Wie gewohnt herrscht Wohnungsnot
Von Spanien bis Großbritannien, vom Wien des frühen 20. Jahrhunderts bis zum Berliner Wahlkampf 2026: Die Wohnungsfrage bleibt ungelöst
Alle müssen irgendwo unterkommen. Ob in Mietskaserne, Doppelhaushälfte, Penthouse oder unter der Brücke: Irgendwie muss es halt gehen. Dass die Sache mit der Unterkunft recht selbstevident ein Grundbedürfnis ist, war der UN schon 1948 Anlass, Wohnen erstmals auch als Menschenrecht aufzuführen – was die BRD freilich seither nicht bewegte, dieses Recht auch explizit ins Grundgesetz zu übertragen. Wenn sich also Arbeiter in Frankfurt kaum noch eine Bleibe leisten können, man in Berlin zwei Stunden für eine Besichtigung ansteht, man selbst in den Städten mit eher entspanntem Mietmarkt den Schimmel lieber ignoriert, als einen Konflikt mit dem Vermieter zu riskieren, wenn Studenten und Auszubildende mehr als die Hälfte ihres Einkommens für ein WG-Zimmer ausgeben und Abertausende ohne Zuhause sind, während in den Großstädten hektarweise Büroflächen als Spekulationsobjekt leer stehen – nun, dann geht hierzulande alles mit rechten, wenn auch nicht unbedingt gerechten, Dingen zu.
Dass in jedem Fall mehr gebaut werden sollte, darüber herrscht Konsens. Nur, so richtig in Gang kommt die Sache nicht. Warum dem so ist, geht Gerrit Hoekmann in »Bauen für 22 Euro pro Quadratmeter« nach. Unter anderem kommt die Bauherren teuer zu stehen, dass ungünstigerweise alles mit allem zusammenhängt und durch den so weit entfernten Krieg der USA und Israels gegen Iran zur Zeit erdölbasierte Baustoffe nur schwer, also hochpreisig, zu haben sind. Das schmälert den zu holenden Profit, und darum geht es schließlich.
Gut, Bauen ist also nicht, dann muss man eben an die schon existenten Wohnungen ran. Die sind bislang größtenteils im Besitz von Kapitalisten, oft in Gestalt riesenhafter Immobilienkonzerne. Deren Enteignung zu erzwingen, machten sich vor fünf Jahren zahlreiche Bewohner Berlins auf, einen Volksentscheid anzustoßen. Doch trotz schlagenden Erfolgs an der Urne harrt der Wählerwille der Umsetzung – und die Regierenden von Hauptstadt und Bundesrepublik sind bestrebt, sie zu verhindern, legt Florian Osuch in »Volksentscheid und Gegengesetz« dar.
Natürlich ginge das auch anders, wie ein Blick auf die Beantwortung der Wohnungsfrage im einst real existierenden Sozialismus zeigt. In der DDR war Wohnen ein Verfassungsrecht. »Die Wohnung wurde eine staatliche Leistung, im Rahmen der Planwirtschaft bereitgestellt, um ein wesentliches Grundbedürfnis der Menschen zu befriedigen«, heißt es in der Studie »Wohnen als Menschenrecht« der Internationalen Forschungsstelle DDR, aus der Studienmitautor Martin Küpper einen Auszug präsentiert.
Auch anderswo wird gewohnt, stellt man im Urlaub fest. Die Chancen stehen dabei gut, dass man eben als Tourist den Einheimischen den Wohnraum streitig macht. Dagegen richten sich zum Beispiel in Spanien immer öfter Proteste, berichtet Carmela Negrete in »Spaniens Wohnungnot und Sánchez’ Versagen«. Doch auch in Madrids Herrschaftsgebiet gilt: Das Haupthindernis bei der Lösung der Wohnungsfrage ist das Kapital.
Apropos Kapitalismus: Auch in einer seiner frühesten historischen Hochburgen, Manchester, müssen die Leute irgendwo unterkommen. Da kommt es gelegen, dass dort in den vergangenen zehn Jahren viel gebaut wurde, sollte man meinen. Profitiert haben aber vor allem Staat und Privatwirtschaft – und Englands Premier Andy Burnham war ganz vorn mit dabei, erklärt Christian Bunke in »Das Modell Burnham«.
Man muss also mal wieder alles selbst machen, wie es scheint. Das dachten sich auch Anfang des 20. Jahrhunderts einige der vielbesungenen Arbeiter von Wien. In »Kleinkrieg im Bretteldorf« erzählt Barbara Eder die Geschichte dieser selbst errichteten Wohnsiedlung und der Auseinandersetzungen zwischen ihren Bewohnern und der sozialdemokratischen Obrigkeit. Diese Episode illustriert anschaulich, wie der Staat seine Rolle als ideeller Gesamtkapitalist in der Wohnungsfrage auslegt – denn bei dem Konflikt ging es nicht zuletzt um die Zurichtung der Bretteldorfbewohner zu tauglichen Industriearbeitern.
Luca von Ludwig ist Volontär im junge Welt-Ressort Wirtschaft, Arbeit, Soziales
Die Bebilderung dieser Beilage stammt aus der Serie »Raum und Zahl« des Fotografen Florian Scheible. Sie zeigt Menschen in ihren Wohnungen. In der Bildunterschrift wird beziffert, wieviel Prozent ihres Einkommens sie für die Miete ausgeben müssen
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