»Ihr seht uns nicht, Ihr kennt uns nicht«
Von Cristina Fischer
Sie war eine eigenwillige, kreative und lebenslustige junge Frau. Als eine der wichtigsten Mitarbeiterinnen der illegalen Kommunistischen Partei in Berlin wurde sie mit fünfzehn Jahren Zuchthaus bestraft und als Jüdin höchstwahrscheinlich in Auschwitz ermordet. Heute ist sie praktisch vergessen. Daran hat auch eine Gedenktafel an dem Haus in Berlin-Mitte, in dem sie zuletzt gewohnt hatte, wenig geändert.
Margarete Kaufmann, im allgemeinen Grete genannt, und ihr jüngerer Bruder Mark waren in Petersburg – im zaristischen Russland – als Kinder des Apothekers Isidor Kaufmann und dessen Frau Rosalie zur Welt gekommen. Sie wuchsen in wohlsituierten Verhältnissen auf. Grete besuchte bis zum zwölften Lebensjahr eine Privatschule in Petersburg, nun Petrograd. Sie sprach nicht nur Deutsch und Russisch, sondern bald auch Englisch und Französisch.
Der Erste Weltkrieg und die Oktoberrevolution von 1917 veränderten die Situation der Familie drastisch. Der Vater wurde enteignet und nach Sibirien verschickt. Er starb 1922, kurz nachdem ihm die Ausreise zugesichert worden war. Die Mutter verdiente nun den Lebensunterhalt als Krankenschwester. Sie war mit den Kindern nach Berlin gezogen, wo Margarete zwei Jahre das Luisen-Lyzeum in der Ziegelstraße in Mitte besuchte.
Es folgte ein Umzug nach Danzig, auch dort ging sie ein halbes Jahr aufs Lyzeum, anschließend absolvierte sie ein halbes Jahr die Handelsschule. Letztlich ließ sie sich als Lehrling bei verschiedenen Firmen zur Stenotypistin ausbilden. Unter den schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen in Deutschland und vor dem Hintergrund der kleinen Familie ohne »Ernährer« war es für das junge Mädchen unmöglich, ein Studium zu beginnen – ihr Verdienst wurde gebraucht.
Grete fand sich jedoch mit den Verhältnissen nicht einfach ab. Sie wurde Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), später der SPD und engagierte sich in der jüdischen sozialistischen Organisation Poale Zion.
1927 erhielten die Kaufmanns die deutsche Staatsbürgerschaft. Zumindest dem Sohn Mark sollte ein Studium ermöglicht werden. Er kam als Medizinstudent mit kommunistischen Kommilitonen in Kontakt, schloss sich den »Roten Studenten« und schließlich der Kommunistischen Partei an. 1932 trat auch Grete der KPD bei.
»Aus dem Wunsche heraus, sich mit allen Kräften für die Bestrebungen der KPD einzusetzen«, arbeitete sie schon im Sommer 1932 im Abwehrapparat der Partei, zunächst in der »als besonders aktiv bekannten Zelle ›Ackerkiez‹« in der Ackerstraße, in die sie durch ihren damals bereits illegal tätigen (nicht namentlich bekannten) Verlobten gelangte.¹
Emi-Frau und Org-Leiterin
Nach der Machtübertragung an Hitler wurde sie selbst Instrukteurin der Abwehr und hatte Verbindung zur Bezirksleitung der KPD. »Die von ihr eingesetzten Abwehrmänner klärte sie über das Wesen der Abwehrarbeit auf und machte sie mit den Konspirationsregeln vertraut«, heißt es in der Anklageschrift von 1938. Sie habe für diese Funktion unter anderem die Ärzte Ernst Ascher und Dr. Leo Hallay, den Studenten Bruno Haid sowie einen mysteriösen Türken namens »Ali Baba« angeworben. Ähnlich phantasievoll wie bei dem Genossen »Ali Baba«scheint Margarate auch bei der Erfindung anderer »Mittäter« gewesen zu sein. Ansonsten befanden sich alle von ihr mit Klarnamen Benannten bereits im Exil.
Margarete wurde vorgeworfen, sie sei »von Anfang 1934 bis November 1935 als Technikerin und Schreibhilfe, ferner als Emi-Frau (zuständig für Emigrationsangelegenheiten), Org-Leiterin (Organisationsleiterin) und Agit-Prop-Leiterin im Unterbezirk ›Zentrum‹ für die KPD aktiv gewesen«.
