-
18.03.2026
- → Feuilleton
Wer hier nicht raus will, ist kein Mensch nicht
Maximilian Schäffer hat für seinen Debütband »Geiler Kriege« 31 Gesänge zur Weltlage verfasst
Es ist bestimmt kein Zufall, dass gerade im März, also in dem Monat, dessen Name dem römischen Kriegsgott Mars zu verdanken ist, das erste offizielle Druckwerk von Maximilian Schäffer mit einem Zyklus von 31 Gedichten unter dem Verwirrung stiftenden Titel »Geiler Kriege« auf die Lyrikwelt geworfen wird. Folgerichtig präsentiert sich diese Taschenfibel, angereichert mit Abbildungen aus dem Skizzenbuch von Klaus Theuerkauf, dem Betreiber der einst in Berlin-Kreuzberg ansässigen Galerie Endart, in einem Einband von gediegener Friedhofsästhetik, passend zum ptomainhaltigen Hausgeist der ultrabellizistischen Kakistokratenclique: Weiß und Rosarot auf schwarzglänzendem Grund. Friedensflüsterer und Kriegskrakeeler kriegen gleichermaßen ihr Fett weg. Den einen wird die naive Illusion von »love, peace and harmony« ausgetrieben, den anderen ihr Trugschluss verklickert, dass Gewalt und Krieg nie zur Lösung, sondern immer zum Problem gehören. Wäre der Krieg ein Gewächs, so müsste man sagen: »Alle Teile dieser Pflanze sind giftig.« Lorbeerkirsche, Rittersporn, Fingerhut, Tulpen, die in »Geiler Kriege« zwischen den Zeilen sprießen, deuten es an: Was schön aussieht und vielleicht angenehm duftet, kann dennoch tödlich sein.
Gleich am Anfang des Buches, im ersten Bild, steht ein Soldat mit Stahlhelm über offenem Gesicht und Gedärm, Öl ins Feuer gießend, in seinem Blut, »stöhnt Fluten aus Blut / aus seinem schlauen Maul«. Diese unmittelbare Assoziation zwischen Bild und benachbartem Gedicht ist tatsächlich eine glückliche Fügung, die sich durch das gesamte Werk zieht. Beginnend mit dem »Livländischen«, »Kongolesischen«, »Spanischen Krieg« bis zum schlussendlich »Allirdischen Krieg« sind hier alle Gedichte an Länder-, Landschafts- oder Städtenamen gebunden, die mehr oder weniger deutliche Anknüpfungspunkte an die Begriffsfelder der dazugehörigen Verse aufweisen. Auch bei seltenen Exoten wie dem »Jilinischen Krieg« (»Das chinesische / Spaltmaß dieser / Wunde«), dem »Yupikischen Krieg« (»Eisige Polarnacht […] wir sterben heute«), dem »Gaditanischen Krieg« (»Teppiche aus / Wasser […] zersprengen sich / an der Küste«) oder dem »Mankunischen Krieg« (»Krümmen sich die Furchen / wie blinde Katzen […] rasen so schnell / durch den Spitzenstoff«) finden sich Andeutungen, die es sich lohnt aufzudröseln, um einzusteigen in die Enträtselung der Lektüre.
Zwar kommen die Gedichte stringent, relativ schmucklos, ohne epigonale Beimengungen daher und ergeben so den Eindruck, sich in kargen, übersichtlichen Wortgefilden zu bewegen. Doch nicht umsonst wird dem Autor im Verlagswaschzettel von Hein Gothe ein Dasein als »singender Mystiker« bescheinigt. Das Geheimnis seiner Poesie beruht auf weißen Flecken im Text, spürbaren Auslassungen in angedeuteten Abläufen, logischen Brüchen und Paradoxen. Die Lokalisierung des Sinns bleibt der Erfahrungswelt und Phantasie des Lesers überlassen. Glücklicherweise erschöpft sich die Kriegsthematik nicht im Auseinanderklamüsern rezenter militärischer Konflikte – »ich mag nicht immer / Mord sagen / bis die Flut kommt.« Der Krieg ist unterschwellig überall, versteckt sich im Detail, in ökonomischer Gewalt (»Totschlag mit Geld«) oder in knallharten Sozialstudien. Im »Moabitischen Krieg« »schleppen sich / Kriegsversehrte / auf Mülleimerfüßen / durch die U9 […] Wer hier nicht / raus will / und auf die Gleise / ist kein Mensch nicht.« Er findet sich aber auch in autobiographischen Gedächtnisprotokollen: Im »Regensburger Krieg«, »[explodiert d]as Kalkwerk […] wir öffnen die Fenster / wie zehn andere Familien / im Sozialbau gegenüber / und grüßen uns. / War nur eine Artillerie […] sag ich / zu dir im Bett meiner Eltern.«
