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Jugend in Wut
Frankreich: Hunderttausende auf der Straße für bessere Bildung. Schwere Zusammenstöße mit der Polizei
Hält der Präsident eine Fernsehansprache direkt an das Wahlvolk, dann ist die Lage ernst. Genau das hat Frankreichs Staatsoberhaupt Emmanuel Macron am Sonntag abend getan. Am Vortag gingen im ganzen Land Hunderttausende Menschen auf die Straße – für bessere Bildungsmöglichkeiten, gegen die hohen Lebenshaltungskosten und die brutale Polizeigewalt. Der Protest setzte sich aus streikenden Schülern, Studierenden, Gewerkschaftsmitgliedern und erstmals auch »Gelbwesten« zusammen. Dabei kamen laut Polizeiangaben landesweit 550.000 Menschen – davon 110.000 in Paris – zusammen. Nach Angaben von Veranstaltern waren es 800.000 Demonstranten.
Das sind für Protestzüge, die nicht an einen Streik vor allem im öffentlichen Dienst gekoppelt und auch nicht auf die gemeinsame Ablehnung eines konkreten Regierungsvorhabens fokussiert sind – wie bei der Rentenreform 2023 –, spektakulär hohe Zahlen. »Der Frühling beginnt im Oktober« hatte eine junge Teilnehmerin dazu auf ein Schild geschrieben. »Gern wäre ich eine Mülltonne«, schrieb eine andere Person, »dann würde die Polizei mich beschützen«. Eine Anspielung sowohl auf seit Wochen anhaltende extreme Polizeigewalt gegen die revoltierende Jugend – in Saint-Étienne verlor am Sonnabend ein Demoteilnehmer durch eine explodierende Polizeigranate eine Hand; zwei Wochen zuvor hatte es in Lens einen ähnlichen Fall gegeben – als auch auf die seit den ersten Tagen des Protests einsetzenden empörten Reaktionen auf anfänglich eher belanglose Ereignisse wie zu Barrikaden vor Schulgebäuden zusammengeschobene, manchmal brennende, Mülltonnen.
Im Mittelpunkt der Berichterstattung der französischen Presse und der Reaktionen der Regierung stand hingegen das »entsetzliche Ausmaß an Gewalt«, wie es Premierminister Sébastien Lecornu ausdrückte. Am Rande oder im Nachklang der Protestzüge kam es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei – während letztere Tränengas und Gummigeschosse einsetzten und mit teilweise roher Gewalt gegen die Demonstranten vorgingen, errichteten erstere Barrikaden und bewarfen Polizisten mit Steinen. Zeitweise verlor die Polizei die Oberhand und musste sich zurückziehen. Es kam zu Plünderungen von Geschäften und Verwüstungen; in Limoges brannte das unter Denkmalschutz stehende Rathaus teilweise ab. 2.000 Menschen wurden festgenommen, Macron drohte ihnen mit harten strafrechtlichen Konsequenzen.
Jean-Luc Mélenchon, Vorsitzender der linken Partei La France insoumise (Unbeugsames Frankreich) und Präsidentschaftskandidat, warf der Regierung vor, die Unruhen angeheizt zu haben. »In Paris hat eine verfehlte Führung dem Chaos Tür und Tor geöffnet. Die Verantwortlichen wissen nicht mehr, was sie tun sollen; ihre Untergebenen haben Angst und laufen Amok«, schrieb er am Sonnabend auf X. Premier Lecornu machte hingegen Mélenchon für die Gewalt verantwortlich.
Französische Gewerkschaften rufen nun für Montag, den 5. November, zu einem neuen Protesttag mit Arbeitsniederlegungen, unter anderem einem Streik im Transportwesen, auf. Das Datum wurde bereits vor dem Protest vom Sonnabend festgelegt. In der Linken wird kontrovers darüber diskutiert, ob der Aktionstag nicht angesichts der anschwellenden Protestdynamik der letzten Tage zu spät liege und bis dahin eine Demobilisierung einzutreten drohe.
Auch in Italien, Albanien, Belgien und Portugal kam es am Wochenende zu Protesten von Schülern und Studierenden. Bei den Protesten gegen die hohen Lebenshaltungskosten im italienischen Mailand seien mindestens vier Polizisten und 20 Demonstranten verletzt sowie über 50 Jugendliche festgenommen worden, meldete die Nachrichtenagentur Ansa. Auch in anderen Städten wie Turin, Bologna und Bergamo kam es demnach zu Zusammenstößen. In Albanien demonstrierten Studierende am Sonnabend den fünften Tag in Folge für bessere Bildungsbedingungen. Vor dem Bildungsministerium in der Hauptstadt Tirana setzte die Polizei laut AFP erstmals Gummigeschosse ein.
