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Aus: Ausgabe vom 29.01.2026, Seite 3 / Ausland
Karawane nach Syrien

Wie bringen Sie den Mut auf, nach Rojava zu reisen?

In Kobani gibt es weder Strom noch Wasser. Eine humanitäre Katastrophe droht, sagt Jakob Rihn
Interview: Gitta Düperthal
Konflikt in Syrien - Qamishli.jpg
Mit Hilfslieferungen beladene Lkw aus der Autonomen Region Kurdistan erreichen Qamişlo im Nordosten Syriens (21.1.2026)

Mehr als hundert Aktivistinnen und Aktivisten reisen mit der »Karawane zur Verteidigung der Menschlichkeit« quer durch Europa, um zu der von Dschihadisten angegriffenen Stadt Kobani in Rojava zu gelangen. Was ist das Ziel der »Peoples Caravan«?

Meine Freundin Lea und ich haben uns dem Konvoi angeschlossen, der am Mittwoch bereits vor dem Grenzübertritt zur Türkei stand. Wir wollen den Fokus auf die medizinische Notlage in der belagerten Stadt legen, Verletzten vor Ort helfen und Aufmerksamkeit schaffen. NGOs verlassen teilweise die Region, weil es gefährlich ist. Wir stehen in Kontakt zum Kurdischen Roten Halbmond (Heyva Sor a Kurdistanê, jW). Bei der Karawane trafen wir einen deutschen Notfallmediziner an. Die Stadt ist aktuell einerseits umzingelt von den Milizen der Übergangsregierung in Damaskus und islamistischen Banden, andererseits blockiert die Türkei. Die Versorgung in der Stadt ist weitgehend zusammengebrochen. Es gibt weder Strom noch Wasser. Kinder erfrieren. Eine humanitäre Katastrophe droht. Wir fordern die Türkei auf, die Grenze zu öffnen und Hilfe durchzulassen. Auch die UNO fordert einen humanitären Korridor. Gesundheit ist ein Menschenrecht. Wir haben aber Zweifel, wie weit man uns dort durchlässt.

Wer beteiligt sich?

Menschen aus mehr als zehn europäischen Ländern, unter anderem aus Italien, Frankreich, Deutschland, Österreich, England und Katalonien. Auch Osteuropäer sind dabei, etwa aus Belgrad in Serbien. Sie wollen ein Zeichen der Solidarität mit der Bevölkerung der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien setzen.

Von der deutschen Regierung ist kaum Unterstützung zu erwarten. Vergangene Woche beschlagnahmte die Hamburger Polizei bei einer Demonstration gegen den Krieg in Nord- und Ostsyrien und das Wiedererstarken des »Islamischen Staates« Fahnen der kurdischen Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG und YPJ.

Das macht mich sprachlos. Erinnert sich niemand mehr an den 26. Januar 2015, als Kobani im Kampf gegen die terroristische Bedrohung des IS international als Symbol für demokratischen Aufbruch gefeiert wurde? Ein Mitarbeiter von Heyva Sor a Kurdistanê berichtete, wie Dschihadisten der Übergangsregierung Tausende IS-Kämpfer freiließen. Statt deutsche IS-Kämpfer zurückzunehmen, wie vielfach aufgefordert, schaut die Bundesregierung nun dabei zu. Uns schockiert, wenn in der BRD kolportiert wird, dass in Syrien ein Kampf zwischen zwei neutralen Kriegsparteien stattfindet. Wo ansonsten nahezu in jeder politischen Äußerung das Wort »Demokratie« mitgeführt wird. Die autonome Selbstverwaltung setzt auf Basisdemokratie, Ökologie, kostenlose Gesundheitsversorgung und Frauengleichberechtigung, wenn auch in prekärer Lage eventuell mit Fehlern. Auf der anderen Seite stehen Terrormilizen.

Sie selbst waren Anfang 2025 schon in der Region und wurden durch türkische Drohnenangriffe verletzt, als Sie sich der zivilen Verteidigung des Tişrîn-Staudamms am Euphrat anschlossen. Was widerfuhr Ihnen?

Ende November 2024 begannen islamistische Banden der Übergangsregierung in Damaskus, unterstützt durch die Türkei, den Krieg. Lea und ich beteiligten uns an der Friedenswache dort, weil deren Angriffe die Strom- und Wasserversorgung für bis zu 500.000 Menschen gefährdeten. Wir wurden beide verletzt, ich hatte Splitter im Körper. Aufgrund des damaligen US-Embargos gegen das syrische Regime musste ich ausreisen, um mein Auge operieren zu lassen.

Wie bringen Sie den Mut auf, erneut nach Kobani zu reisen, obgleich dort Lebensgefahr droht?

Selbstverständlich machen wir uns Sorgen. In Rojava unterbrechen Dschihadisten permanent die Waffenruhe. In Qamişlo mit koordinierten Angriffen: gegen die vom kurdischen Halbmond betriebene Klinik durch ein mit Sprengstoff beladenes Motorrad. In der Nähe schlug eine türkische Drohne ein. Ich habe aber die Gesichter der Menschen dort vor Augen. Ich durfte von ihrem Leben in der Gemeinschaft lernen. Wir geben uns gegenseitig Kraft.

Jakob Rihn ist Physiotherapeut aus Brandenburg und Teil der »Karawane zur Verteidigung der Menschlichkeit« nach Kobani

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