Und später, in Weilheim: »Ja, dein Kuss war schön.« Aber das war damals. Heute feiert die Welt im »Andalusischen Krieg« ihr »Blutfest«, im »meterdicke[n] Gesudel« rund um die »Schlachtschüssel«; im »Kongolesischen Krieg« »[singt] die Machete«; im »Indischen Krieg« »gilt es zu schlagen / bis der Stock bricht«; im »Kamerunischen Krieg« werden »Grenzen / […] mit / dem Lineal / durch Oberschenkel [gezogen]«, und überall schnurren die Zeiten zusammen auf den poetischen Moment, den das Gedicht zelebriert. Speziell der Amerikanische Krieg tritt gleich dreifach auf: Im »Ersten Krieg« macht er »Geschäfte / mit dem Botschafter / der Fleischwolfrepublik«, im »Zweiten« gehören ihm »[z]wei Schneeländer«, im »Dritten« macht er »die Hochhäuser gold / und ihr werdet es lieben // Alle lieben es / sie haben es mir gesagt.« Und speziell der »Доитше Криг« – aus naheliegenden historischen Gründen in kyrillischer Schrift ausbuchstabiert – schmückt sich mit einem der in diesem Band seltenen Reime: »Faultier mit Bierchen / possierliche Tierchen«; am Ende bleiben gerade »noch 20 Minuten / Zeit zur Deckung / vor rasenden Fässern«. In diesem Text findet sich auch der Hinweis auf den Shakespeare’schen »Titus Andronicus / Schlächter der Sterne«, eine Tragödie, die als Vorlage für das Stück »Titus Germanicus Redukt« der Berliner Künstlergruppe Kulturschlund diente, in dem Schäffer als Gotenführer und Sänger der Römerband mitwirkt. Lynda Prucknick kommentiert seine Rolle wie folgt: »Großartig und lustig auch die Hetzrede in perfektem Bayrisch. Dieses körperliche Ringen und Niederdrücken des Rednerpults erinnert dann auch an aktuelle Reden deutscher Politiker. Gruselig, weil man auch und gerade jetzt vielleicht Männer wie Trump in diesem Gebaren wiedererkennt.«
Maximilian Schäffer alias Flamingo betreibt auf seiner Website neonflamingo.de eine »Agentur für Hochkultur«, wozu bei ihm neben »Musik, Text, Theater, Stimme« auch der »Ausschank« gehört. Das klingt plausibel, wenn man weiß, dass er einer Familie von »Oktoberfestmusikern« entstammt und es in seiner Jugend zumindest zeitweise in der Hardcore- und Metal-Szene von Regensburg krachen ließ. Das zieht sich hin bis zu den heutzutage immer mal wieder zur Aufführung gelangenden synästhetischen Lesungen mit Livemusik und Liveduft aus der Reihe »Feeling Burroughs«. Das schwingt weiter in hochenergetischen Versballungen und endet im »Arabischen Krieg« z. B. so: »[…] / deswegen schieße ich / euch den Geifer ins / Gesicht, spreche / die Hurenmutter Babylon / sie soll euch das Taxi / und soll euch den Knüppel / eure Krüppel von / ebensobösen Samen / der Darm eines Lamms / gefüllt mit Reis / in Joghurt und Sesam / und den ganzen Rettich / quer«.
Wem das zuviel epische Wut ist oder wer wie Flamingo im Hörsinn den höheren Sinn sieht, begebe sich begleitend zur Lektüre in die 15 Tracks umfassende Soundcloud von Alan Neon oder lausche auf Youtube seiner Coverversion des Velvet-Underground-Songs »Pale Blue Eyes«. Wer außerdem nicht glauben möchte, dass alle Kunst nutzlos sei, erlebe mit »Geiler Kriege« ein reinigendes Lyrikgewitter und lese es als Dekonstruktion des heute wieder bis zum Erbrechen aufgetischten zynischen Versprechens, nur mit dem Kriege sei die Aufrechterhaltung von »Freiheit und Democracy« zu haben. Zur Freude aller Beteiligten wird es am 25. März um 20 Uhr eine Releaseveranstaltung mit Buchvorstellung und Konzert zu »Geiler Kriege« geben, mit Schäffers »Feeling Burroughs«-Kollegen Reinhold Friedl (zeitkratzer) und Paul Brody (17 hippies) in der Galerie Zeitzone in Berlin-Kreuzberg. Der Autor und der Maler werden anwesend sein und Vorzugsexemplare signieren.
Maximilian Schäffer: Geiler Kriege. Mit zehn Bildern von Klaus Theuerkauf. Moloko Print, Schönebeck 2026, 56 Seiten, 15 Euro
Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!