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Literatur

Das Leben ist anderswo

»Trag das Feuer weiter«: Der Abschluss von Leïla Slimanis großer Familientrilogie

Foto: Moebius/Avant Verlag

Der Blick auf Casablanca wird sich ihr für immer einprägen. Das weiß Mia bereits, als sie ihren Vater zum ersten Mal auf der Arbeit besucht. Sie ist zwölf Jahre alt, als Mehdi sie an das Fenster seines Arbeitszimmers führt, um ihr hinter der Glasscheibe die größte Stadt Marokkos zu zeigen. Überwältigend sind die vielfältigen Pastelltöne, die plötzlich die Pupillen des Mädchens überschwemmen, das Leuchten der Art-Déco-Gebäude, das Gewusel ausgemergelter Kühe, die im Sonnenglanz zwischen Müllbergen weiden. Mehdi, der es trotz seiner bescheidenen Herkunft zum General­direktor einer großen Bank gebracht hat, erklärt seiner Tochter feierlich vor der gleißenden Kulisse der weißen Stadt: »Diese Stadt habe ich lieben gelernt. (…) In Fes und in Meknès fragt man dich immer, wessen Sohn du bist. Hier kannst du niemandes Sohn sein. Casablanca ist eine Stadt ohne Gedächtnis, ein Eldorado für Bastarde, Emporkömmlinge, Namenlose. Ein bisschen wie bei Balzac (…).«

Wie gut sich eine Zwölfjährige vorzustellen vermag, was es mit einem Eldorado für Bastarde und den städtischen Wimmelbildern Balzacs auf sich hat, sei dahingestellt. Und doch passt die Geste der intellektuellen Überforderung seiner Tochter perfekt in Mehdis Erziehungskonzept. Mia soll lernen, so wie er, die Regeln des Zusammenlebens nicht aus dem banalen Alltag abzuleiten, sondern aus Büchern der Hochkultur von Kundera bis Camus. Tatsächlich wird Mehdis erzieherische Saat schon bald aufgehen. Als Mia in der Schule Liebeskummer hat, weil sie von einem Mädchen abgewiesen worden ist, greift sie zur Feder und verwandelt ihre Gefühle in Worte, die ihr am Ende schöner erscheinen als ihre Geliebte selbst. Mehdi will von der Liebe seiner Tochter nichts wissen, doch er wirft ihr zum Trost »Hundert Jahre Einsamkeit« von García Márquez auf die Steppdecke: »Was auch immer der Grund für deinen Kummer ist, wenn du das hier fertig gelesen hast, wirst du ihn vergessen haben.« Mia hat ihre Lektion gelernt: Wie der Vater besänftigt und veredelt sie nun ihre Gefühle, indem sie den Alltag verlässt und in ein Meer aus Büchern eintaucht.

Die 1981 in Rabat geborene Autorin Leïla Slimani erzählt im letzten Teil ihrer autobiographisch gefärbten Familientrilogie von der Familie Daoud, deren Leben von großen Erwartungen geprägt ist. Aïcha, die als Gynäkologin Einblick in sexuelle Machtstrukturen hat, und Mehdi, der erfolgreiche Banker, der sein Haus ins Computerzeitalter führt, sind Pioniere der Weltoffenheit in der von konservativen Werten geprägten marokkanischen Monarchie. Sie verdienen genug Geld, um ihren Töchtern Mia und Inès ein sorgenfreies Leben mit Chauffeur und Hausangestellten zu bieten und beide Sprösslinge auf die französische Schule in Rabat zu schicken. Während die Sprache und Kultur Frankreichs im sogenannten Fette-Knete-Gymnasium gefeiert werden, hat das Arabische in dieser Welt einen geringen Stellenwert. Zwar versucht Mia, ihre Kenntnisse der Landessprache zu verbessern, doch »ihr schien, als perle diese Sprache, die doch ihre Sprache war, an ihr ab wie das Wasser an den Glaswänden der großen Veranda«. Mehdi war radikaler: Er hat alle Bande mit seinen Eltern gekappt. Arabisch spricht man im Haus der Daouds nur mit Dienstboten.

Foto: Moebius/Avant Verlag 2-2.jpg

Es ist, als schlage das Herz der marokkanischen Elite anderswo, als habe man es nach Frankreich verpflanzt. Geprägt von der Geringschätzung der lokalen Kultur, verspürt Mia schon bald einen »Groll auf ihr trübes, ereignisloses Leben am Rand der Welt«. Als ausgezeichnete Schülerin geht sie den vorgezeichneten Weg und beginnt ein Wirtschaftsstudium in Paris. Mehdi möchte seiner Tochter beim Abschied zurufen: »Komm nicht wieder! Diese Sache mit den Wurzeln dient nur dazu, dich am Boden festzunageln (…).« Doch ihr neues Leben in der eiskalten französischen Hauptstadt wird sich als desillusionierend herausstellen. Überall fehlt das Licht, »(ü)berall brauchte man einen Einlasscode«. Als einzige Marokkanerin in der Klasse merkt sie schnell, dass sie nicht wirklich dazugehört, zumal sie kein Landhaus in Chartres oder Chantilly besitzt. Bald hat sie den Eindruck, »als wäre die ganze Stadt von einer dünnen Schicht Glas oder Plastik umhüllt, die man zuerst nicht sah, doch an der sich alle stießen, die versuchten hineinzugelangen«.

Während Mia versucht, in Frankreich die gläserne Decke zu durchstoßen, beginnt in Marokko der jähe Niedergang des Vaters. Bei einer Säuberungsaktion des Königs verliert Mehdi seinen Posten und landet schließlich schuldlos im Gefängnis. Willenlos fügt er sich in sein Schicksal und zieht ein bitteres Fazit: Er, der sich einst als junger Marxist durchgerungen hatte, dem Staat und dem Volk zu dienen, sieht sich nun als »Hampelmann der herrschenden Klasse«. Ist also alles umsonst gewesen?

»Trag das Feuer weiter« sprudelt über vor bildschönen Metaphern und erhellenden Gedanken zu Migration und Fremdheit, erzählt jedoch auch vom Glück der Wanderschaft. »Trag das Feuer weiter« lautet auch Mehdis Rat an Mia. Die Tochter wird diesen Satz des Vaters als Schreibauftrag interpretieren. Obwohl sie nach einer Covid-19-Erkrankung an Brain Fog leidet, wird sie die Erzählfäden ihrer elsässischen Großmutter und ihres verstummten Vaters wiederaufnehmen. Ihr Vorbild beim Schreiben ist der Distelfalter, der von Afrika zum Polarkreis reist: »Winzige Falter, (…) erstaunliche Wanderer, und das Ziel erreicht niemals der, der abreist, sondern sein Enkelkind.«

Leïla Slimani: Trag das Feuer weiter. Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Luchterhand-Literaturverlag, ­München 2026, 448 Seiten, 25 Euro

junge Welt

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Erschienen in der Beilage vom 18.03.2026, Seite 2, Feuilleton

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