Bis zum Sommer 1934 soll sie unter dem Decknamen »Irma« für die Agitpropleiterin des Unterbezirks, die Ärztin Dr. Berta Jacoby (Deckname »Lotte«),² gearbeitet haben, die im Herbst ihre Verhaftung befürchten musste und untertauchte – bis zu ihrer Emigration nach Prag versteckte sie sich in der Wohnung von Rosalie Kaufmann in der Auguststraße.
Grete war als Stenotypistin in der Neuköllner Firma Radio-Huppert, einem Radiofachgeschäft von Arthur Huppert, tätig, das 1938 »arisiert« werden sollte. Aufgrund ihrer beruflichen Qualifikation wurde sie, wie andere Genossinnen auch, von der Partei mit Schreibarbeiten beauftragt.
Im wesentlichen scheint sie mit der Herstellung und Vervielfältigung von Unterbezirkszeitungen der KPD, zunächst der Roten Barrikaden (UB Zentrum), beschäftigt gewesen zu sein. Sie erhielt Beiträge von Berta Jacoby, brachte aber auch eigene politische Artikel und Gedichte ein. Sie hörte regelmäßig den Moskauer Rundfunk und fasste dessen Nachrichten auf Deutsch zusammen, nahm Berichte von Genossen über die Lage in einzelnen Berliner Betrieben entgegen und redigierte diese.
Sie erwähnte auch die Herstellung von Flugblättern für Berta Jacoby, inzwischen Instrukteurin für die Warenhäuser in Mitte, sowie von zwanzig Exemplaren »Richtlinien« für die Umstellung der politischen Arbeit des Bezirks, nur für Funktionäre gedacht. Zuständig für die Agitproparbeit im Unterbezirk war nun Johannes Puhlmann.
Besonders interessant sind Gretes zahlreiche aktuell-politischen Gedichte, überwiegend satirischen Charakters (»Lied der alten Kämpfer«, »Vor drei Jahre im Aujust«, »Lied des Elends«, »Staatliche Heiratsvermittlung«), die vor allem in den Zeitungen der Unterbezirke »Zentrum« und »Stettiner Bahnhof« erschienen. Sie beweisen ihr literarisches Talent und den Drang, ihrem Temperament Luft zu machen. Zwei der Gedichte, »Brief ins Ausland« und »Hungerverse«, sollen durch Vermittlung von Berta Jacoby im Sommer 1934 in einer Ausgabe der im Wedding verbreiteten illegalen BVG-Zeitung abgedruckt worden sein.
1935 wurde sie in den Unterbezirk um den Stettiner Bahnhof (heute Nordbahnhof) versetzt, wo sie sich unter anderem an Schulungen und am Wiederaufbau kommunistischer Zellen beteiligte. Sie fühlte sich dabei nicht wohl, weil sie seit einiger Zeit in diesem Kiez lebte und vielen bekannt war – sie wohnte zur Untermiete in einem möblierten Zimmer an der Linienstraße 154a.
Ihr Politischer Leiter war nun der Bauarbeiter Willi Reinke. Auf seinen Wunsch hin stellte sie im Sinne der Einheitsfrontpolitik die Verbindung zu Genossen der illegalen SPD her, die sie von früher kannte, und von denen sie später keinen einzigen der Polizei nannte.
Mit dem verheirateten Reinke freundete sie sich an, er durfte ab Februar 1935 in ihrer Wohnung arbeiten und bekam sogar einen Schlüssel von ihr. Sie habe »intime Beziehungen« mit ihm unterhalten, nachdem ihr Verlobter sie betrogen habe, erzählte sie der Gestapo.
Werbung für die Einheitsfront
Im Frühjahr 1935 entwarf sie zwei oder drei Ausgaben eines Informationsdienstes des Unterbezirks, der unter anderem Richtlinien für den »inneren Aufbau« der illegalen Arbeit enthielt. Außerdem will sie damals während einer Verdunkelungsübung mit Hilfe eines »Tausendfachstempels«, den sie aus ihrer Firma hatte mitgehen lassen, ganz allein 2.000 Streuzettel mit der Aufschrift »Nieder mit dem imperialistischen Krieg« gedruckt haben. Sie habe diese Zettel in Berlin aus einem fahrenden Stadtbahnzug fliegen lassen.
