Die Spur zur Kommandozentrale
Von Matthias Rude
Am 7. Oktober 2023, hieß es unmittelbar nach den Angriffen und Kämpfen an jenem Tag, köpften Hamas-Angehörige 40 israelische Babys. Tagelang fand sich diese Meldung in Berichten und Kommentaren reichweitenstarker Medien auf der ganzen Welt. »Das Problem daran: Sie ist komplett erfunden. Die 40 enthaupteten Babys hat es nie gegeben«, stellt Fabian Goldmann fest. Die meisten Leser zumindest deutscher Zeitungen haben davon nie erfahren. Eine Beschwerde gegen die Bild-Schlagzeile »Sie schnitten Babys die Köpfe ab!« lehnte der Presserat ab. Sie sei »nicht zu sensationell«. Mehr noch: Die »geschilderten Taten« stellten »eine neue Dimension des Hamas-Terrors« dar. Die »freiwillige Selbstkontrolle« der deutschen Presse rügte die Falschmeldung nicht – sie reproduzierte sie. Geschichten über »Hamas-Barbaren«, die »sogar Leichen« vergewaltigt und Babys »in Öfen gesteckt« haben sollen, finden sich nach wie vor.
Auf der Website der Welt ist bis heute zu lesen: »Auf den Straßen in Deutschland tobt der Mob. Süßigkeiten werden verteilt, um das Abschlachten und Enthaupten von Säuglingen zu feiern.« Laut Polizeibericht wurden am 7. Oktober in der Berliner Sonnenallee ganze »drei Personen« beim »Verteilen von Backwaren« angetroffen. »Drei junge Männer und ein Teller Baklava reichten aus, um Hunderttausende unbescholtene Menschen pauschal zu Terrorsympathisanten zu erklären«, so Goldmann.
Dem Journalisten und Islamwissenschaftler Goldmann geht es aber nicht vorrangig um die Korrektur einzelner Falschmeldungen. Mehr als 11.000 Beiträge von Bild, »Tagesschau«, Spiegel, Zeit und Taz hat er systematisch ausgewertet. Ihn interessiert, »wie Medien über den Genozid in Gaza berichteten, aber auch, welche Rolle sie selbst in ihm spielten«. Die Bilanz ist eindeutig: »Statt sich an den professionellen Standards des eigenen Handwerks zu orientieren, übernahm ein Großteil der deutschen Medienschaffenden die Narrative einer Kriegspartei.« Goldmann konstatiert »Copy & Paste aus dem Telegram-Kanal der israelischen Armee« – während palästinensische Quellen marginalisiert oder Labels wie »Hamas-nah« diskreditiert wurden. Der mythische Ort einer angeblichen »Hamas-Kommandozentrale« unter Krankenhäusern oder Schulen tauchte allein in der »Tagesschau« in 15 Monaten Nahost-Berichterstattung fast 200mal auf.
Gründlich überprüft Goldmann auch das gängige Narrativ von den »menschlichen Schutzschilden«. Während der Missbrauch palästinensischer Zivilisten durch die israelische Armee gut belegt sei, fehlten belastbare Belege für diesen Vorwurf gegen die Hamas. Die Erzählung diene als propagandistische Rechtfertigung für die Zerstörung ziviler Infrastruktur.
Grundsätzliche Unterschiede zwischen den genannten Medien erkennt Goldmann kaum. Zwar bekennt sich der Springer-Konzern offen zur Unterstützung für Israel und dessen Regierung, während andere Medienhäuser das in dieser expliziten Form nicht tun. Doch was die Nahost-Berichterstattung angeht, würden sogar gewisse als eher »links« geltende Zeitungen »wie rechtsextreme Blogs« klingen, so Goldmann. So sei die »sich als links bezeichnende Taz« allenfalls dann aufgefallen, »wenn sie in Sachen antipalästinensischer Rassismus noch einen draufsetzte«.
Dort erschien im Januar 2025 einer der schlimmsten Texte über Medienschaffende in Gaza: »Wenn Journalisten auch Terroristen sein können« von Nicholas Potter. Der Beitrag bediente israelische Propaganda – obwohl es in keinem der 147 bis zu diesem Zeitpunkt vom »Committee to Protect Journalists« dokumentierten Fälle von getöteten Journalisten Hinweise auf eine Beteiligung an Kampfhandlungen gab. Im selben Jahr erhielt Potter einen Preis der proisraelischen Lobbyorganisation Elnet.
Während proisraelische Positionen Rückendeckung erfahren, wurden und werden abweichende Stimmen marginalisiert und angegriffen. Goldmann beschreibt, wie Medien als Disziplinierungsapparat fungieren. Wer den engen Rahmen »zulässiger« Kritik verlässt, riskiert im Zweifel die Vernichtung der beruflichen Existenz. Diffamierungskampagnen erzeugen ein Klima, in dem Selbstzensur zur Überlebensstrategie wird. Wer hierzulande in den großen Medienhäusern über Gaza und die Lage der Palästinenser berichtet, hat, in welcher Form auch immer, die Perspektive des israelischen (und deutschen) Staates zu übernehmen – oder mit Konsequenzen zu rechnen.
Goldmanns Buch besticht durch eine enorme Materialfülle. Es dokumentiert auch systematische Auslassungen. »Verschweigen, verschleiern, verharmlosen« – so fasst Goldmann die Praxis zusammen, spricht von Systemversagen. Er schreibt zugänglich, ohne auf die Ebene des Pamphlets abzurutschen. Statt sich moralisch zu empören, ordnet er die mediale Parteilichkeit strukturell ein. Zentrale Kategorien sind Rassismus, Nähe zur politischen Macht und Kapitalismus.
Im Vorwort würdigt der israelische Historiker Ilan Pappé das Buch als kenntnisreich und beeindruckend. Das ist es. Goldmann hat eine empirisch dichte Studie vorgelegt, die nichts anderes als den kollektiven Bankrott der sogenannten vierten Gewalt dokumentiert. Eine Öffentlichkeit, die sich an die systematische Entmenschlichung der Palästinenser längst gewöhnt hat, wird man damit kaum erreichen. Aber hier und da wird sie doch bei Lesern, die sich immer noch Illusionen über die deutschen Leitmedien machen, eine gründliche Desillusionierung befördern.
Fabian Goldmann: Staatsräsonfunk. Deutsche Medien und der Genozid in Gaza. Mit einem Geleitwort von Ilan Pappé. Manifest, Berlin 2026, 405 Seiten, 22 Euro
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