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Frankreichs bleibende Schuld
Vor 65 Jahren ermordeten Polizeikräfte in Paris Hunderte Algerier, die für ein Ende von Kolonialismus und Krieg in ihrem Land demonstrierten
Seit langem ist dieses Datum fester Bestandteil der Demonstrationskultur in Frankreich. Mal wird es etwa in Paris mit kleineren Kundgebungen von einigen hundert Menschen, mal mit Zügen mit mehreren tausend begangen. Nur dieses Jahr dürfte es in der Wahrnehmung von politisch Aktiven mehr oder weniger untergehen. Der Grund: Am diesjährigen 17. Oktober, also diesen Sonnabend, steht ein seit längerem angekündigter, von großen Spannungen begleiteter Protesttag auf dem Programm. »Gelbwesten«, streikende Oberschüler, ihre Universitäten blockierende Studierende, linke Gewerkschafterinnen – alle haben an diesem Tag eine Verabredung in der Hauptstadt. Jedenfalls droht in Paris die Kundgebung zum Gedenken an die Geschehnisse des 17. Oktober 1961 in den Schatten zu geraten. Der Opfer des Jahrestags der blutigen Ereignisse von 1961 wird allerdings am Wochenende auch in anderen Städten wie in Garges-lès-Gonesse bei Paris, im normannischen Saint-Lô, in Grenoble oder Besançon mit eigenen Veranstaltungen gedacht.
Dreißig französische Bürgermeister haben überdies am Donnerstag eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht. Das Unterzeichnerspektrum reicht vom sozialdemokratischen Pariser Stadtoberhaupt Emmanuel Grégoire über den in diesen Tagen aufgrund seiner Unterstützung der Oberschülerproteste sehr populär gewordenen Bürgermeister von Saint-Denis, Bally Bagayoko von der linken Wahlplattform La France insoumise (LFI, »Das unbeugsame Frankreich«), oder dessen Montreuiler KP-Amtskollegen Patrice Bessac bis zu dem eher rechten Sozialdemokraten Karim Bouamrane aus der Pariser Vorstadt Saint-Ouen. In ihrem Text fordern die Mandatsträger, das Geschehen vom 17. Oktober 1961, also das Polizeimassaker jenes Tages unter dem Oberbefehl des damaligen Pariser Polizeipräfekten Maurice Papon, offiziell als »Staatsverbrechen« anzuerkennen und das Datum in die Liste der amtlichen Gedenktage einzutragen.
Dass an jenem Tag in Paris ein an rassistische und koloniale Vorgehen erinnerndes polizeiliches Massaker an algerischen Demonstranten, die in die Metropole geströmt waren, um ein Ende des Krieges in ihrem Land und die Unabhängigkeit zu fordern, mit mutmaßlich 300 Toten stattfand, hat die französische Staatsmacht lange Zeit schlichtweg geleugnet. Jahrzehntelang lautete die offizielle Regierungsversion, es habe damals lediglich zwei Tote gegeben, und die seien vor dem Hintergrund rivalisierender Strömungen im damaligen Algerischen Befreiungskrieg gegen den französischen Kolonialismus von Landsleuten umgebracht worden. Der Krieg war damals für Frankreich bereits verloren, im Juli 1962 wurde Algerien unabhängig.
Anerkannt wurde das Massaker indirekt durch die Justiz 1999, als Papon, der im Vorjahr bereits im Prozess von Bordeaux wegen seiner Kollaboration mit den Nazis während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg als Menschheitsverbrecher verurteilt worden war, eine von ihm angestrengte Verleumdungsklage gegen den Historiker Jean-Luc Einaudi in Paris verlor. Einaudi war mit seinem Buch »La Bataille de Paris« (»Die Schlacht von Paris«) von 1991 Autor eines bahnbrechenden Werks über das Gemetzel vom Oktober 1961, neben der Journalistin Anne Tristan, die im gleichen Jahr »Le Silence du fleuve« (»Das Schweigen des Flusses«) vorlegte.
2001 ließ sich der wenige Monate zuvor neu gewählte und von Sozialdemokraten, Grünen und Kommunisten geführte Pariser Stadtrat eine Gedenkplakette an der Saint-Michel-Brücke in Paris anbringen, an der vierzig Jahre zuvor besonders viele Algerier von Papons Mörderbanden massakriert worden waren. Am darauffolgenden »runden« Jahrestag, dem 50. im Herbst 2011, war es dann der sozialdemokratische Präsidentschaftskandidat François Hollande, der seine Unterschrift unter ein Pressekommuniqué setzte, das die Wahrheit über das kollektive rassistische Verbrechen aussprach. Nachdem Hollande acht Monate später zum Staatspräsidenten (2012–17) gewählt worden war, konnte die Republik die Anerkennung der historischen Realität dann nicht mehr blockieren.
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