Zum 1. Mai war sie an der Redaktion und Vervielfältigung eines Flugblatts beteiligt, das sich hauptsächlich an die Anhänger der illegalen SPD wandte und für die Einheitsfront warb. Sie fertigte davon in ihrer Firma 500 Abzüge.
Nach einem Einsturzunglück beim S-Bahnbau in der Nähe des Brandenburger Tors Ende August 1935, bei dem zwei Arbeiter ums Leben kamen, verfasste sie »aus eigenem Antrieb« ein Flugblatt »als Entgegnung auf Vorwürfe, die im Schwarzen Korps (der Zeitung der SS, jW) gegen jüdische Unternehmerfirmen erhoben worden waren. Sie behauptete darin, dass das Unglück auf Schiebereien arischer Firmen zurückzuführen sei.« Sie habe dieses Flugblatt auf Anweisung ihres neuen Politischen Leiters mit dem Decknamen »Anton« jedoch nicht verteilen dürfen; statt dessen sollte das Thema in einem Artikel für die nächste Ausgabe der Zeitung Rote Signale behandelt werden. Auch für »Anton« stellte sie Streuzettel her.
In dieser Zeit soll sie noch die erste Ausgabe der illegalen Zeitung Die Wahrheit, Organ des KPD-Unterbezirks Zentrum, entworfen und deren Kopf gezeichnet haben. »Sodann schrieb sie auf einer Schreibmaschine der Firma Radio-Huppert während der Tischzeit (der Mittagspause, C. F.) den gesamten Text auf Wachsmatrizen und setzte dazwischen kommunistische Schlagworte ein.« An den folgenden drei Ausgaben der Zeitung sei sie nicht beteiligt gewesen, habe aber zwanzig bis dreißig Exemplare für je zehn Pfennige an sozialdemokratische Genossen verkauft.
Die Unterbezirkszeitung Rote Signale erschien ab Ende September 1935 in einer Auflage bis zu 200 Exemplaren. Grete verfasste für die ersten drei Ausgaben zusammen mit »Anton« verschiedene Beiträge. »Sie selbst trug u. a. Betriebsberichte (…) sowie die Gedichte mit den Überschriften ›Kraft durch Freude‹ und ›Winterhilfe‹ sowie Inhaltsangaben über (Rund-)Funkberichte des Moskauer Senders bei.« Diesen Sender habe sie bei ihrem Genossen Max Packamohr in der Pücklerstraße abgehört.
Erneut sei sie auch an der Herstellung des Informationsdienstes des Unterbezirks Zentrum in einer Auflage von etwa 180 Exemplaren beteiligt gewesen, außerdem habe sie dafür einen Aufsatz über konspirative Regeln beigesteuert. Die fertigen Zeitungen übergab sie dem Kurier Hugo Lewert.
Von Frühjahr bis August 1935 war Grete in ihrem Unterbezirk nebenbei »Emi-Leiterin«, sie »hatte als solche für die Unterkunft von Kommunisten zu sorgen, die illegal nach Deutschland eingereist waren oder aber sich von Deutschland in das Ausland begeben wollten und vorübergehend mit Quartier und Kleidung versehen werden mussten«.
Am 2. Januar 1936 starb Gretes Mutter Rosalie, die zuletzt als Oberin des Jüdischen Frauen- und Mädchenheims an der Auguststraße tätig gewesen war, mit nur 54 Jahren an einem schweren Herzleiden. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee beerdigt. Ihre Tochter hatte sich bis zuletzt um sie gekümmert, an ihrem Todestag ging sie zum Standesamt, um die für die Sterbeurkunde benötigten Angaben zu machen.
50 Treffs pro Woche
Doch für Trauer blieb keine Zeit, die illegale Arbeit ging unter Hochdruck weiter. Im April und Mai 1936 war Grete als Gehilfin des Agitpropleiters Puhlmann tätig. Von ihm bekam sie eine Schreibmaschine, auf der sie in der Wohnung des Ehepaars Leo und Gertrud Spiro Ausgaben der Zeitung Hammer und Sichel sowie eine zwölfseitige Schrift »Parteiaufbau und Massenarbeit« tippte. Wiederum steuerte sie für die Zeitung einen Betriebsbericht und eigene Gedichte wie das »Lied der Landhelfer«, »Osterlied 1936« und das »Krankenkassenlied« bei, und sie übersetzte den Inhalt einer Sendung des Moskauer Rundfunks über die dortige Feier zum 1. Mai.
