Ich verstehe nichts, es ist super
Der Sinn der Musik: Die Tuareg-Band Tinariwen spielte in Berlin
Wo die einen Drogen brauchen, haben die anderen Kultur. Natürlich sind Drogen und Kultur alles andere als Gegensätze. Aber bei manchen Musikrichtungen und -subkulturen, die die Konsumgesellschaft hervorgebracht hat, fragt sich, warum damit so oft so viel Drogenkonsum verbunden ist, seien es Alkohol, Marihuana oder Pillen. Ein alter Witz gibt die Antwort: Weil Reggae (oder wahlweise Techno) sonst nicht auszuhalten ist.
Das ist natürlich ungerecht, hat aber einen wahren Kern. Drogenkonsum hat viel mit Sinnsuche zu tun, und sei es nur der Sinn eines Abends. Musik spricht in der Konsumgesellschaft die einzelnen an, will sie womöglich schlicht für den Moment unterhalten, was ja auch sein Gutes hat. Aber es fehlt die Dimension der Kollektivität, also dass Musik gemeinsam gemacht wird und einem gemeinsamen Zweck dient – das wäre maximale Sinngebung.
Bei einem Konzert der Band Tinariwen kann man auf derlei Gedanken kommen. Der Name bedeutet soviel wie »Wüstenjungs« und bezieht sich auf die jungen Männer der nomadischen Tuareg, die ab den 1960ern vor dem Bürgerkrieg in Mali nach Algerien flohen. Seit den 80ern aktualisieren Tinariwen ihre traditionelle Musik mit Rockelementen, kürzlich ist ihr neues Album »Hoggar« erschienen. Die sieben Männer mit Erfahrung im bewaffneten Kampf spielen mit vier bis fünf E-Gitarren, eine davon ein Bass.
Ihr Auftritt am Donnerstag beim einzigen Deutschland-Konzert der aktuellen, auch nach Nordamerika und Japan führenden Tour im ausverkauften Huxley’s in Berlin war so ziemlich das Gegenteil einer typischen Rockshow. Er begann mit langsamen Liedern, die dennoch zum sachten Tanzen animieren. Dazwischen waren meistens Lücken, es gab kaum Ansagen oder sonstige Interaktion mit dem Publikum (nur: »Dankeschön, vielen Dank«), nicht einmal, als eine Sängerin für ein Lied dazukam. Es ging nicht primär um die Unterhaltung des Publikums. Das ist, wie wenn 20 Leute um ein Lagerfeuer sitzen, von denen fünf Instrumente spielen und zumindest einige andere mitsingen. Da muss nicht erst eine Beziehung zwischen allen Beteiligten hergestellt werden.
Dieser kollektivistische Aspekt macht Tinariwen besonders. Der Sänger singt etwas vor, das der Chor wiederholt oder beantwortet. Alle sieben Mitglieder haben ein Mikrofon vor sich. Die Lieder sind im Viervierteltakt gehalten, was dem europäischen Ohr schmeichelt, wobei der Rhythmus ziemlich synkopisch ist, also sich auch zwischen den Schlägen bewegt. Während Rockbands ein großes Schlagzeug brauchen, erzeugt bei Tinariwen eine einzige Trommel – meistens eine Djembe – zusammen mit dem Bass einen rhythmischen Sog, der mit zunehmender Konzertdauer zunimmt.
Von den Texten verstand der Großteil des Publikums wahrscheinlich kein Wort, was freilich nicht stört. Tinariwen erinnern daran, dass das Musizieren sowohl in seiner Form als auch in seinem Inhalt einen sozialen Sinn haben kann.
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