elektronikhersteller im Jahr 2024 nur rund 37 Prozent ihrer Produktionskapazitäten – nicht wegen fehlender Nachfrage, sondern weil Kiew nicht genügend Aufträge finanzieren konnte. Auch der Haushalt für 2025 deckte demnach nur etwa die Hälfte des Produktionspotentials ab. Für die Industrie ergibt sich daraus ein widersprüchliches Bild: Während an der Front weiterhin ein hoher Bedarf an Drohnen besteht, bleiben Teile der Produktionskapazitäten ungenutzt.
Protektorat des Westens
Der Grund ist strukturell, denn die Ukraine finanziert den Krieg nicht selbst. Mit dem Kurswechsel der US-Regierung unter Donald Trump ist ein riesiges Finanzierungsloch entstanden, das die EU und Großbritannien nun notdürftig stopfen. Das hat direkte Konsequenzen für die Rüstungsindustrie. Deren Produktionskapazität lag 2025 bei geschätzten 35 Milliarden US-Dollar – der tatsächliche Auftragswert betrug lediglich zwölf Milliarden Dollar.
Der Staatshaushalt der Ukraine weist in diesem Jahr ein Defizit von fast einem Fünftel des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf. Die Verteidigungsausgaben verschlingen laut einem Reuters-Artikel vom Mittwoch 27,2 Prozent des BIP – den Großteil der gesamten Staatseinnahmen. Seit Kriegsbeginn hat Kiew 174 Milliarden US-Dollar an ausländischer Finanzhilfe erhalten. Ohne den nun freigegebenen 90-Milliarden-Euro-Kredit der EU, der wochenlang durch ein Veto Ungarns blockiert war, wäre die Ukraine nach Einschätzung von Ökonomen bereits im Juni zahlungsunfähig geworden.
Nach Angaben von Präsident Wolodimir Selenskij stammen nur 40 Prozent der Rüstungsfinanzierung aus dem eigenen Staatshaushalt – je 30 Prozent tragen die USA und die EU bei. Ein Land, das mehr als ein Viertel seines Bruttoinlandsprodukts für Rüstung aufwendet und ohne europäische Kreditlinien im Sommer zahlungsunfähig wäre, führt keinen souveränen Krieg. Es kämpft als finanzielles Protektorat des sogenannten Westens.
Industrielles Testgelände
Aber die britische Drohnenlieferung beleuchtet eine zweite Dimension. Das Paket enthält keine billigen FPV-Kamikazedrohnen, wie sie die Ukraine selbst zu Hunderttausenden produziert. Hinter den 120.000 Stück stecken drei britische Hersteller mit klar definierten Plattformen: Tekever liefert Aufklärungsdrohnen der AR3- und AR5-Serie – Langstreckenaufklärungssysteme in Flugzeugform, die bis zu 20 Stunden in der Luft bleiben. Windracers produziert mit dem Modell »Ultra« eine schwere Transportdrohne, die bis zu 200 Kilogramm Nutzlast über Tausende Kilometer trägt – wahrscheinlich umgebaut zu einem strategischen Bomber. Malloy Aeronautics schließlich liefert mit seiner T-Serie schwere Multikopter für die Frontversorgung: Munition, Verwundete, Sprengladungen – Reichweite bis 80 Kilometer, Nutzlast bis 180 Kilogramm.
London liefert ein vernetztes System aus Aufklärung, Logistik und Angriff. Das Verteidigungsministerium machte vergangene Woche in einer Mitteilung klar: Das Geld bleibt zu großen Teilen im eigenen Land und stärkt die dortige Industrie. Die Ukraine stellt das Gefechtsfeld. Britische Unternehmen liefern die Plattformen und sammeln die Daten, auf denen die nächste Generation ihrer Systeme basieren soll. Die Ukraine ist nicht nur finanzielles Protektorat des Westens – sie ist auch sein industrielles Testgelände für neueste Waffenentwicklungen.
Doch die imperialistischen Kernländer nutzen den Ukraine-Krieg nicht nur als billiges Echtzeittestfeld für ihre eigenen Produkte. Auch die Ergebnisse der ukrainischen Militärforschung fließen systematisch außer Landes. Westliche Staaten locken Rüstungshersteller mit Exportaufträgen, aber der Preis ist die Beteiligung westlicher Firmen, die damit Zugang zu ukrainischem Know-how erhalten.