Sie war außerdem als Betreuerin des Gebiets rund um die Gormannstraße tätig, unter Genossen als Stadtteil »Sonja Spitz« bezeichnet, einer jungen Kommunistin, die 1933 von den Nazis schwer zusammengeschlagen worden war. Dort beteiligte sie sich an einem von Gustav Urbschat abgehaltenen Schulungsabend über die Taktik des »Trojanischen Pferdes«, besorgte eine Schreib- und Abziehstelle für den Zellenleiter Gustav Buttgereit und war mit dem Wiederaufbau zweier kommunistischer Zellen beauftragt.
Die Anklageschrift gibt eine bezeichnende Episode wieder: »Als am 1. Mai 1936 Kriese (der Leiter einer der beiden KPD-Zellen) Streuzettel mit kommunistischen Kampflosungen, die er von Buttgereit erhalten hatte, in einem Hausflur niederlegte, nahm sie diese an sich und streute sie in der Linienstraße aus.«
Das bisher Geschilderte ist für einen Zeitraum von gut drei Jahren schon an sich ein umfangreiches Arbeitspensum, erst recht für eine Frau unter den damaligen Verhältnissen. Alle Aktivitäten von Margarete Kaufmann im Detail aufzulisten, ist unmöglich, weil sie nicht alles zugegeben hat bzw. ihr nicht alles nachgewiesen werden konnte. Außerdem übernahm sie der Gestapo gegenüber auch die Verantwortung für Aktionen, an denen sie nicht oder jedenfalls nicht allein beteiligt gewesen war.
Noch im Mai 1936 wurde sie als Gebietsberaterin (Deckname »Martha«) für die Unterbezirke Zentrum, Kreuzberg, Tempelhof und Südost eingesetzt. In ihrer neuen Funktion hatte sie in einer Woche angeblich bis zu 50 Treffs in ganz Berlin wahrzunehmen und geriet an die Grenze ihrer Belastbarkeit. Sie war so überreizt, dass sie manchmal mitten auf der Straße ohne Anlass in Tränen ausbrach, wie sie ihren Vernehmern erzählte. (Später bestritt sie, diese Aufgabe wahrgenommen zu haben.)
Inzwischen rollte in Berlin die Verhaftungswelle gegen die illegale KPD, der zahlreiche Genossen und Genossinnen aus Gretes Umfeld zum Opfer fielen. Am 20. Juni 1936 wurde auch sie auf dem Weg zur Arbeit in der Nähe des U-Bahnhofs Kochstraße festgenommen. Sie galt mittlerweile als »staatenlos«, da den Familienmitgliedern wegen der antifaschistischen Betätigung von Mark Kaufmann die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt worden war.
Niemanden hineinreißen
Gretes Strategie in den Verhören war von dem Bemühen geprägt, alle Schuld auf sich zu nehmen und möglichst niemanden zu belasten. Das war allerdings aufgrund der Massenverhaftungen kaum durchzuhalten, denn nicht alle Genossen waren so standhaft. Die insgesamt fast zwei Jahre dauernde Untersuchungshaft zermürbte die sensible junge Frau derart, dass sie Ende Januar und Ende Februar 1937 in ihrer Zelle Selbstmordversuche unternahm. Bereits im August 1936 war sie nach einem Nervenzusammenbruch in die Heil- und Pflegeanstalt Herzberge eingewiesen worden, wo sie allerdings nur rund zwei Wochen bleiben konnte.
Zusammengefasst lautete der Vorwurf der Anklage, sie und ihre beiden Genossen Willi Reinke und Gustav Urbschat hätten sich »am Aufbau und der Weiterführung der illegalen KPD an führender Stelle beteiligt«. Die Hauptverhandlung gegen die drei fand erst Anfang April 1938 vor dem »Volksgerichtshof« statt. Margarete wurde zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt und erhielt damit – was ungewöhnlich war – eine höhere Strafe als die beiden mitangeklagten Funktionäre und alle anderen vor und mit ihr Verhafteten. Willi Reinke wurde zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt, die er aber nicht überlebte; er starb am 24. Juni 1942 im Zuchthaus Brandenburg-Görden. Gustav Urbschat verurteilten die Richter zu acht Jahren Zuchthaus, ebenfalls in Brandenburg. Er wurde später in der DDR Rektor der Kunsthochschule Weißensee.
