Alles nur schlechte Scherze und Dummejungenstreiche?
Ein grinsender Mann schwenkt einen geflochtenen Haarzopf in die Kamera. Den habe er einer kurdischen Kämpferin in Rakka abgeschnitten, rühmt er sich seiner Trophäe während islamistische Kampfverbände in einer Blitzoffensive auf das kurdische Autonomiegebiet in Syrien vorstoßen. Das Video ging im Januar viral auf soziale Medien. Kurdinnen weltweit flochten sich daraufhin demonstrativ aus Protest die Haare zum Zopf.
»Es gibt keinen Beleg dafür, dass einer kurdischen Kämpferin in Raqqa dieser Zopf abgeschnitten wurde«, behauptete Ende letzter Woche der Spiegel, es sei ein »misogyner Scherzversuch« eines städtischen Angestellten in Tel Abjad mit einer Kunsthaarextension aus einem Friseursalon gewesen. »Rami Al-Dahesh sagt, er sei kein Kämpfer. Er dürfe als Angestellter des Stadtrats eine Waffe tragen.« Was der Spiegel seinen Lesern vorenthält: Der vermeintlich harmlose Angestellte Al-Dahesh, der nun im Sold der Besatzungstruppen im seit 2019 türkisch besetzten Tell Abjad steht, war 2013 zuerst als Sicherheitsmann für den »Islamischen Staat« (IS) tätig, später gehörte er der für ihre Gräueltaten an Zivilisten berüchtigten dschihadistischen Miliz Ahrar Al-Scham an. »Vom schlechten Scherz zum Blutbad ist es nicht weit«, schließt der Spiegel-Artikel. Tatsächlich ging das Blutbad dem Scherz – wenn es denn überhaupt einer war – voran.
Das Zopfvideo sei »ein treffendes Beispiel für die verzerrende Wucht der SDF-Kampagne, sich in sozialen Medien als Bollwerk gegen die nahenden Horten des IS zu zeigen«, sehen die Spiegel-Autoren Christoph Reuter und Mohannad Alkhalil Aljajar indessen die Verantwortung bei den kurdisch geführten Demokratischen Kräften Syriens, die die Regierung des syrischen Präsidenten Ahmed Al-Scharaa delegitimieren wollten. »Wo man gräbt, zerfasert das Bild von der Dschihadistenwelle«, üben sich die Autoren als Weißwäscher des früheren Al-Qaida-Mannes Al-Scharaa und seiner Soldateska. Eine in Rakka nach Einmarsch der Regierungstruppen gehisste IS-Fahne ist für den Spiegel so nur ein Dummejungenstreich. Und Tausende tote Alawiten – »einst die loyale Minderheit von Assad, der er selbst entstammte« und damit wohl selbst schuld an Massakern im letzten Frühjahr – erscheinen so nur als Lapalie in einem Syrien, das »stablier und friedlicher als erwartet« sei.
»Wir schweigen nicht zur Verfälschung der Wahrheit. Wir akzeptieren keine Normalisierung von Erniedrigung«, heißt es nun in einem Aufruf der Kurdischen Gemeinde zur Protestkundgebung vor dem Verlagsgebäude des Spiegel in Hamburg am Montag nachmittag. (nb)
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