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Landlust

Kirche

Aus der Provinz

Foto: IMAGO/epd
»Sind die Kirchen noch zu retten?« (Queerer Gottesdienst in Münster, 26.10.2025)

Vor Ostern befragte die Zeit den Religionssoziologen Detlef Pollack zur Bedeutung traditioneller Glaubensformen in der Moderne. Er konstatierte, dass Rituale verblassten, die Bindung an die Kirchen schwinde und insgesamt »eine kulturelle Regression« statthabe: »Man weiß nichts mehr vom Christentum, das eng mit der abendländischen Geschichte verbunden ist. Man versteht dessen Begriffe und Werte nicht mehr, findet vieles vielleicht nur noch komisch.« Ei der Daus! Warum wohl?

»Sind die Kirchen noch zu retten?« hakte die Zeit nach. Nö, meinte Pollack (übrigens ohne das Wort »Islam« in den Mund zu nehmen): »Manche Kirchenvertreter sind auch deshalb so resigniert, weil sie das Gefühl haben, sie können machen, was sie wollen, ohne dass sich etwas ändert.« Jahr für Jahr erreichen die Austritte Höchstwerte.

Mir ist das, wie bekannt, egal und wäre eine Welt ohne insbesondere monotheistische Glaubenssysteme erheblich lieber. Aber vielleicht sollten die affigen Damen und Herren in den Amtskirchen und Gotteshäusern mal darüber sinnieren, wieder das zu machen, was jahrhundertelang in würdevolle Umrisse eingefügt war. Wenn schon, dann Ritus, Liturgie, Sakramente, ruhige, feierliche Zwiesprache – nach alter Provenienz.

Bereits Helmut Schmidt wollte »keine ›Tagesschau‹ auf den Kanzeln«. Heute sind wir, dem gebenedeiten Fortschritt sei Dank, noch sehr, sehr viel weiter. Gott, plärren die Krawallpfaffen, sei queer, die Tiere auf der Arche seien queer gewesen. Unter den Kanzeln tänzeln Tiefkühlhähnchen in Windeln, den Gottessohn stopft man in eine Schleimpelle, die teichtief intelligente Carolin Kebekus führt einen Tuntenjesus vor. Das Weltveredelungsschrapnell Dunja Hayali lärmt an Heiligabend in einer Berliner Kirche in Sachen »Dekolonialisierung« alles in Grund und Boden, andernorts peppt eine Poledancerin den Dienst am Herrn auf, aus dem Reformationstag wird Halloween inklusive »Kunst« und »Sex«. Und schließlich wehren die Diversitätspriester und Sektengurus in ihrem brunzdummen Event- und Ideologiesumpf dem Klima und segnen Kanonen und Drohnen. Bin ich froh, dass meine Eltern das nicht mehr mitkriegen müssen.

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Brigitte und Lerd haben mich am Karfreitag zum Karpfenfilet eingeladen. Am Ostersamstag veranstalteten wir – Dirk, Josef, Dany und ich – beim Hammon ein Weißwurstfrühstück. Danach klopften wir Karten. Abends gedachte der Josef beim Dany, der früher nach Hause marschiert war, einen Abschlusskasten Bier zu heben. Da er nicht so lange warten mochte, bis der Dany die Haustür hätte öffnen können, sprang er kopfüber durchs offene Küchenfenster und zerschmetterte sich auf dem Kachelboden ein Knie. Zum Glück löste der Neuendettelsauer Fenstersturz keinen Religionskrieg aus. Josef bettelte bloß um Soforthilfe: »Ich brauch’ a Pflaster!«

Im Berichtszeitraum erzählte mir ein anderer Freund, er, der in einem kirchlichen Internat schikaniert worden war, sei endlich aus dem Laden ausgetreten, Verwaltungsgebühr: fünfunddreißig Euro. Und er mailte mir den zweiseitigen Antwortwisch des bis dahin für ihn zuständigen Pfarrers: »Ihre Entscheidung ist mir, wie Sie verstehen werden, keineswegs gleichgültig. Ich würde gerne mit Ihnen über die Gründe, die Sie zu Ihrem Schritt bewogen haben, sprechen und habe als Seelsorger auch die Pflicht, die Motivation Ihres Kirchenaustritts zu erfragen und eine entsprechende Einschätzung vorzunehmen.«

Das roch ein bisschen degoutant, ein wenig stalinistisch, oder? »Im Auftrag des Bischofs muss ich Sie mit diesem Brief (…) auch über die Wertung des Kirchenaustritts unterrichten und über die Folgen, die dieser in kirchenrechtlicher Hinsicht nach sich zieht. Die Erklärung des Kirchenaustritts vor der zuständigen zivilen Behörde stellt als öffentlicher Akt eine willentliche und wissentliche Distanzierung von der Kirche dar und ist eine schwere Verfehlung gegenüber der kirchlichen Gemeinschaft. Wer vor der zuständigen Behörde seinen Kirchenaustritt erklärt, verstößt gegen die Pflicht, die Gemeinschaft mit der Kirche zu wahren (c. 209 § 1 CIC) und seinen finanziellen Beitrag zu leisten, dass die Kirche ihre Sendung erfüllen kann (c. 222 § 1 CIC i. V. m. 1263 CIC).« Und so fort.

Drohung? Erpressung? Manifester Wahnsinn?

Ich griff zu Andreas Maiers fabelhaftem Roman »Der Teufel«. In dem finden sich Bilder, Szenen, Geschichten, die zu bedenken geben mögen, vor jedwedem weltanschaulichen Gerümpel das Weite zu suchen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 02.05.2026, Seite 10, Feuilleton

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