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Aus: Ausgabe vom 07.12.2023, Seite 7 / Ausland
Gazakrieg

Warnungen ignoriert

Recherchen: Israelische Militärs und Geheimdienste wussten von Anschlagsplänen. Auch Anleger womöglich informiert
Von Jakob Reimann
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Vermeidbare Zerstörung? Fahrzeugwracks nach dem Hamas-Angriff auf Israel

Wenige Stunden vor dem Angriff der Hamas auf die Gäste des Nova-Festivals am Morgen des 7. Oktober sind Führungspersonen israelischer Geheimdienste und des Militärs mit Nachdruck vor der Möglichkeit bevorstehender Anschläge in dem Gebiet gewarnt worden. Auch der unmittelbar für die Sicherheit des Festivals verantwortliche Oberst ignorierte die Warnungen und ließ die Organisatoren des Festivals im dunkeln, woraufhin Hunderte Partygänger getötet und Dutzende nach Gaza verschleppt wurden. Dies geht aus einem Bericht der israelischen Zeitung Haaretz vom Dienstag hervor.

Die Warnungen basierten demnach auf verschiedenen Militär- und Geheimdienstquellen, die ungewöhnliche Aktivitäten in der Nähe des Grenzzaunes meldeten. Unter anderen wurden der Generalstabschef der israelischen Streitkräfte, Herzi Halewi, der Chef des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet, Ronen Bar, sowie der Kommandeur der nördlichen Brigade der Gaza-Division, Oberst Haim Cohen, der am 5. Oktober die Genehmigung des Nova-Festivals unterzeichnet hatte und für dessen Schutz verantwortlich war, über die Warnungen in Kenntnis gesetzt und wussten auch von den Dringlichkeitstreffen in jener Nacht. Niemand von ihnen zog Konsequenzen für das Festival oder informierte auch nur dessen Sicherheitsteam. Hätten die Organisatoren »auch nur eine Stunde vor dem Angriff eine Warnung von der Armee erhalten«, hätten »alle Partygäste rechtzeitig« evakuiert werden können, gibt Haaretz das Nova-Team wieder. Am Ende wurden 360 Gäste getötet und 40 weitere in den Gazastreifen entführt. Die ersten israelischen Soldaten trafen neun Stunden später auf dem Gelände ein.

»Israel ist der Schutzraum für alle Jüdinnen und Juden auf der Welt«, gab die israelische Botschaft in Berlin am 8. Oktober auf X den Anspruch des israelischen Staates wieder. Dabei war dieser einen Tag zuvor verletzt worden, als über 1.200 Menschen starben, obwohl es neben den Hinweisen rund um das Nova-Festival noch viele weitere Warnungen gab. »Israel kannte den Angriffsplan der Hamas schon vor mehr als einem Jahr«, hatte auch die New York Times schon Ende vergangener Woche getitelt. Ihren Recherchen zufolge fiel »israelischen Militär- und Geheimdienstbeamten« 2022 der »Schlachtplan der Hamas« in die Hände, doch wiesen die Offiziellen den Plan als zu »ehrgeizig zurück und ignorierten spezifische Warnungen«. Ein Angriff solchen Ausmaßes würde »die Fähigkeiten der Hamas übersteigen«. Zwar sei in dem Hamas-Dokument kein Datum für den geplanten Angriff genannt worden, doch wurde der tatsächliche Überfall des 7. Oktober bereits äußerst detailliert beschrieben, und »die Hamas folgte dem Plan mit schockierender Präzision«, urteilt die Times. Auch hätte die Hamas über detaillierte Erkenntnisse der israelischen Streitkräfte, deren Kommunikation »und andere sensible Informationen« verfügt, was Fragen aufwerfe, ob es undichte Stellen im israelischen Sicherheitsapparat gab. Bereits Anfang Juli informierte eine israelische Geheimdienstanalytikerin ihre Vorgesetzten über eine Militärübung der Hamas, deren Ablauf den kursierenden Plänen »vollständig entsprechen« würde. Doch der vorgesetzte Oberst nahm ihre Bedenken nicht ernst, wie aus verschlüsselten E-Mails hervorgeht, aus denen die Times zitiert. »Ich weise entschieden zurück, dass das Szenario eingebildet ist«, warnte die Analytikerin demnach mit Nachdruck, denn dies sei ein Plan, »der darauf abzielt, einen Krieg zu beginnen«. »Kurz gesagt, warten wir geduldig ab«, so der Oberst.

Dass die Erkenntnisse über einen möglichen Angriff aus dem Gazastreifen möglicherweise noch weiteren Kreisen bekannt waren, legt eine Studie zweier US-Wissenschaftler dar: Untersuchungen von Robert Jackson Jr. von der New York University und Joshua Mitts von der Columbia University ergaben, dass es im Vorfeld der Attacken zu erheblichen Leerverkäufen von Aktien kam. Die Leerverkäufe seien am 2. Oktober »plötzlich und in erheblichem Umfang in die Höhe geschossen«. Bei Leerverkäufen setzen Anleger auf sinkende Kurse.

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  • Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude (7. Dezember 2023 um 02:34 Uhr)
    Nicht erwähnt wurden hier Warnungen der ägyptischen Regierung kurz vor dem 7. Oktober, welche direkt an Netanjahu gerichtet waren. Er streitet ab, solche erhalten zu haben. Warum sollte sich die ägyptische Regierung das ausdenken? Auch alle anderen Informationen sprechen dafür, dass sie die Wahrheit sagt. Ägypten hatte und hat ein Interesse daran, dass nicht Millionen Flüchtlinge auf seine Grenze marschieren. Kairo wollte das verhindern, was Israel plant. Allein die Tatsache, dass bei einem so durchmilitarisierten Staat wie Israel, der anderweitig Vorsichtsmaßregeln trifft, wie es sie sonst nirgendwo auf der Welt gibt, Hilfe erst nach neun Stunden eintraf, spricht Bände. Wer soll diese gespielte Unfähigkeit glauben? Selten war die Orientierung an einem historischen Vorbild so klar, wie in diesem Fall. Die US-Regierung wusste vorher vom Überfall auf Pearl Habour und opferte US-Bürger, um eine Rechtfertigung vor der eigenen Bevölkerung für den Kriegseintritt gegen Japan zu erhalten. Die israelische Regierung wusste vorher von den Plänen der Hamas, tat nichts, um anschließend vor der Welt eine Begründung für die Vertreibung der Palästinenser insgesamt zu haben. Wenn für die USA 500.000 irakische Kinder »es wert waren« und Tausende sinnlos geopferte US-Soldaten, warum sollte so etwas nicht auch für Israel gelten?

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