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Neues von vorgestern
Medienberichte zu Warnung an Israels Premier vor 7. Oktober 2023 weisen auf bereits Bekanntes
Vergessliche Journalisten schreiben für ein Publikum, das die Nachrichten von vorgestern großteils nicht vergessen, sondern niemals gehört, gesehen oder gelesen hat. Zum Beispiel in diesen Tagen und Wochen: Israels Langzeitregierungschef Benjamin Netanjahu – insgesamt genau 19 Amtsjahre – sei vor dem Angriff bewaffneter Palästinenser aus dem Gazastreifen am 7. Oktober 2023 mehrfach gewarnt worden, habe diese Information aber für sich behalten, statt sie ordnungsgemäß an Streitkräfte und Aufklärungsdienste weiterzugeben. Schlimmer noch: Netanjahu habe angesichts der Warnungen angeordnet, die »humanitären Bemühungen« im Gazastreifen zu steigern, der Hamas »Zugeständnisse zu machen« und »Maßnahmen zu vermeiden, die zu einer militärischen Eskalation führen könnten«.
Der israelische Privatsender Kanal 13 zitierte diese Anweisungen am Sonntag aus dem Protokoll einer Geheimsitzung des Premierministers mit »Sicherheitsfunktionären«, die am 27. September 2023 stattgefunden haben soll. Am folgenden Tag sei der Übergang Erez-Beit Hanun wieder geöffnet worden, den Israel acht Tage zuvor nach Protesten am Grenzzaun geschlossen hatte. Dadurch waren rund 18.000 Palästinenser aus dem Gazastreifen, die eine israelische Arbeitserlaubnis hatten, vorübergehend ausgesperrt worden.
Hintergrund der damaligen »Erleichterungen« sei, da sind sich in diesen Tagen fast alle israelischen und ausländischen Medien einig, ein Kurzbesuch des ägyptischen Geheimdienstchefs Abbas Kamel auf dem Ben-Gurion-Flughafen am 26. September 2023 gewesen. Sein Flieger sei in einem isolierten und stark gesicherten Abschnitt des Flughafens abgestellt worden, der für »sensible« diplomatische und »Sicherheitsgespräche« reserviert ist. Dort habe der Gast Vertretern der israelischen Sicherheitsorgane den Zweck seiner Mission erklärt: Hamas bereite einen bedeutenden Angriff vor, das Fenster für die »Abwendung einer Katastrophe« schließe sich, Israel müsse der Hamas »wirtschaftliche Konzessionen« anbieten.
67 Minuten später sei der ägyptische Geheimdienstchef wieder abgeflogen. Dass er mit Netanjahu zusammengetroffen sei, behauptet ernsthaft niemand. Es ist auch unwahrscheinlich, weil Israels Führung zur selben Zeit in Jerusalem versammelt war, um an den 50. Jahrestag des Beginns des Oktoberkriegs 1975 zu erinnern. Von einer vertraulichen Warnung an den Premierminister, die dieser verschwiegen habe, ist in diesem Zusammenhang nicht die Rede.
Neu ist die Geschichte auch nicht. Bereits am 9. Oktober 2023 hatte Netanjahu sein Büro mitteilen lassen: »Es ist keine Botschaft im voraus aus Ägypten angekommen, und der Premierminister hat mit dem Leiter des ägyptischen Nachrichtendiensts seit Bildung der Regierung weder gesprochen noch ihn getroffen, weder direkt noch indirekt. Das sind totale Fake News.« Gemeint ist die Bildung der immer noch amtierenden israelischen Regierungskoalition aus Rechten und Ultrarechten am 29. Dezember 2022.
In Wirklichkeit beziehen sich die Behauptungen über eine Warnung vor dem Angriff am 7. Oktober, die Netanjahu unterschlagen habe, auf einen angeblichen Telefonanruf des Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich Mohammed bin Zajed, anderthalb Wochen vor dem Überfall. Dieser habe dem israelischen Premierminister mitgeteilt, dass der damalige Hamas-Chef Jahja Sinwar ein »großes Ereignis« plane, auf das Israel sich vorbereiten müsse. Netanjahu und sein Büro bestreiten, dass es diesen Anruf gegeben habe. Die Emirate sind einer offiziellen Bestätigung der Berichte ebenso ausgewichen wie einem Dementi.
Bei so vielen »News«, die beim genauen Hinsehen keine sind, gehen dokumentierte Tatsachen unter. Wie beispielsweise, dass die New York Times am 30. November 2023 berichtete, israelischen Stellen seien die detaillierten Operationspläne der Hamas seit mehr als einem Jahr bekannt gewesen. Ein 40seitiges Dokument unter dem Titel »Jericho-Mauer«, dessen Anfänge bis 2016 zurückreichten, habe den Israelis spätestens im April 2022 vorgelegen, sei aber als irrelevant abgetan worden.
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