Rivalen im Orbit
Weltraumgipfel in Paris: Deutschland und Frankreich ringen um die Vorherrschaft in Europas Raumfahrt. Berlin setzt zunehmend auf nationale Rüstungsprojekte
Europa leidet an den deutsch-französischen Rivalitäten«: So überschrieb die französische Abendzeitung Le Monde in der vergangenen Woche einen Beitrag über den Internationalen Weltraumgipfel, der am Donnerstag in Paris zu Ende ging. Der Streit zwischen Berlin und Paris über den Kampfjet der modernsten, sechsten Generation, über das Future Combat Air System (FCAS), und vor allem auch dessen Scheitern haben nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland für Schlagzeilen gesorgt. Der aktuelle Konflikt um Europas im Aufbau befindliche Satellitenkommunikation aber, um das »europäische Starlink«, wird in der Bundesrepublik bereits viel weniger wahrgenommen, während er im westlichen Nachbarland die Gemüter durchaus recht stark bewegt. Kein Wunder: Ganz wie die militärische Luftfahrt gehört auch die Raumfahrt zu Frankreichs großen industriellen Stärken, von denen nicht mehr allzu viele übrig geblieben sind. Die Entwicklungen in der Branche, in der Frankreich – noch – eindeutig als Führungsmacht in Europa gilt, stoßen entsprechend auf breites Interesse. Und auch in dieser Branche geht Deutschland nun zunehmend gegen die französische Konkurrenz in die Offensive.
Schon der äußere Rahmen des Internationalen Weltraumgipfels, zu dem Repräsentanten aus 100 Staaten und Vertreter der bedeutendsten Branchenunternehmen geladen waren, gestaltete sich aus Pariser Sicht nicht wirklich vorteilhaft. Vier der größten US-Weltraumkonzerne, darunter Elon Musks Space X sowie Blue Origin von Amazon-Gründer Jeff Bezos, sagten auf Druck seitens der Trump-Administration ihre Teilnahme kurzfristig ab. Der Grund: Da in Paris nicht zuletzt eigenständige europäische Projekte auf der Tagesordnung standen, war das Weiße Haus, das Europa gern in Abhängigkeit sehen will, heftig verstimmt und verdonnerte die vier US-Branchengrößen dazu, zu Hause zu bleiben. Zudem ließ die Bundesregierung ihren EU-Verbündeten fallen. Hatten Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzler Friedrich Merz noch im Juli auf dem Deutsch-Französischen Ministerrat erklärt, sie würden den Gipfel gemeinsam leiten, so sagte Merz seine Teilnahme ebenfalls äußerst kurzfristig ab, unter Verweis auf angebliche Terminprobleme. Als Ersatz schickte er Verteidigungsminister Boris Pistorius.
Den Hintergrund für das demonstrative deutsche Desinteresse ließ ein Blick auf die Projekte erahnen, um die es auf dem Weltraumgipfel im Grand Palais im Herzen von Paris ging. Einen zentralen Stellenwert nahm »Iris 2« ein, eine Konstellation von Kommunikationssatelliten, die in erdnaher Umlaufbahn (Low Earth Orbit, LEO) kreisen sollen – so wie Musks »Starlink«. Dass ein solches Satellitensystem nicht zuletzt militärisch äußerst wichtig sein kann, das hat der Ukraine-Krieg gezeigt. »Iris 2«, das Europa diesbezüglich von den USA unabhängig machen soll, wurde Ende 2022 vom französischen EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton auf den Weg gebracht. Das Bundeswirtschaftsministerium unter Minister Robert Habeck kümmerte sich damals recht wenig darum, und so kam es, dass die französische Raumfahrtbranche bald eine starke Stellung in dem Projekt innehatte. Das wiederum passte Berlin nicht; es kam zu allerlei zeitraubenden Reibereien.
Dann verpasste die Bundesregierung »Iris 2« einen herben Schlag. Im vergangenen Jahr kündigte Verteidigungsminister Pistorius an, Berlin werde 35 Milliarden Euro allein für die Aufrüstung im Weltall lockermachen. Teil des Plans war, wie sich bald herausstellte, ein »deutsches Starlink« – also eine nationale Parallele zum EU-Projekt »Iris 2«: Die Bundeswehr soll nach dem Willen Berlins bei ihrer Satellitenkommunikation nicht auf Technologie aus dem europäischen Ausland – vor allem aus Frankreich – angewiesen sein, sondern lieber nationale Technologie nutzen. Bauen soll das »deutsche Starlink« mit der Bezeichnung »Satcom BW Stufe 4« ein Konsortium aus dem neu ins Satellitengeschäft eingestiegenen Rüstungsriesen Rheinmetall sowie dem Satellitenproduzenten OHB aus Bremen. Im ersten Schritt wird das Satellitensystem die NATO-Ostflanke abdecken. Anschließend soll es auf weitere Gebiete ausgedehnt werden. Von Kosten von acht bis zehn Milliarden Euro ist die Rede. Kann Europa es sich wirklich leisten, gleich zwei teure Kommunikationssysteme mit LEO-Satelliten zu bauen? So mancher hat da seine Zweifel. Für »Iris 2« und damit auch für die französische Raumfahrtindustrie sah es auf einmal gar nicht gut aus.