Grete hatte den Eindruck, dass ihre Versuche, Genossen herauszuhalten, allzu einseitig blieben, und dass sich manche auf ihre Kosten entlasteten. Sie beklagte sich darüber schließlich sogar beim Untersuchungsrichter; ein in der Haft geschriebener Brief von Ende April 1938 bezeugt ihre innere Zerrissenheit und ihre tiefe Erschütterung angesichts des Urteils. Sie ahnte, dass sie die Haft nicht überleben würde, und erklärte: »Ich habe niemand nennen und hineinreißen wollen, weil mir die Familienväter leid taten – aber ich habe niemandem leid getan, im Gegenteil, die Herrschaften haben mich ruhig alles auf sich nehmen lassen und sich noch ins Fäustchen gelacht …« Deprimiert fügte sie hinzu: »Im Volksgericht habe ich mich aufgehängt, weil ich die Schnauze voll habe und weil ich glaubte, dass Reinke zum Tode verurteilt wird. Er hat mir schrecklich leid getan.«
Sie bestritt nun, Org-Leiterin im Unterbezirk Zentrum gewesen zu sein, auch habe sie keine Streuzettel, Flugblätter oder den Informationsdienst vervielfältigt und keine einzige Nummer der KPD-Zeitung Rote Signale geschrieben oder abgezogen.
Sie scheint kurz davor gewesen zu sein, Genossen zu denunzieren, doch trotz ihrer Verzweiflung und Wut besann sie sich eines besseren und erfand statt dessen eine Reihe von Decknamen und Klarnamen angeblicher Mittäter – nicht einen einzigen davon konnte die Gestapo ausfindig machen. Ansonsten hatte sie nur Emigranten genannt, die sie in Sicherheit wusste. Nicht einmal den Namen ihres Verlobten, eines langjährigen KPD-Funktionärs, gab sie preis, obwohl sie auch von ihm enttäuscht gewesen zu sein scheint. Gar nichts sagte sie über ihren Bruder, der als Kommunist von der Gestapo gesucht wurde und in die Schweiz geflohen war, bevor er nach Argentinien emigrierte.
Ihre Untersuchungshaft hatte Grete im Gefängnis Alt-Moabit und im Frauengefängnis an der Barnimstraße verbracht, ihre Zuchthausstrafe verbüßte sie in Lübeck-Lauerhof, Hamburg- Fuhlsbüttel und Cottbus. Nur selten bekam sie Besuch, Briefe oder Päckchen von in Berlin verbliebenen Verwandten.
Verzweifelt versuchte sie, ihr Leben zu retten, indem sie das sowjetische Konsulat in Berlin bat, sie als gebürtige Russin wieder einzubürgern und dann auszutauschen – dieser Brief wurde jedoch von der Gefängnisleitung auf Anweisung der Justizbehörde einbehalten. Später flehte sie ihren Bruder an, für sie eine Scheinheirat mit einem Argentinier oder Mexikaner zu organisieren, um ausreisen zu können.
Die Fahne muss wehen
Obwohl sie gesundheitlich schon sehr angegriffen und nervlich zerrüttet war, musste sie im Zuchthaus schwere körperliche Arbeit leisten. Besonders litt sie unter den Schikanen der Direktorin, wie Mitgefangene bezeugten.
Ihr letzter erhaltener Brief an ihren Bruder datiert vom August 1941 und drückt noch immer die Hoffnung auf Rettung aus. Danach verdüsterte sich ihr Leben endgültig. Vermutlich erhielt sie Schreibverbot.
Ende 1942 wurde sie aufgrund der neuen Strafrechtsverordnungen gegen Polen und Juden aus dem Zuchthaus Cottbus abgeholt. Laut ihrer Häftlingsakte ist sie »am 21. Dezember 1942, 18.15 Uhr, an den Herrn Reichsführer der SS übergeben« und auf Transport, wahrscheinlich nach Auschwitz, geschickt worden.³ Dort soll sie bereits nach kurzer Zeit ermordet worden sein.
Ihr Bruder, der nach dem Krieg nach ihr suchte, erfuhr erst Jahrzehnte später von ihrem Tod.
