Beijing ist vorbereitet
Den Angriffen des US-Imperialismus auf die strategischen Rohstoffimporte der Volksrepublik China konnte diese bislang trotzen. Das alte Malakka-Dilemma besteht aber weiterhin
Spätestens seit US-Präsident Barack Obama 2012 die »Pivot to Asia«-Strategie des NATO-Hegemons verkündet hatte, ist die Rollenverteilung in der Kriegsallianz klar: Der EU-Imperialismus bekämpft Russland und dessen regionale Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen, der US-Imperialismus übernimmt die Einhegung und Schwächung des Hauptkonkurrenten China. Dazu zählen die Aggressionen gegen Venezuela und Iran, beide wichtige Handelspartner der Volksrepublik. Beijing bereitet sich allerdings erkennbar seit Jahren auf Angriffe gegen eigene Rohstoffimporte vor.
So passieren rund 80 Prozent der chinesischen Ölimporte die Straße von Malakka zwischen Sumatra und der malaiischen Halbinsel, die an der engsten Stelle keine drei Kilometer breit ist. Wer sie sperrt, legt Chinas Industrie still. Das war zumindest die Annahme. Den Namen für dieses Problem fand der damalige Staatschef Hu Jintao im November 2003 auf einer Arbeitskonferenz der Kommunistischen Partei: »Malakka-Dilemma«. Wer die Meerenge kontrolliere, habe »Chinas Energieroute im Würgegriff«, schrieb die China Youth Daily im Juni 2004. Seit der Reform- und Öffnungspolitik wuchs der Ölbedarf schneller als die Förderung. Seit 1993 führt China mehr Öl ein als aus, der Nachschub kommt über See.
Der britische Erste Seelord John Fisher zählte die Meerenge um 1904 zu den »fünf Schlüsseln zur Welt«, die London alle in der Hand gehalten habe. Als das Vereinigte Königreich 1971 östlich von Suez abzog, rückten die USA nach. Ein Abkommen von 1990 sicherte ihnen Zugang zu Singapur, 1998 folgte ein Zusatz für Flugzeugträger. Den Marinestützpunkt Changi am Ostausgang baute der Stadtstaat auf eigene Kosten, aber nach US-Vorgaben. Später kamen Abkommen mit Thailand, Malaysia und Indonesien hinzu: Die »Major Defense Cooperation Partnership« vom April dieses Jahres gibt den USA Überflugrechte und Logistik zur Dauerüberwachung der Meerenge und ihrer Ausweichrouten. Der australische Marineoffizier a. D. Sean Andrews sagte NBC mit Blick auf einen Pazifikkrieg: »Wäre ich der Admiral, würde ich Malakka schließen.« Wie das aussieht, führen die USA seit Februar in der Straße von Hormus vor. »Wir haben totale Kontrolle, wir besitzen sie«, prahlte US-Präsident Donald Trump am 11. August.
Beijings ursprünglicher Plan war, Malakka zu umschiffen. Der 2015 etablierte Korridor nach Pakistan, der Xinjiang mit Gwadar am Arabischen Meer verbinden soll, war mit rund 62 Milliarden US-Dollar angesetzt; belutschische Anschläge und Kostenexplosionen bremsen den Ausbau. Die Pipelines vom myanmarischen Kyaukphyu nach Yunnan leiden nicht nur unter dem Bürgerkrieg, sie sind auch zu klein: Voll ausgelastet transportieren sie gerade einmal 420.000 Barrel Rohöl am Tag, ein Bruchteil der Einfuhren. Demselben Ziel dienen der Ausbau der Nutzung erneuerbarer Energieträger, bei dem China den Rest der Welt übertrifft, sowie der Umstieg auf Elektrifizierung und Schiene.
