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Aus: Ausgabe vom 20.01.2026, Seite 11 / Feuilleton
Lyrik

Auch wenn die Nacht wieder zu kurz wird

Das Ende einer Hoffnung: Wolfgang Herzbergs gesammelte Gedichte und Liedtexte
Von Ronald Kohl
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»Und nachmittags gibt’s Versammlung, / ja, da machen wir mal Stunk, / denn Geschwätz ham wir so satt, / das schafft keine Klassen ab« – Wolfgang Herzberg »Normalschicht«

Die märkische Kiefer hat in den letzten anderthalb Jahrhunderten mächtig Nadeln gelassen: Zu Kaisers Zeiten wich sie Truppenübungsplätzen, in der DDR wurden ihr großflächig Wunden zugefügt, um mit dem abgezapften Harz die Devisenlöcher der heimischen Industrie zuzukleistern, und nun machen ihr Jahr für Jahr verheerende Waldbrände die Hölle heiß. Da steht sie aber immer noch!

Das mag ein Grund dafür gewesen sein, dass Wolfgang Herzberg seine Textsammlung unter dem Titel »Ich bin eine Kiefer im märkischen Sand« veröffentlicht hat. Untertitel: »Ost-West-Lebensgefühle eines jüdischen Ostberliners«. Der erste Teil des Buches, rund 100 der knapp 300 Seiten, enthält Gedichte, Lieder und Rocktexte, die in der Zeit von 1960 bis 1990 entstanden, der zweite Gedichte und Lieder aus den Jahren 1990 bis 2025. Jedem Jahrzehnt stellt der Autor die vorherrschende Befindlichkeit voran: »Die 60er Jahre, oder: Was mich umtrieb« – das war neben der Liebe (»Ostsee mit Gina«) vor allem das ungestüme Verlangen, die Welt zu verbessern. So heißt es in »Wer bin ich schon?«, Herzbergs erstem Gedicht:

»Quatsche endlos über Politik

und übe recht, recht viel Kritik.

*

Dann kotzt die Welt mich wieder an

und hinterher ich sie.«

Mit der Welt ist gewiss nicht die große, weite gemeint. Vermutlich nicht einmal die DDR. Es geht um Ostberlin. Dafür spricht nicht nur Herzbergs Biographie. Alle im Buch abgebildeten Fotografien wurden in der Hauptstadt der DDR aufgenommen, triste Schwarzweißbilder von Robert Paris, vorzugsweise bei Regen oder Smog geschossen.

Auch mich befällt bei ihrem Anblick das vertraute Heimweh. Und ich weiß nur zu gut, was Herzberg meint, wenn er im Interview mit dem ND sagt: »Ich fühle mich jetzt in Deutschland weniger zu Hause als in der DDR.« Der große Unterschied zwischen uns beiden: Er hat mit dem Ende der DDR eine Hoffnung verloren, die ich nie gehabt habe. Aber ich war auch kein »gewerkschaftlicher Kulturhausleiter« (leider).

Vier Jahre lang hat Herzberg dafür gesorgt, dass bei Narva die Partylichter pünktlich angingen, mindestens am 7. Oktober und am 8. März, vermute ich. Eine wichtige Zeit für ihn, mit viel Kontakt zu den Werktätigen, also zu denen, die sich auch ohne Parteistrafe in der Produktion bewähren mussten, Tag für Tag, ein Leben lang.

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Eine kleine Depression Ost: Wolfgang Herzberg

Das Lied »Normalschicht« erzählt vom grauen Alltag einer jungen Familie, versehen mit der Widmung: »für Erika und Bernd, Bandarbeiterin und Elektriker im Berliner Glühlampenwerk«. Die ersten Verse beschreiben das allmorgendliche Aufstehen. Die Übermüdung. Das weinende Kind, das in den Kindergarten gebracht werden muss, bevor besagte ganz normale Schicht beginnt. Besonders beeindruckt die Balance zwischen Frust und Kraft, der Stärke, die aus der Gemeinschaft, dem Zusammenhalt gezogen wird. Außerdem ist da noch der Spaß, den man sich am Abend einfach gönnen will, auch wenn die Nacht wieder zu kurz werden wird.

Ich weiß nicht, ob Menschen, die sich mit Lyrik auskennen, diesen Text auch für den stärksten des ersten Teils halten (wenn nicht, dann haben sie eben keine Ahnung). Ich behaupte, hier glänzte Herzberg das erste Mal mit dem, was er später am sichersten beherrschte: die Sprache und das Lebensgefühl junger Menschen, die für ihr Geld schon zeitig arbeiten müssen, in Reimen zu verdichten.

Ob ich damit recht habe, möge der Leser bei Lektüre des dritten und letzten Teils des Buches entscheiden, der unter anderem das Libretto des Rockmusicals »Paule Panke« enthält, das einen Tag im Leben eines Lehrlings in einem Berliner Industriebetrieb beschreibt, Herzbergs wohl bekanntestes Werk.

Warum, habe ich mich deshalb sofort gefragt, bezeichnet sich jemand, der so urban verwurzelt ist, als »Kiefer im märkischen Sand«? Das im Buch enthaltene Kiefernlied hilft kaum weiter, es beschreibt lediglich eine kleine Depression Ost, dazwischengequetscht eine neuzeitliche; zur Erklärung heißt es unter dem Titel: »Die ersten drei Strophen und die letzte Strophe entstanden vor 1990, die anderen danach.« Weder der eine Zeitabschnitt noch der andere stellt das eigentliche Trauma dar. Es ist die Bruchstelle:

»Aus der Traum? 1989/1990

*

So fühl ich mich verloren, im heimatlosen Land.

Dazu bin ich geboren: Sie bauten mich auf Sand …«

Anscheinend nicht die schlechteste Voraussetzung für ein Leben voller Poesie.

Wolfgang Herzberg: Ich bin eine Kiefer im märkischen Sand. Ost-West-Lebensgefühle eines jüdischen Ostberliners. Gedichte, Lieder, Rocktexte. Omnino-Verlag, Berlin 2025, 296 Seiten, 18 Euro

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