Zum Inhalt der Seite
Investitionsruine Elbtower

»Das meiste wurde geschwärzt«

Hamburg: Senat hält Zahlen zu Alternativen zur Museumsunterbringung im Elbtower unter Verschluss. Ein Gespräch mit Marco Hosemann

Foto: Inside-Picture/IMAGO
In Hamburg auch liebevoll »Kleiner Olaf« genannt: Der Elbtower zwischen Neubauten in der Hafencity (20.9.2026)

Vor drei Jahren stoppte die Pleite des Investors René Benko den Bau des sogenannten Elbtowers in Hamburg. Vor einem Jahr wollte der »rot-grüne« Senat dort das Naturkundemuseum einrichten und den Weiterbau sichern. Im Oktober gab es einen Querschuss in der Koalition. Was war da los?

Zwei Tage nachdem der Stadt ein neues Angebot für die Unterbringung des Naturkundemuseums als Alternative zum Elbtower gemacht worden war, meldete sich der Vorsitzende der Grünen-Fraktion in der Bürgerschaft, Michael Gwosdz, zu Wort. Er erklärte, dass seine Fraktion keinem teuren Museumsbau zustimmen wird und das Steuergeld für Wichtigeres verwendet werden sollte.

Gwosdz kritisierte, dass Hunderte Millionen Euro für ein Museum ausgegeben werden sollen, während für Schulen, Kitas und Unis angeblich nicht genug Geld da ist. Teilen Sie diese Kritik?

Ja, das ist unsere Kritik, die wir seit Bekanntwerden des Rettungsplans vom Senat für den Elbtower vorbringen. Es besteht keine Dringlichkeit, das Naturkundemuseum jetzt zu realisieren. Und schon gar nicht, um damit ein gescheitertes Spekulationsprojekt zu retten, in Zeiten, in denen der Senat drastisch bei Bildung, Sozialem und Wohngeld kürzen will. Das kann man niemandem erklären, und es würde dem Vertrauen in Politik und Demokratie schaden.

Gwosdz zog seine Aussage nach kurzer Zeit zurück und bekannte sich zum Naturkundemuseum. Ist er zurückgepfiffen worden, weil der Senat unbedingt das Museum im Elbtower haben will, damit der weitergebaut werden kann?

Anzeige

Das sieht ganz so aus. Der Deal im Senat ist wohl: Die SPD bekommt die Rettung des »Kurzen Olafs«, wie wir den Elbtower wegen seines Initiators, dem Exbundeskanzler Olaf Scholz, auch nennen, damit diese Bauruine als solche endlich aus dem Stadtbild verschwindet. Die Grünen kriegen dafür das Naturkundemuseum, dessen Realisierung sie seit Jahren nicht auf die Kette bekommen haben. Und so haben sie diesen Plan gemeinsam schöngeredet und schöngerechnet. Finanzsenator Andreas Dressel von der SPD hat sogar behauptet, dass er gemäß Landeshaushaltsordnung dazu verpflichtet sei, das Naturkundemuseum als wirtschaftlichste Lösung im Elbtower unterzubringen.

Es gibt inzwischen aber ein Angebot für 100 Millionen Euro weniger. Für 495 Millionen Euro will die Immobilienfirma Büll & Liedtke das Museum am Besenbinderhof unterbringen.

Das ist immer noch kein Schnäppchen, zeigt aber, dass ein Naturkundemuseum an anderen Standorten auch günstiger realisiert werden kann. Ende vergangenen Jahres gab es mit dem ehemaligen Gebäude des Verlagshauses Gruner und Jahr am Baumwall noch eine günstigere Alternative. Dort hätte das Museum für 368 Millionen Euro untergebracht werden können. Und wir wissen nicht, ob es nicht noch günstigere Möglichkeiten gibt. In den uns vorgelegten Akten wurde das meiste geschwärzt. Es gibt keine Zahlen zu anderen untersuchten Varianten, mit den fadenscheinigen Begründungen, dass es in die Entscheidungshoheit des Senats eingreifen und die Verhandlungsposition der Stadt gegenüber dem Investorenkonsortium des Elbtowers schwächen würde.

Es handelt sich um ein illustres Konsortium unter Führung des Hamburger Investors Dieter Becken. Wer mischt da mit, und wie groß ist nach Ihrer Einschätzung der Einfluss auf den Senat?

Andere Geldgeber sind neben Becken die Holding des kürzlich verstorbenen Klaus-Michael Kühne, der Versicherungskonzern Signal Iduna, das Bauunternehmen Adolf Lupp und der Drogeriemogul Dirk Roßmann. Kühne hat zu Lebzeiten stark mitgemischt. Er hat viel Geld durch die Pleite von René Benko im Elbtower versenkt und die Stadt 2024 aufgefordert, in das Projekt einzusteigen und es damit zu retten. Ein Jahr später hat der Senat den Rettungsplan geliefert, für 595 Millionen Euro fast die Hälfte des Elbtowers nach Fertigstellung zu kaufen, um darin das Naturkundemuseum unterzubringen. Der Einfluss von Investoren ist offensichtlich sehr groß.

Es heißt, der Senat könnte das Rohbauskelett für relativ wenig Geld kaufen und selbst weiterentwickeln. Halten Sie das für eine gangbare Alternative?

Am liebsten wäre es uns, wenn das privatwirtschaftliche Projekt als solches zu Ende geführt wird. Wenn sich keine Investoren finden, die den Elbtower fertigstellen, fällt das Grundstück für den damaligen Verkaufspreis von 122 Millionen Euro an die Stadt zurück. So charmant ich die Idee einer Bauruine als Mahnmal gegen Großmannssucht und Immobilienspekulanten finde, wäre das selbstverständlich Verschwendung. Und ein Abriss wäre ökologischer Wahnsinn.

Das, was da jetzt steht, muss genutzt werden. Wenn das Grundstück an die Stadt zurückfällt, ist das eine Chance für einen Neustart und eine gemeinwohlorientierte Entwicklung. Wir werden uns dann für eine grundlegende Beteiligung der Hamburgerinnen und Hamburger einsetzen, um die echten Bedarfe und Wünsche der Bewohnerinnen und Bewohner und unserer Stadt zu ermitteln. Vielleicht ist auch ein Naturkundemuseum dabei.

Marco Hosemann ist stadtentwicklungspolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke in der Hamburgischen Bürgerschaft

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 04.11.2026, Seite 2, Inland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!