Zu Beijings Gunsten sorgte Washington selbst für eine billigere Alternative. Die Sanktionen gegen Moskau (seit 2022) und Teheran (seit 2018 verschärft) schufen ein Angebot von Rohöl, das China zu Sonderpreisen abgreifen konnte. Russland ist Chinas größter Lieferant. Iran verkaufte 2025 Schätzungen zufolge nahezu seine gesamten Rohölexporte an China. Ende Februar notierte russisches Urals-Öl 42 US-Dollar je Barrel, 28 unter Brent. China setzte den Preisnachlass für den Aufbau von Stahlreserven und die Einlagerung von Öl in Salzkavernen ein und erwarb bis Anfang 2026 innerhalb eines Jahres 200 Millionen Barrel. Wie groß dieser Vorrat ist, weiß außerhalb Beijings niemand genau. Die Bestände sind Staatsgeheimnis. Analysten rekonstruieren sie aus Satellitenbildern und der Differenz von Einfuhr, Förderung und Verarbeitung. Relevante Mengen könnten auch unterirdisch lagern. Die Schätzungen reichen von eins bis 1,4 Milliarden Barrel, ein Anstieg von bis zu 600 Millionen seit der Verschärfung der Iran-Sanktionen 2018. Zum Vergleich: Die 32 Mitgliedstaaten der Internationalen Energieagentur der OECD, darunter die USA, Japan und Deutschland, halten zusammen noch etwas über eine Milliarde Barrel Rohöl.
Am 28. Februar griffen die USA und Israel Iran an, Teheran sperrte umgehend die Straße von Hormus. Brent stieg zeitweise auf 126 US-Dollar, und der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, sprach von der »größten Energiesicherheitsbedrohung der Geschichte«. Aber die erwarteten 150 US-Dollar pro Barrel kamen nie: Zwischen Februar und Juni halbierte China seine Ölimporte um 5,5 Millionen Barrel am Tag, das entspricht etwa dem gesamten täglichen Ölverbrauch Indiens. Das habe allein »den Preis für Brent-Rohöl um vielleicht 30 Dollar gedrückt«, meint Sebastian Mallaby vom Council on Foreign Relations.
Im März untersagte Beijing neue Exportverträge und ließ die eigenen Kohlekraftwerke auf maximale Leistung hochfahren. Die Ausfuhr raffinierter Ölprodukte fiel bis April fast um die Hälfte, im Juni verarbeiteten die Raffinerien 2,7 Millionen Barrel täglich weniger als im Vorjahr. In der Feiertagswoche im Mai stieg die Nachfrage an den Ladestationen für Elektroautos an Autobahnen um fast 55 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die strategische Ölreserve hat Beijing dafür kaum angerührt, stellte Michal Meidan vom Oxford Institute for Energy Studies fest. Bedient wurden die kommerziellen Lager der Staatskonzerne. Von Februar bis Juni lief die Wirtschaft mit halbierten Öleinfuhren weiter. Vier weitere Monate ließe sich das durchhalten, bevor die Bestände überhaupt »unangenehm niedrig« würden, schätzte Emma Li von Vortexa Anfang August. »China ist die neue OPEC«, schlussfolgert der Chef eines Ölhandelshauses im Economist.
Eine Seesperre versprach den USA einen Sieg ohne Angriff auf chinesisches Territorium und ohne nennenswerte eigene Verluste: Beijing sollte nachgeben, bevor die amerikanische Öffentlichkeit ungeduldig wird. Schätzungsweise 150 Tage Normalbetrieb trotz gesperrter Ölzufuhr machen diesem Plan einen Strich durch die Rechnung. Gelöst ist das »Malakka-Dilemma« zwar nicht, aber gedämpft. Chinas Vorräte sind endlich, ohne die Meerenge kommt das Land dauerhaft nicht aus. Mit den Schiffsversicherungen hat Washington ein zweites Druckmittel: Die Kriegsrisikoprämien für Hormus stiegen zu Beginn der US-israelischen Aggression von 0,25 auf bis zu zehn Prozent des Schiffswerts. Wer aber zugesehen hat, wie China monatelang ohne die Hälfte seiner Einfuhren ausgekommen ist, dürfte eine Blockade kaum noch für ein Mittel halten, mit dem sich ein Krieg entscheiden lässt.
Paul Neumann ist Historiker mit Schwerpunkt auf die Volksrepublik China und freier Autor der Tageszeitung junge Welt.
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