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Verschleppte Journalisten

»Wo ist Eva?«

Initiative fordert vom Auswärtigen Amt Aufklärung über das Schicksal von Eva Michelmann

Foto: Ignacio Rosaslanda/jW
»Wo ist meine Tochter?« fragte Rotraut Hake-Michelmann am Dienstag vor dem Auswärtigen Amt in Berlin

»Wenn Deutsche in Not geraten, sind wir da«, verspricht ein Banner über dem Eingang zum Auswärtigen Amt in Berlin-Mitte. Davor versammelten sich am Dienstag mittag etwa 30 Personen, um die Einlösung dieses Versprechens einzufordern. Aufgerufen hatte die Initiative »Wo ist Eva?«, die sich um das Schicksal der deutschen Staatsbürgerin Eva Maria Michelmann sorgt. Die linke Journalistin wurde nach Angaben der Initiative am 18. Januar gemeinsam mit ihrem kurdischen Kollegen Ahmet Polad in der Stadt Raqqa von Truppen der syrischen islamistischen Übergangsregierung festgenommen. Seitdem fehlt von den beiden Verschleppten jede Spur.

Die Rednerinnen und Redner der Initiative forderten das deutsche Außenministerium auf, endlich aktiv zu werden und alle diplomatischen Kanäle auszunutzen, um den Verbleib der beiden Journalisten aufzuklären. Das Auswärtige Amt sei zwar bereits seit mindestens zwei Wochen informiert und habe nach eigenen Angaben alle wesentlichen Stellen in der Region, nicht nur in Syrien, benachrichtigt. Das hatte ein Sprecher des Ministeriums am 11. März auch in der Bundespressekonferenz gegenüber jW gesagt. Auf der Kundgebung am Dienstag fehlte jegliches Verständnis dafür, dass es seit gut einer Woche keinerlei Neuigkeiten gibt. Das sei angesichts der eigentlich guten Beziehungen Berlins zu den neuen Machthabern in Damaskus nicht glaubwürdig. So erinnerte ein Redner daran, dass die damalige Außenamtschefin Annalena Baerbock (Grüne) schon im Januar 2025, nur kurz nach der Machtübernahme der Fundamentalisten im Dezember 2024, zu Gesprächen mit der neuen Regierung des ehemaligen IS-Kommandanten Ahmed Al-Scharaa nach Syrien gereist war. Anfang dieses Jahres war auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei Al-Scharaa vorstellig geworden – mit Zusagen für Finanzhilfen in Höhe von 620 Millionen Euro im Gepäck. Die Initiative weist darauf hin, dass die Bundesregierung also durchaus über Mittel und Wege verfügt, um die syrische Übergangsregierung zur Offenlegung des Schicksals der »Verschwundenen« zu bewegen.

Eva Michelmann, von ihrer Mutter Rotraut Hake-Michelmann am Dienstag als überzeugte Antifaschistin vorgestellt, berichtete seit 2022 aus Rojava, der Region der kurdischen Selbstverwaltung in Nordostsyrien. Am 6. Januar hatten Truppen der islamistischen Übergangsregierung einen Großangriff auf das Gebiet gestartet. Im Zuge dieser Offensive wurden mehrere Städte erobert, darunter auch Raqqa am Nordufer des Euphrat, wo Eva Michelmann und Ahmet Polat am 18. Januar zuletzt gesehen wurden, als sie von Kämpfern der syrischen Armee in einem Fahrzeug abtransportiert wurden. Bei allem erkennbaren Schmerz, den dies ihr bereitet, erinnerte Rotraut Hake-Michelmann daran, dass die beiden nicht die einzigen Vermissten sind. Damaskus hatte nach der Offensive mitgeteilt, rund 1.000 Personen seien festgenommen worden. Die kurdische Frauenorganisation Kongra Star geht von bis zu 4.000 Gefangenen in der Gewalt der Übergangsregierung aus. Die Mitstreiter, Freunde und Familienangehörigen von Eva Michelmann und Ahmet Polad hoffen, dass auch die beiden sich »nur« in Gefangenschaft befinden und ihnen nichts Schlimmeres angetan wurde.

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Erschienen in der Ausgabe vom 18.03.2026, Seite 4, Inland

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