Korrekturhinweis: Im ursprünglichen Text hieß es, dass ein Jugendlicher in Paris durch die Explosion einer Polizeigranate eine Hand verlor. Der Vorfall ereignete sich jedoch in Saint-Étienne. Wir haben die entsprechende Stelle im Text korrigiert.
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M. Mandl aus Paris 19. Okt. 2026 um 12:03 UhrAm Samstag verliefen die meisten Demonstrationen und Proteste in Frankreich friedlich.
Viele Medien konzentrieren sich jedoch auf Gewalttaten – wie in Limoges – und die Plünderung von Geschäften durch eine Minderheit. Auch der Artikel der jW zeigt ein brennendes Auto. Wozu? Anstelle hätte die Redaktion die Forderungen der Demonstrierenden listen können. Es ging um Verbesserungen des Schulsystems und der Schulanlagen. Zugleich demonstrierten auch Gewerkschaften gegen die zunehmend prekären Arbeitsverhältnisse. Die Demo stand auch unter dem Zeichen, den israelischen Genozid in Palästina anzuprangern. Dazu gab es auch eine Erinnerung an das Massaker an mindestens 200 AlgerierInnen am 5. Oktober 1966 in Paris. Damit ignorieren die Massenmedien bewusst die Forderungen einer der größten Massenbewegungen der letzten Zeit in Frankreich.
Erst spät am Abend bzw. in der Nacht begannen einige Jugendliche, Geschäfte zu plündern. Diese Jugendlichen hatten nichts mit den Demonstranten gemeinsam.
Die Bullen konzentrierten sich jedoch von Anfang an, die Demonstranten mit Tränengas zu bekämpfen und ihre Bewegungen zu kontrollieren, griffen jedoch nicht ein, um die Plünderung der Geschäfte zu verhindern.
Einige linksliberale Medien spekulieren, dass dies absichtlich geschah, um die gesamte Demonstration in ein schlechtes Licht zu rücken.
In Paris waren so viele Menschen versammelt, dass sie nicht an der »Hauptdemo« teilnehmen konnten. Daher marschierten sie in parallelen Straßen oder versammelten sich an anderen Orten. Fast das gesamte Stadtzentrum war von Demonstranten besetzt, die Straßensperren errichtet hatten, um sich gegen die Bullengewalt zu wehren.
Über die Brutalität und die wahllose Gewalt der Bullen wird kaum berichtet. Sie setzten massenweise Tränengasgranaten ein, die als Kriegswaffen gelten. So verlor beispielsweise in der französischen Stadt Mulhouse ein 14-Jährigeein Auge, obwohl sie gar nicht an der Demonstration teilgenommen hatte. Sie und ihre Freunde wurden plötzlich mit den Bullen konfrontiert, die Tränengas gegen sie einsetzten und aus nächster Nähe auf sie abfeuerte.
Übrigens, nicht nur in Albanien, Belgien, Italien und Portugal kommt es zu Protesten. Auch in Indien und auf Mauritius gibt es Proteste. Letztere hat eine Ausgangssperre verordnet. Auf Mauritius leidet die Bevölkerung unter Wasserknappheit, den die knappen Wasserreserven werden vor allem für den Tourismus gesichert. Die einheimische Bevölkerung hat daher weniger oder gar kein Wasser. -
Bertrand aus Ilmenau 18. Okt. 2026 um 22:41 UhrMehr Infos über inhaltliche Details der Proteste/Forderungen wären wünschenswert. Den Überblick aus aktionistischer Perspektive bzw. über die Eskalationsstufe bekommt man auch aus der Tagesschau.
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Gisela Belkaceme aus Tübingen 19. Okt. 2026 um 17:41 UhrDer Aufforderung von Bertrand stimme ich voll und ganz zu. So fällt mir besonders auf, dass die Kehrseite der Politik der Austerität, der Rüstungswahn der Macron-Administration, in den Forderungen der Demonstrierenden in keiner Weise thematisiert wird. Kann das sein?
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!

Und jetzt kommt in Deutschland auch noch die Wehrpflicht dazu. Junge Menschen sollen sich darauf einstellen, im Ernstfall für ihr Land den Kopf hinzuhalten. Aber wer fragt sie eigentlich, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen? Viele wollen doch einfach einen vernünftigen Job, eine bezahlbare Wohnung, Sicherheit und die Chance, ihr Leben selbst zu gestalten. Das ist doch nicht zu viel verlangt.
Statt jungen Leuten immer neue Lasten aufzubürden, sollte die Politik endlich ihre Sorgen ernst nehmen. Es kann nicht sein, dass für Aufrüstung Milliarden da sind, während es bei Bildung, Wohnungen und sozialen Angeboten ständig heißt, es fehle das Geld.
Die Wut der Jugend kommt nicht aus dem Nichts. Wer keine Perspektive sieht, wird irgendwann laut. Und das ist kein Grund, die Jugend als faul oder undankbar abzustempeln. Es ist ein Warnsignal, das die Politik endlich hören sollte.