Verlagerung ins Ausland
So wurde im vergangenen Jahr das gemeinsame britisch-ukrainische Venture »Project Octopus« an den Start gebracht, das die Massenproduktion von Luftabwehrdrohnen unter dem Dach der neugegründeten Firma Ukrspecsystems UK in Großbritannien vorsieht. Im Februar haben sich der deutsche Drohnenhersteller Quantum Systems und das auf Robotik spezialisierte ukrainische Startup »Frontline Robotics« zusammengetan und mit der KI-gestützten Mehrzweckdrohne »Linza 3.0« die erste in Deutschland produzierte ukrainische Drohne übergeben. Anfang dieses Jahres hat Kiew mit dem Projekt »Brave 1« auf Basis der Software des US-Überwachungskonzerns Palantir und in Zusammenarbeit mit dem Partner des US-Militärs eine Plattform geschaffen, über die Schlachtfelddaten in zukünftige KI-Anwendungen fließen sollen. Russische Angriffe auf Produktionsstätten beschleunigen die Abwanderung ukrainischer Waffenschmieden zusätzlich – bis Oktober 2025 erwog mehr als die Hälfte aller Rüstungshersteller die Verlagerung ins Ausland.
Hintergrund: Kiew wirbt mit Expertise
Die Ukraine hat mit Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar jeweils zehnjährige »Verteidigungsabkommen« abgeschlossen. Nach Angaben aus Kiew sind diese Teil eines von Präsident Wolodimir Selenskij als »Drone Deal« bezeichneten Pakets, das Waffenexporte, gemeinsame Produktion und kofinanzierte Technologieentwicklung umfasst. Die Partnerstaaten sollen demnach über Jahre hinweg finanzielle Beiträge leisten. Mit Oman, Kuwait und Bahrain laufen Reuters zufolge noch Verhandlungen. Bereits jetzt haben nach Angaben von Selenskij elf weitere Staaten Interesse an ukrainischer Drohnentechnologie bekundet – darunter Länder Westasiens, des Golfs und perspektivisch des Kaukasus. Im Zuge der Kooperation wurden nach ukrainischen Angaben mehr als 200 Spezialisten in die Regionen entsandt, unter anderem nach Saudi-Arabien, Katar, in die Vereinigten Arabischen Emirate sowie nach Jordanien und Kuwait.
Hintergrund des Interesses der Golfstaaten ist vor allem die drastische Kostenasymmetrie moderner Drohnenkriegführung. Iranische Angriffsdrohnen kosten schätzungsweise zwischen 20.000 und 50.000 US-Dollar pro Stück. Die Golfstaaten setzen dagegen bislang weitaus teurere Systeme zur Abwehr ein: So genehmigte Washington im März den Verkauf von 400 AIM-120C-AMRAAM-Raketen an die Vereinigten Arabischen Emirate im Gesamtwert von 1,22 Milliarden US-Dollar – rund drei Millionen Dollar pro Einheit – zur Drohnenabwehr per Kampfjet.
Auch das US-Militär setzt auf einer seiner wichtigsten Militärbasen in Saudi-Arabien ukrainische Drohnenabwehrtechnologie ein – obwohl US-Präsident Donald Trump dies noch Wochen zuvor öffentlich abgelehnt hatte. Auf der Prince Sultan Air Base, rund 640 Kilometer von der iranischen Grenze entfernt, wurde in den vergangenen Wochen die ukrainische Software »Sky Map« eingeführt. Dabei handelt es sich nicht um eigene Abfangsysteme, sondern um eine Kommando- und Auswertungssoftware. Sie vernetzt vorhandene Sensoren und Luftabwehrsysteme zu einem gemeinsamen Lagebild und hilft, eingehende Ziele zu priorisieren und die jeweils geeigneten Abwehrmittel zuzuweisen. Ziel ist es, teure Raketen nicht gegen vergleichsweise billige Drohnen einzusetzen. Ukrainische Fachleute reisten dafür zum Stützpunkt, um US-Soldaten zu schulen. Die Air Base war seit Beginn des US-amerikanisch-israelischen Angriffskriegs wiederholt Ziel iranischer Vergeltungsschläge. Dabei wurde unter anderem ein E-3-AWACS-Aufklärungsflugzeug zerstört; mehrere KC-135-Tankflugzeuge wurden beschädigt. (ll)
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