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Sozialproteste und Schulblockaden

»Die Jugend merkt, wie wenig die Regierung tut«

Organisation »Schule gegen Krieg« unterstützt Sozialproteste und Schulblockaden auch in Hamburg. Ein Gespräch mit Paul Meier

Interview: Felicitas Hofmann
Foto: privat

Noch vor den bundesweiten Sozialprotesten der Initiative »Gen Z regelt« haben in einzelnen Städten junge Menschen Schulen blockiert. So auch am 14. Oktober die Max-Brauer-Schule in Hamburg. Beteiligt waren Aktivistinnen und Aktivisten der antimilitaristischen Organisation »Schule gegen Krieg«. Warum haben Sie die Schule versperrt?

Aus Solidarität. Nicht nur mit den Schülerinnen und Schülern in Frankreich, sondern mit allen protestierenden Jugendlichen weltweit. Wir kamen aber auch mit eigenen Forderungen: keine Wehrpflicht, keine Kürzungen im Bildungssystem, gerechte Bildung für alle. Im Verlauf der Blockade gab es einen Vorfall mit einem Lehrer, weswegen wir auch fordern, dass er nicht mehr Lehrer sein sollte.

Was war da los?

Der Lehrer hat einem Jugendlichen, der eine Kufija trug, sehr gezielt den Finger umgeknickt und ihm damit seinen Daumen gebrochen. Der Jugendliche musste auch ins Krankenhaus. Dann hat der Lehrer eine Israel-Fahne auf seinem Handy gezeigt, sich damit vor die Blockade gestellt und gefordert, Waffen nach Israel zu schicken.

Gab das Konsequenzen für ihn?

Bisher nicht. Die Schulleitung sagt, sie prüfe das noch. Der Lehrer behauptet, er habe sich nur verteidigt.

Wie reagierten andere Lehrerinnen und Lehrer?

Viele von ihnen waren zuerst überfordert. Es wurde auch schnell die Polizei gerufen. Mit der Schulleitung haben wir uns abgesprochen und ihr gesagt, dass wir unter der Bedingung einer Vollversammlung die Blockade beenden. Das hat die Schulleitung genehmigt. Es gab auch zwei Lehrerinnen, die sich sehr dafür eingesetzt und die Nutzung der Turnhalle ermöglicht haben. Die anderen waren eher zurückhaltend.

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Was wurde bei der Vollversammlung besprochen?

Wir haben eine Solidaritätserklärung veröffentlicht und ein Solidaritätsfoto gemacht. Dann haben wir darüber diskutiert, wie wir mit weiterem Protest daran anschließen können, auch im Hinblick auf den 20. November (nächster Termin bundesweiter Schulstreiks gegen die Wehrpflicht, jW). Bei der Blockade haben wir erkannt, dass Schülerinnen und Schüler bereit sind, für ihre Forderungen zu kämpfen. Die Vollversammlung war auch dazu da, alle beisammenzuhalten und Leute mit ins Boot zu holen.

Haben sich Schülerinnen und Schüler spontan beteiligt, die vorher nicht aktiv waren?

Ja, von der Blockade wussten vorher nur wenige. Ich glaube, am Ende waren es aber etwa 300 Jugendliche, die geblieben sind, sich vor die Blockade gestellt und auch weiter Sachen vor die Schule gelegt haben. Immer wieder haben sich Leute das Megafon genommen und zu den anderen gesprochen. Drumherum standen viele, die das beobachtet haben.

Seitdem gab es auch erste Blockaden von Universitäten. Gibt es Absprachen mit den Studenten?

Wir sind im Austausch, aber so wie ich es mitbekomme, sind die meisten Blockaden unabhängig voneinander erfolgt. Mittlerweile wurde die erste Uni in Hamburg blockiert, und auch in zwei anderen Städten wurden Unis blockiert. Dass weit entfernt voneinander lebende Menschen zu dem gleichen Schluss kommen, ohne sich abzusprechen, zeigt: Es gibt ein krasses Bedürfnis, sich gegen diese Politik zu wehren.

Halten Sie auch Kontakt mit Jugendlichen aus anderen Ländern?

Vergangene Woche haben uns französische Schülerinnen und Schüler besucht und von ihren Erfahrungen erzählt. Durch die Vorbereitungen zum Jugendstreik am 20. November haben wir aber auch Jugendliche aus anderen Ländern kennengelernt.

Warum beteiligen sich gerade jetzt so viele Jugendliche an antimilitaristischen Aktionen?

Weil die Jugend – Schülerinnen und Schüler, Studierende, aber auch junge Arbeiterinnen und Arbeiter – merkt, wie wenig die Regierung dafür tut, dass es uns gut geht. Es wird über längere Arbeitstage diskutiert, überall wird gekürzt, Studienplätze werden gestrichen. Gleichzeitig wird immer mehr für das Militär ausgegeben und die Wehrpflicht wieder eingeführt. Viele entwickeln ein Bewusstsein dafür, dass der Krieg nicht durch eine vermeintliche Bedrohung kommt, sondern dass aufgerüstet wird, um kriegstauglich zu werden. Und das lassen sie nicht mehr mit sich machen.

Was ist anders als früher?

Gerade herrscht eine besondere Stimmung. Die Frage »Könnte es zu einem dritten Weltkrieg kommen?« wird häufiger gestellt. Das gab es jahrelang nicht. Hinzu kommt, dass die aktuelle antimilitaristische Bewegung – das »Rheinmetall entwaffnen«-Bündnis und die Schulstreikbewegung – nicht nur eine Friedensbewegung ist. Es ist eine revolutionäre Bewegung mit verschiedenen Organisationen und verschiedenen Konzepten. Dadurch hat sie eine besondere Schlagkraft.

Könnten die Blockaden der Ausgangspunkt für eine neue antimilitaristische Bewegung in Deutschland sein?

Auf jeden Fall. Ich glaube, wir stehen gerade noch am Anfang. Es ist noch ein bisschen unkoordiniert. Aber dafür sind die konkreten Aktionstage wie der 31. Oktober oder der 20. November sehr wichtig. An den Tagen können wir sehr große Sprünge machen.

Paul Meier (Name geändert) ist Schüler des Gymnasiums Allee in Hamburg-Altona und engagiert sich in der Organisation »Schule gegen Krieg«.

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Erschienen in der Ausgabe vom 05.11.2026, Seite 2, Inland

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