In Berlin erinnerten sich nach 1945 ehemalige Haftgefährtinnen an Margarete Kaufmann und ihre Deportation aus dem Zuchthaus. In Berliner Tageszeitungen erschienen Artikel über sie, und 1955 wurde der Entschluss gefasst, in der Linienstraße 154a – nunmehr in der Hauptstadt der DDR gelegen – eine Gedenktafel für sie anzubringen. Wie durch ein Wunder ist diese Tafel bis heute erhalten geblieben.
In dem zweibändigen Standardwerk »Deutsche Widerstandskämpfer 1933–1945«, das vom Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED 1970 herausgegeben wurde, sind Margarete Kaufmann fünf Seiten gewidmet: anderthalb Seiten Kurzbiographie, von Luise Kraushaar verfasst, ein ganzseitiges Foto und eines ihrer Gedichte.
»Die junge Antifaschistin begegnete ihren Peinigern mit großem Mut und tiefer Verachtung«, schrieb Luise Kraushaar, die selbst dem Abwehrapparat und dem sogenannten BB-Ressort der KPD (»Betriebsbeobachtung«, auch Betriebsspionage genannt) angehört hatte, voller Respekt.⁴ Sie zitierte aus der Urteilsbegründung: »Mit nie ermüdender Energie ist sie überall dort eingesprungen, wo Stockungen im Ablauf der illegalen Arbeit zu beseitigen waren.«⁵
Das war neben den Zeitungsartikeln bisher die ausführlichste Würdigung dieser jüdischen Kommunistin. Luise Kraushaar hatte dafür auch deren Zuchthausakte ausgewertet.
Als »Spitzenfunktionärin« ist Grete Kaufmann in dem Band »Widerstand in Berlin-Mitte und Tiergarten« (1999) sowie in dem Standardwerk »Die ›andere‹ Reichshauptstadt. Widerstand aus der Arbeiterbewegung in Berlin« (2007) (beide von Hans-Rainer Sandvoß) namentlich und mit Bild aufgeführt, auch ihr Zuchthausurteil und ihr Tod werden hervorgehoben. Ihre vielfältigen Aktivitäten bleiben jedoch in beiden Fällen unerwähnt. Nur das mehrbändige Lexikon »Widerstand in Berlin« (2002/2006) enthält einen stichwortartigen Überblick über ihr Leben und ihre politische Arbeit.
In ihrem in dem Band »Deutsche Widerstandskämpfer« abgedruckten Gedicht hatte Margarete Kaufmann das Schicksal eines ermordeten Kommunisten gewürdigt – ein Schicksal, das sie schließlich selbst traf, wenn auch in etwas anderer Form:
Und über den Zeilen schwebt ein Gesicht, / Unbekannt, »auf der Flucht erschossen« – / Es lächelt. Der blutige Mund aber spricht: / »Bravo, bravo, Genossen! // Ihr seht uns nicht, und Ihr kennt uns nicht, / Doch sehn wir Euch überall gehen / Und sind überall und immer bei Euch! / Die Fahne, die Fahne muss wehen!«⁶
Die letzten bekannten Briefzeilen von Margarete Kaufmann sind von diesem Pathos schon sehr weit entfernt. Doch ihre überlebenden Mithäftlinge haben bezeugt, dass sie bis zuletzt standhaft geblieben ist.
Die vom Deutschen Bundestag angeregten und finanzierten neuen Bemühungen um die Erforschung des Lebens von Frauen im antifaschistischen Widerstand in Deutschland sind an diesem erschütternden Schicksal achtlos vorbeigegangen.
Anmerkungen
1 Alle Informationen über die illegale Arbeit von Margarete Kaufmann wurden ihrer Anklageschrift entnommen. Bundesarchiv, Digitalisierte Fassung der Mikrofiche-Sammlung »Widerstand als ›Hochverrat‹ 1933–1945« aus dem Saur- Verlag (München 1998).
2 Die 1905 geborene Berta Jacoby wurde in der Tschechoslowakei verhaftet, 1940 in das Frauen-KZ Ravensbrück deportiert und vermutlich im Februar 1942 in Bernburg vergast.
3 Luise Kraushaar (Hg.): Deutsche Widerstandskämpfer 1933–1945. Biographien und Briefe, Bd. 1. Berlin 1970, S. 482
4 Ebd., S. 481
5 Ebd., S. 482
6 Ebd., S. 484
Cristina Fischer schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 2./3. August 2025 über die Fotografin Else Ernestine Neulaender-Simon, genannt Yva: »Der schöne Schein«
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