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04.05.2026
- → Feuilleton
»Ich bin gut, doch ich bin allein«
Zwei Erzählungen von Kerstin Hensel über die Reisefreiheit des Sandmanns und den Widerspruch von Genie und Gesellschaft
Die erste Fassung des »Manifests der kommunistischen Partei« ist noch von Widersprüchen übersättigt, stilistisch hier holprig, da kumulativ und weitreichend verplaudert: Gottes »Bibel« ist nichtsdestotrotz passabel. Auch wenn er den Urkommunismus mit dem Garten Eden recht blumig ausgeschmückt hat, ist die Einsicht des Herrn, dass Erkenntnis Konsequenz nach sich zieht und zur Menschwerdung nötige Grenzübertretungen schmerzliche Folgen haben, keine kleine.
In Kerstin Hensels Titelgeschichte des Bandes »Abendgruß« geht das Wissen dem Schmaus voraus, und letzterer wird deshalb untersagt: Denn die Aussonderungen der Filmfabrik in der DDR, in der die Eltern von Wolf Kohlmann und dessen drei Jahre älterer Schwester Karin arbeiten, tun der hiesigen Umwelt nicht besonders gut. »So war es nur gerechtfertigt, dass Wolf von seinem Vater versohlt wurde, als ihn dieser dabei erwischte, wie er gerade in einen Wäscheplatzapfel biss, und zwar samt Schale, Stiel und Strunk. Angestachelt von Klassenkameraden, hatte der Junge damit die Mutprobe bestanden. Später, als der Frevel beim Abendbrot zur familiären Auswertung aufgetischt wurde, schimpfte der Vater: ›Da kriegt der Herr Sohn alles, was er sich wünscht, und dann schießt er quer.‹«
Wolf kriegt und schießt: Er bekommt, nebst der alljährlichen Sandmann-Grußkarte, eine Kamera zum Geburtstag und findet im Knipsen Passion und Destination. Das Ausüben seines Talents treibt ihn irgendwann weg vom unidyllischen Paradies der Kleinfamilie, hin zur NVA; Wolf erhofft sich Zugang zum Studienplatz für Film, wenn er sich für den Militärdienst meldet. Der Familiendisput ist, wie Kerstin Hensels Prosa an sich, nicht wenig mit Schwulst angereichert, aber durchaus pointiert:
»›Du bist uns teuer, Junge‹, sagte der Vater, ›du weißt nicht, was auf dich zukommt.‹
›Ich werd’s erfahren.‹
›Und ich will nicht, dass du abhaust‹, heulte Karin.
›Drei Jahre‹, tröstete die Mutter, ›dein Bruder wird nicht aus der Welt sein.‹
Wolf legte seine Hand auf die seiner Schwester und versprach: ›Ich werde in der Welt sein.‹«
Opposition, Trotz, Resignation, Aufbruch – vier privatparteiliche, stets die eigene bzw. die Familienexistenz fokussierende Haltungen in der DDR zu ihr. Die gibt dem Einzelgänger eine Chance, aber durch Gegenleistungen: Studium gegen Dienst bei der Marine, Ausbildung zum Kameramann, wenn er sich denn nicht als über den Dingen stehender Kunde des L’art pour l’art versteht. Das Arrangement zwischen dem jungen Filmer – »in seiner Rolle als einsamer Wolf«, wie Hensel formuliert, weil sie an der tiefhängenden Frucht nicht vorbeigehen kann, ohne sie zu pflücken – und dem sozialistischen Staat geht in die Brüche, so wie letzterer selbst. Wolf, der mal mehr, mal sehr wenig glücklich vor sich hin tut, gelangt hier erst zu der Erkenntnis, die er mit rund 17 Millionen teilte, die im Kapitalismus aufwachten: »Ich bin gut, doch ich bin allein.« Gab es bis zur Konterrevolution ein Kollektiv, das dem Genie nicht alle Wege freiräumte, wird es danach erkannt und verbrannt: Von einem Kunstmakler als lukrativ erkannt, darf Wolf Fotos ausstellen, bekommt seine Viertelstunde Ruhm, wird vergessen und trollt sich zu der Schwester zurück. Die hat das Elternhaus nie verlassen, verstaubt geistig, und fortwährend darf man sich selbst uneins darüber sein, ob sie dem kleinen Bruder grämt, dass er sie und die früh verstorbenen Eltern verlassen hat, oder ob sie ihm nicht verzeiht, dass er es getan und vorher nicht wenigstens mit ihr geschlafen hat, aber statt dessen eine auf das Impliziteste geschilderte Kurzbeziehung mit einem Militärarzt eingegangen ist.
Zaghafter inzestuös, aber ebenso stark vom Widerspruch zwischen Genie und Gesellschaft angetrieben, ist Hensels zweite Erzählung im Buch, »Das Gähnen der Giraffe«. Erzählerin Tillandsia Grütz schüttet ihrer Psychiaterin monologisch aus, was ihr Herz beschwert: Von der Floristinnenmutter allein großgezogen – der Vater hatte sich zu Silvester von der Hochschwangeren für immer verabschiedet und ihr »guten Rutsch!« gewünscht –, hadert Tillandsia, Wolf gleich, mit ihren Mitmenschen, die wiederum mit der Hochbegabten hadern und sie hänseln. Derweil geht die Mutter von einem Mann zum nächsten, aber keiner mag bei der kleinen Familie bleiben. Nur Opa Hellmut bleibt, für dessen Namen Hensel an der Deutlichkeitsschraube dreht, bis sie abbricht. Der verrentete Feuerwehrmann zündelt gern und vermittelt die Forscherneugier an seine Enkelin.
Tillandsia, die schrullige Chemikerin und selbst zum Gähnen unfähige Chasmologin, stellt bald fest, dass für sie nur ein Mann wie ihr Opa in Frage käme – nur um dann beim unausstehlichen Ingenieur, faschistischen Geheimbündler und Menschenverheizer Nickel Hornschuh zu landen. Selbst in der »Bibel« findet sich nichts, das erklärt, warum sie sich von allen im Vergleich zu ihr minderbegabten Menschen den ekelhaftesten aussucht.
Letztlich aber stimmt das mit dem Ende von »Abendgruß« überein, wenn der liebe Sandmann, von der schwachsinnigen Karin beobachtet, seiner Reisefreiheit frönt und ein Kriegsschiff besteigt. Die Rückkehr in den noch nie betretenen Garten Eden steht nicht für morgen im Programm. Aber man muss auch kein Genie sein, um zu wissen, dass danach noch Tage folgen werden.
→ Kerstin Hensel: Abendgruß. Zwei Erzählungen. Luchterhand-Literaturverlag, München 2026, 304 Seiten, 24 Euro
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