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Anschlag auf Nord-Stream

Behörde beschwichtigt

Im Nord-Stream-Prozess spricht Fachmann von geringen Folgen des Anschlags von 2022 für Gasversorgung. Verfassungsschutz riet zur Suche nach Boot

Foto: Oliver Denzer/REUTERS
Von dieser Yacht aus soll ein ukrainisches Team die beiden Ostseepipelines gesprengt haben (Dranske, 14.3.2023)

Welche Auswirkung hat die Sprengung der deutsch-russischen Ostseepipelines auf die Gasversorgung der BRD? Angeblich eine geringe. Das zumindest hat der geladene Fachmann der Bundesnetzagentur am Donnerstag im Hamburger Prozess um die Anschläge von Ende September 2022 vorm Hanseatischen Oberlandesgericht (OLG) ausgesagt. »Zum Zeitpunkt der Sprengung haben wir keine Mengen mehr über Nord Stream 1 bekommen«, sagte er. Bereits seit dem Frühjahr 2022 habe Russland die Liefermengen eingeschränkt und Anfang September ganz eingestellt.

Vor dem 3. Strafsenat des OLG wird gegen Sergij Kusnezow verhandelt, einen ehemaligen Offizier der ukrainischen Streitkräfte. Die Bundesanwaltschaft wirft dem Mann vor, als Kopf eines Teams von sieben Landsleuten für die Anschläge verantwortlich zu sein. Von der kleinen Segelyacht »Andromeda« aus sollen jene die Sprengladungen angebracht haben. Für die Einordnung der Anschläge und auch die Strafzumessung ist es dem Senat offenbar wichtig, deren Auswirkungen zu beleuchten.

Vor dem Beginn des Ukraine-Krieges am 24. Februar 2022 hatten Deutschland und die EU noch erhebliche Gasmengen aus Russland und anderen früheren Sowjetrepubliken bezogen. Dem Vertreter der Bundesnetzagentur zufolge stammten von den 2020 importierten 1.674 Terawattstunden Gas 1.121 von dort. Das habe einem Anteil von 67 Prozent entsprochen. Ein Jahr später seien die Importmengen auf 1.458 Terawattstunden gesunken. Der Großteil stammte den Angaben zufolge aber mit 927 Terawattstunden weiter aus den früheren Sowjetrepubliken. Mit dem Beginn des Kriegs habe sich die Importmenge dramatisch geändert. So seien von den 1.440 Terawattstunden importierten Gases nur noch 196 über die Ostseepipeline Nord Stream 1 geflossen.

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Bereits vor dem Anschlag auf die Pipelines habe es Bemühungen gegeben, Gas abseits von Russland etwa über neue Flüssigerdgasterminals zu organisieren und die Speicher zu füllen, führte der Zeuge aus: »Wir haben eingekauft, was der Markt hergegeben hat.« Er betonte, dadurch seien bereits Anfang September 2022, also Wochen vor der Explosion, die Speicher wieder zu 85 Prozent gefüllt gewesen. Das hatte jedoch seinen Preis. Kostete eine Megawattstunde Gas im Großhandel laut Bundesnetzagentur deutlich unter 100 Euro, schossen die Preise Anfang März 2022 kurz nach Kriegsbeginn auf 230 Euro pro Megawattstunde hoch und steigerten sich bis Ende August auf fast 340 Euro.

Am dritten Verhandlungstag, am Mittwoch, hatten ebenfalls zwei Fachleute ausgesagt. Dabei war es um die möglichen Auswirkungen der Explosionen auf die Schiffahrt gegangen sowie um die Frage, wie die Behörden auf die »Andromeda« aufmerksam geworden waren, von der aus nach Ansicht der Anklage die Anschläge vorbereitet wurden. Mario Oertel, Wasserbauspezialist von der Bundeswehr-Universität Hamburg, sprach von erheblichen Folgen, die die Sprengung für zufällig vorbeifahrende Schiffe hätte haben können. Durch die Explosion sei mit Hochdruck Gas ins Wasser ausgetreten, und Wasser sei in einem Kreis von 40 Meter Durchmesser etwa elf Meter in die Höhe geschossen. Vorbeifahrende kleinere Schiffe – also etwa Segelschiffe von 15 Metern Länge – hätten, so Oertels Einschätzung, »keine Chance gehabt« und wären gekentert oder gesunken. Mittelgroße Schiffe, etwa Stückgutfrachter, wären im Explosionsgebiet aber eher nicht gesunken, meinte er. Ihre Fahrstabilität und Manövrierfähigkeit wären vermutlich aber »sicherheitsrelevant beeinträchtigt« worden.

Als zweiter Zeuge hatte am Mittwoch ein Beamter des Bundeskriminalamts ausgesagt. Er erklärte, ein Hinweis des deutschen Inlandgeheimdienstes von Mitte Oktober 2022, über den er keine näheren Auskünfte geben dürfe, habe dazu geführt, dass die Ermittler nach einem hochseetauglichen Boot suchten. Dabei hätten sie zunächst rund ein Dutzend Firmen in Rostock geprüft, von denen am Ende eine Firma übrig geblieben sei. Dort sei die Yacht »Andromeda« angemietet worden.

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Erschienen in der Ausgabe vom 06.11.2026, Seite 4, Inland

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