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Ausgemustert
Der Osten wird deindustrialisiert: Der Porzellanhersteller Kahla schließt die Werkstore. Hohe Energiepreise haben dem Betrieb das Genick gebrochen
In einer anderen Welt hätte die DDR am Mittwoch ihr 77. Jubiläum gefeiert. Im real existierenden Kapitalismus war die größte Nachricht, die an diesem Tage aus dem Osten kam, das endgültige Aus eines der traditionsreichsten Betriebe der Region. Die Thüringer Porzellanmanufaktur Kahla – offizieller Firmenname Kahla/Thüringen Porzellan GmbH –, deren Geschirr mit dem ikonischen kobaltblauen Zwiebelmuster sich nach wie vor in Tausenden Osthaushalten findet, schließt zum Jahresende die Werkstore. Maßgeblich für den Niedergang sind die immens gestiegenen Energiekosten.
Man habe »bis zuletzt um den Erhalt von Kahla Porzellan gekämpft«, ließ sich Insolvenzverwalter Rolf Rombach von der dpa zitieren. Jedoch bestehe keine Möglichkeit, den Betrieb fortzuführen. Die noch 96 Beschäftigten seien vergangene Woche über den Schritt informiert worden, sagte er dem MDR. Diese landen demnach nicht unverzüglich auf der Straße; die Einstellung des Geschäftsbetriebs werde in Etappen erfolgen. Der Haushaltporzellanhersteller hatte zuletzt im Februar dieses Jahres Konkurs angemeldet. Als Gründe wurden damals hohe Energiekosten und Kaufzurückhaltung, vor allem aus der Gastrobranche, angeführt. Seither lief die Suche nach Geldgebern, zuletzt gab es laut Rombach Gespräche mit einem türkischen Investor – offenkundig ohne Erfolg.
Der Verlust des Traditionsunternehmens, einst Herzstück der DDR-Porzellanindustrie, wiegt mindestens symbolisch schwer. »Alle Beteiligten waren sich der Bedeutung dieses Unternehmens bewusst«, sagte Rombach dem MDR. Die Ankündigung sei »eine bittere Nachricht für Thüringen – und ein weiterer Hinweis, dass Deutschland eine wirtschaftspolitische Kurswende um 180 Grad braucht«, meinte Anke Wirsing, BSW-Abgeordnete im Thüringer Landtag, in einer Presseaussendung vom Donnerstag. Das Unternehmen habe »schon viele Krisen gemeistert und scheitert nun an ausgeuferten Energiepreisen und einer industriefeindlichen, ideologischen Bundespolitik«. Gemeint waren die durch die Sanktionen gegen Russland infolge des Ukraine-Kriegs in die Höhe geschossenen Preise für Erdgas nebst »ideologischen Klimaauflagen«.
Auf die Energiepreise kam auf jW-Anfrage auch die Landtagsfraktion von Die Linke zu sprechen. »Wir fordern seit Beginn der Krise einen Industriestrompreis auf Bundesebene, der gebunden wird an den Erhalt und die Sicherung von Arbeitsplätzen«, erklärte deren Vorsitzender Christian Schaft. »Bundes- und Landesregierungen lassen die Branchen aber im Stich, und ausbaden müssen das die Beschäftigten, die den Laden am Laufen halten.« Die Nachricht sei »ein schwerer Schlag für alle in der Region«.
Ähnlich äußerte sich Andreas Schmidt, Bezirksleiter der Gewerkschaft IG BCE in Thüringen, gegenüber jW. Das Werk Kahla ist zwar nicht tarifgebunden, doch fällt die Keramikbranche in den Zuständigkeitsbereich der Chemiegewerkschaft. Die Schließung »wiegt schwer«, so Schmidt. Das Problem der hohen Energiekosten treibe auch andere Unternehmen der Materialwirtschaft um. Im Bereich Porzellan und Keramik gebe es zudem einen hohen Innovationsdruck, dem Kahla nach Einschätzung des Gewerkschafters in den letzten Jahren nicht mehr standgehalten habe. Allgemein sei es für die hiesige Haushaltsporzellanbranche aktuell schwierig. Grund sei unter anderem die Konkurrenz aus China, zudem sei Russland als bedeutender Abnehmer von Dekorationskeramik weggebrochen.
Gegründet wurde die Porzellanmanufaktur 1844, 1952 wurde sie in der DDR zum VEB Feinkeramik. Als das Kombinat 1979 zum VEB Vereinigte Porzellanwerke Kahla wurde, gehörten ihm 17 Werke mit etwa 18.000 Arbeitern an. Nach dem Ende der DDR wurde der Betrieb durch die Treuhand privatisiert, kaum zwei Jahre später kam die erste Insolvenz. In den vergangenen 20 Jahren gab es zwar Modernisierungsmaßnahmen – diese haben aber nicht verhindert, dass die Deindustrialsierung voranschreitet und nun ein weiterer Traditionsbetrieb des Ostens als Scherbenhaufen zurückbleibt.
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