Bangen, hoffen, widerstehen
Von Nick Brauns
Die Offensive syrischer Regierungstruppen auf die Autonomieregion in Nord- und Ostsyrien mit Greueltaten der islamistischen Milizen hat zu einer großen Fluchtwelle, vor allem von Kurden, geführt. Seit Anfang Januar, als der neue Bürgerkrieg mit dem Beschuss kurdischer Stadtviertel von Aleppo durch die Truppen des syrischen Präsidenten Ahmed Al-Scharaa begann, wurden mehr als 170.000 Menschen vertrieben, teilte die Autonomieverwaltung am Freitag mit. Die Flüchtlinge leben in improvisierten Unterkünften, bei Verwandten oder unter freiem Himmel in der kurdischen Region Rojava, wohin sich auch die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) zurückgezogen haben.
»Hunderttausende Menschen sind akut von Hunger, Kälte, fehlender medizinischer Versorgung und weiterer Gewalt bedroht«, warnt die Autonomieverwaltung. Besonders prekär erscheint die Situation von rund 150.000 in der von den islamistischen Regierungstruppen und der türkischen Armee belagerten Grenzstadt Kobani eingeschlossenen Menschen. Die Wasser- und Stromversorgung ist gekappt, Nahrungsmittel, Treibstoff und Medikamente werden knapp.
Noch herrscht ein brüchiger Waffenstillstand, der am Sonnabend ausläuft. Doch der erklärte Wille zum Widerstand – auch viele Zivilisten wurden bewaffnet – scheint erste Früchte zu tragen. So verständigten sich nach Informationen des Senders Rudaw der US-Syrien-Beauftragte Tom Barrack und der Oberkommandierende der SDF, Mazlum Abdi, am Donnerstag in Erbil auf eine Regelung, wonach die kurdischen Siedlungsgebiete zwar ohne weitere Autonomierechte in den syrischen Staat eingegliedert, den Kurden aber eine Mitsprache bei der Verwaltung eingeräumt werden soll. Zudem sollen die SDF nun kollektiv und nicht individuell in die syrische Armee integriert werden. Eine Bestätigung dafür liegt von kurdischer Seite bislang nicht vor. Abdi schrieb am späten Abend auf X lediglich von einem »konstruktiven und produktiven Austausch« und versprach: »Wir werden mit voller Kraft auf eine tatsächliche Integration und den Erhalt der Waffenruhe hinarbeiten.« Wenn die SDF sich nach Ablauf der viertägigen Waffenruhe weigerten, das neue Abkommen umzusetzen, »wird die Regierung auf militärische Mittel zurückgreifen«, drohte das syrische Außenministerium.
Nachdem bereits Tausende Anhänger der Dschihadistentruppe »Islamischer Staat« (IS) aus Gefängnissen und Lagern in Ostsyrien entkommen konnten oder von ihren Gesinnungsgenossen in den Reihen der Regierungstruppen befreit wurden, hat das US-Militär mit der Verlegung von bis zu 7.000 weiteren IS-Gefangenen in den Irak begonnen.
Große Solidarität erfährt Rojava nicht nur von Kurden in der Türkei – dort marschierten am Freitag Tausende an die Grenze bei Kobani –, sondern auch aus der Region Kurdistan im Irak. Konvois mit Hilfsgütern und Freiwilligen mit privaten Schusswaffen überquerten am Freitag die Pontonbrücke über den Tigris nach Rojava, während auf einer Kundgebung in Sulaimanija die Einheit der Kurden propagiert wurde.
In vielen europäischen Städten gibt es tägliche Kundgebungen für Rojava. Im belgischen Antwerpen wurden dabei am Donnerstag abend sechs Kurden bei einem offenbar gezielten Messerangriff durch mehrere Angreifer teilweise lebensgefährlich verletzt. Der Sprecher des kurdischen Verbandes Nav-Bel, Orhan Kilic, sprach von einem »dschihadistisch motivierten Terroranschlag«. In Hamburg beschlagnahmte die Polizei bei einer Demonstration alle Fahnen der kurdischen Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG/YPJ.
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Leserbrief von Richard Winterstein (25. Januar 2026 um 12:31 Uhr)Angriff auf Rojava: Was z.Z. in Syrien abläuft, ist ein beispielhafter Staatsgründungsprozess. Die alte Staatsgewalt war zusammengebrochen, die neue beginnt sich zu formieren, und zwar mit Gewalt, wie es bei einer Staatsgewalt eben nicht anders sein kann. Das ruft zahlreiche andere Staatsgewalten auf den Plan, die dieser sofort ihre Legitimität bekunden. Dabei spielt es keine Rolle, dass die neue syrische Staatsgewalt von radikalen Islamisten gebildet wird. Was den auf Selbstverwaltung setzenden Kurden verweigert wurde und wird, erledigt sich bei den syrischen Islamisten wie von selbst: Ihr Staat wird von anderen Staaten problemlos anerkannt, Gleich und Gleich gesellt sich eben gern. Da können sich die linken Kurden noch so sehr als »demokratisch« motiviert präsentieren: Sie sind es nicht, denn sie verachten die Staatsgewalt und weigern sich, ihre Bevölkerung einer solchen zu unterwerfen. Demokratie ohne Staat geht nun mal nicht. Die anderen Staatsgewalten aber erkennen Ihresgleichen sofort am Stallgeruch, der auch ihr eigener ist: nämlich am Gewaltmonopol. Die Kurden haben dergleichen nicht zu bieten, denn Staatsgewalten anerkennen nur andere Staatsgewalten als gleichwertig an.
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