Vorwärts in die Tradition
Eine Tagung in Berlin schaute auf Vergangenheit, Praxis und Theorie des Antimilitarismus der Arbeiterbewegung
Manche organisieren die nächsten Proteste gegen Rheinmetall und Co. Andere schauen sich derweil an, welche Formen der Antimilitarismus in der Vergangenheit hervorgebracht hat. Was kann man heute daraus lernen? Welche Parallelen und Unterschiede gibt es? Und wie lässt sich darüber theoretisieren? Genau darum ging es am vergangenen Donnerstag und Freitag im Berliner Centre Marc Bloch, einem deutsch-französischen Forschungszentrum für Geistes- und Sozialwissenschaften mit öffentlicher Finanzierung gleich zweier Staaten. Unter dem Titel »Traditionen des Antimilitarismus in ihrer Aktualität« kamen deutsche und französische Politikwissenschaftler, Philosophen und Historiker zusammen, um sich zwei Tage lang ausführlich mit der Tradition des Antimilitarismus auseinanderzusetzen.
Dass solche Räume heute keineswegs selbstverständlich sind, war selbst Gegenstand der Diskussion: »Wir sehen wirtschaftliche Kürzungen in Forschung und Hochschulbildung auf der einen Seite, während auf der anderen Seite die Partnerschaften zwischen der Akademie und dem Militär- sowie Rüstungsbereich immer weiter zunehmen«, erläuterte Déborah Brosteaux, Postdoktorandin an der Université libre de Bruxelles, gegenüber jW den Sinn des Kolloquiums. Die Komplexität des Themas erfordere den akademischen Rahmen, denn es gebe unterschiedliche Positionen »in den Texten, bei Autoren und Theoretikern, die seit eineinhalb Jahrhunderten an diesen Fragen arbeiten«. Die Arbeit des Treffens sei es, »wieder und genau zu lesen und zu schauen, worin die Komplexität dieser Fragen liegt«. Zusammen mit dem französischen Philosophen Simone Buzzi von der Université de Lausanne sowie dem Russen Nikita Zagvozdkin von der Bergischen Universität Wuppertal organisierte sie die Tagung.
Ingar Solty, Referent für Friedens- und Sicherheitspolitik am Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung und regelmäßiger jW-Autor, sprach über die »Zeitenwende« aus der Perspektive der Geschichte des proletarischen Antimilitarismus im Vergleich mit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Er skizzierte mehrere wichtige Themen, die heute im Kontext des Antimilitarismus wieder studiert werden können: etwa Rosa Luxemburgs Verständnis des Generalstreiks und ihre Auseinandersetzung mit der Frage, wie sich Krieg verhindern lässt. Dazu gehörten auch die Positionen von Eduard Bernstein und Clara Zetkin in der Frage der militärischen Abschreckung, die Warnungen von Otto Bauer vor dem Ersten Weltkrieg zu den wirtschaftlichen Folgen von Militarisierung, Inflation und Verschuldung sowie die Kritik an der nationalen Kriegspropaganda von Alexandra Kollontai.
Solty verwies darauf, dass vieles von dem, was heute als neue Entwicklung erscheint, historische Vorläufer hat, darunter die Zustimmung zu Kriegskrediten, das Zurückdrängen antimilitaristischer Fragen aus Wahlkämpfen oder der politische Wunsch, Teil des Establishments zu werden und Regierungsverantwortung zu übernehmen. Auch die Politik des »Burgfriedens«, die Verschuldung gegenüber dem Ausland und die Aufrüstung ordnete er in diesen historischen Zusammenhang ein. Die gegenwärtige Forderung nach einem »Aufrüsten gegen Autokratien«, um die Demokratie zu verteidigen, habe man bereits in älteren Argumentationsmustern gesehen. Am Beispiel von Karl Kautsky und anderen zeigte Solty, wie bereits vor 1914 darüber gestritten wurde, ob militärische Aufrüstung mit dem Schutz demokratischer Werte gerechtfertigt werden könne. Kautskys Gegenargument klingt heute angesichts der steigenden Aktienkurse der Rüstungskonzerne sehr aktuell: Es gehe nicht um politische Werte, sondern um »handfeste ökonomische und geopolitische Interessen«.
Eine multipolare Welt mit der absteigenden Großmacht USA müsse nicht automatisch friedlicher werden, und es sei eine zunehmende Militarisierung der internationalen Beziehungen zu beobachten. Solty sprach von einer »Verschmelzung von militärischer Macht und ökonomischen Interessen« und warnte vor den sozialen Folgen: Inflation und Sozialabbau seien miteinander verbunden. Für die Arbeiterklasse und die kleinen Bauern sei der Krieg 1914 eine Katastrophe gewesen, und es habe von Anfang an einen proletarischen Antimilitarismus gegeben.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
