Staatsgründung in Paris ohne Rückhalt
Von Bernard Schmid, Paris
An anderem Ort als geplant, mit mehrstündiger Verspätung und trotz Gerichtsentscheid: Am Sonntag hat die berbersprachige Separatistenvereinigung MAK ihre Schauveranstaltung zur Ausrufung der Unabhängigkeit der algerischen Region durchgeführt. Das französische Akronym der Organisation steht für »Bewegung für die Selbstbestimmung der Kabylei«. Sie tritt für eine staatliche Abtrennung von Algerien ein. Die Kabylei liegt rund 80 bis 100 Kilometer östlich der Hauptstadt Algier und umfasst eine Mittelmeerküstenzone rund um die einwohnerstärkste Stadt Béjaïa sowie ein bergiges Hinterland.
Ursprünglich waren die Kongresshalle der früheren französischen Königsstadt Versailles für die Ausrufung der Unabhängigkeit der Kabylei angemietet und 900 Teilnehmer angekündigt worden. Die Präfektur, die ungefähr einem deutschen Regierungspräsidium mit umfassenderen Vollmachten entspricht, verbot die geplante Veranstaltung jedoch. Ohne nähere Gründe in ihrer Verfügung zu nennen, wies sie auf zwei Kulturfeste am selben Tag hin. Die Veranstalter riefen dagegen das Verwaltungsgericht von Versailles an, um eine einstweilige Verfügung gegen die Untersagung zu erzielen – ein Verfahren, das bei Demonstrationsverboten oft Erfolg hat. Das Gericht antwortete jedoch nicht im erforderlichen Zeitrahmen.
Am Sonntag abend sickerte dann durch, die Veranstaltung habe an anderem Ort und ohne vorherige öffentliche Ankündigung für den Ausweichsaal doch noch stattgefunden. Dafür war ein privater Veranstaltungsraum im schwerreichen achten Pariser Arrondissement gemietet worden. Der frühere Sänger Ferhat M’henni wurde dabei zum »Präsidenten der unabhängigen Kabylei« ausgerufen. Sowohl die proklamierte Staatsgründung als auch die Wahl wiesen allerdings keine Teilnehmer außer den Organisationsmitgliedern auf. Bis dahin firmierte M’henni als »Chef der kabylischen Exilregierung« in Frankreich. Bekannt wurde er ursprünglich dadurch, dass der damalige Künstler im Dezember 1994 als Passagier in dem Flugzeug saß, das durch bewaffnete Islamisten auf dem Flug von Algier nach Paris entführt worden war.
Die Bewegung, die laut eigenen Angaben im Juni 2001 gegründet wurde, sieht sich selbst als im Kontext des »Schwarzen Frühlings« entstanden. Bei diesen Protesten der berbersprachigen Jugend im selben Jahr wurden über 120 Menschen durch algerische Staatsorgane getötet. Die damalige Protestbewegung wurzelte ihrerseits in der des eher links geprägten »Berberfrühlings« aus dem Jahr 1980, die vor allem Kritik an der sprachlichen und kulturellen Diskriminierung der Berber zum Gegenstand hatte. Eine deutliche Mehrheit der regionalen Bevölkerung steht aber nicht hinter dem Ziel einer staatlichen Abtrennung, zumal die Kabylei ab den späten 1940er Jahren eine Schlüsselrolle im algerischen Unabhängigkeitskampf gegen die Kolonialmacht (bis 1962) Frankreich spielte, worauf eine Mehrheit stolz ist. Ferner fürchteten viele Berber, im Falle einer Unabhängigkeit keine Teilhabe mehr an den Erdöl- und Erdgaseinnahmen des Landes zu haben. Eine sich radikalisierende Minderheit nimmt jedoch eine gegenteilige Position ein. So prangten in Tizi-Ouzou 2001 auch vereinzelt Graffitis wie: »Es lebe Sharon«, Ariel Sharon war der damalige rechte Regierungschef in Israel, und »Nieder mit den Arabern«.
Der Führungszirkel des MAK sucht betont Rückendeckung in Frankreich, aber auch beim regionalen Rivalen Algeriens, also in Marokko, sowie in Israel. Ein Papier des Jerusalem Institute for Strategic Studies (JISS) empfiehlt der israelischen Regierung Aufmerksamkeit für das Phänomen. Auch Marokko verfolgt das Geschehen seinerseits mit Interesse. Die vom Privatsekretär des Königs Mohammed VI kontrollierte Internetzeitung Le360.ma präsentierte M’henni am Sonntag und Montag als »ersten Staatspräsidenten der Kabylei« und berichtete ausgiebig über das Pariser Ereignis. Allerdings blieben marokkanische Politiker ansonsten vorsichtig. Die Internetzeitung Yabiladi (»O du mein Land«) zitiert den »Nationalen Koordinator« der Berberischen Menschenrechtsliga aus Marokko, Ounghir Aboubaker, mit den Worten, man unterstütze zwar die kulturellen Forderungen der Kabylen in Algerien, aber keinen Separatismus.
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