Es dauerte ein wenig, bis die Planer von »Iris 2« sich von dem Schock erholt hatten. Inzwischen haben sie einen Zahn zugelegt. Mittlerweile ist klar: Das EU-Projekt soll insgesamt 348 Satelliten umfassen. Zum Vergleich: Bei »Starlink« sind es rund 10.000. 18 davon sollen MEO-Satelliten sein (Medium Earth Orbit); OHB wird sie für rund eine Milliarde Euro bauen. 330 LEO-Satelliten sind vorgesehen – das sind die, die die eigentliche Kommunikation regeln –, darunter 66 für »sensible«, insbesondere militärische Kommunikation und 264 normale. Erstere wird Airbus bauen; der Konzern hat seinen Raumfahrtschwerpunkt in Frankreich, wo vor allem in Toulouse, bei Cannes und westlich von Paris rund 6.000 Mitarbeiter für die Airbus-Weltraumprojekte tätig sind. Die deutschen Airbus-Weltraumstandorte sind kleiner. Der Großauftrag für die 264 LEO-Satelliten mit einem Wert von 1,8 Milliarden Euro geht an Aerospacelab, ein 2018 gegründetes Startup aus Belgien. Die beteiligten Satellitenbetreiber sind Eutelsat aus Frankreich, SES aus Luxemburg und Hispasat aus Spanien. Involviert ist zudem Thales Alenia Space, ein Joint Venture aus Thales (Frankreich, 67 Prozent) und Leonardo (Italien, 33 Prozent). Frankreich hält also einen starken Anteil, allerdings nicht so viel, wie es eigentlich gehofft hatte. Die Kosten, die zu Beginn auf rund sechs Milliarden Euro beziffert worden waren, werden jetzt mit 15,7 Milliarden Euro angegeben.
Damit ist der Konflikt aber noch nicht vorbei. Seit einiger Zeit planen die Raumfahrtsparten von Airbus – mit Schwerpunkt, wie gesagt, in Frankreich – von Thales (Frankreich) und von Leonardo (Italien) ein Satelliten-Joint-Venture namens Bromo. Es soll sie in die Lage versetzen, auf dem Weltmarkt mit Satellitenriesen wie Space X oder chinesischen Konzernen konkurrieren zu können. Damit würde ein Satellitenmonopol entstehen, das mit 25.000 Beschäftigten und einem Umsatz von wohl 6,5 Milliarden Euro vermutlich in der Lage wäre, den europäischen Markt zu dominieren. Entsprechend stark sind die Widerstände seitens nichtbeteiligter Firmen. Während der Chef von Italiens größtem Rüstungskonzern Leonardo, Lorenzo Mariani, unlängst im Interview mit dem Handelsblatt ankündigte, man wolle in Kürze den Antrag zur Genehmigung des Joint Ventures bei der EU-Kartellbehörde einreichen, äußerten deutsche Branchengrößen wie OHB Protest: Schließlich ist die deutsche Industrie an dem überwiegend französisch-italienischen Joint Venture nicht beteiligt. Auch Indra Space beispielsweise, ein Tochterunternehmen des spanischen Rüstungskonzerns Indra Group, sucht sich nach Kräften querzustellen.
Wie weiter? Um auf den Internationalen Weltraumgipfel in Paris zurückzukommen: Dort zeichnete sich bereits der nächste deutsch-französische Streit klar ab. Verteidigungsminister Pistorius suchte zwar die Kritik an dem deutschen Alleingang mit »Satcom BW 4« abzuwehren, indem er zusagte, man werde dafür Sorge tragen, dass das System mit »Iris 2« interoperabel sei. Doch wies er Macrons Forderung zurück, es müsse beim Bau europäischer Raumfahrtprojekte eine »europäische Präfenz« geben – also eine Verpflichtung, Systeme und Bauteile aus Europa statt aus den USA zu nutzen. Das folgt der alten bundesdeutschen Linie, in puncto Technologie zwar nach Eigenständigkeit zu streben, auf dem Weg dahin jedoch lieber eine gewisse Abhängigkeit von den USA hinzunehmen als eine von Frankreich. Kauft man in Frankreich, stärkt man den europäischen Rivalen, mit dem man in der EU verbunden bleibt; das unterlässt man lieber. Kauft man in den USA, stärkt man den Rivalen jenseits des Atlantik, von dem man langfristig ohnehin unabhängig werden will; man schwächt aber das gegen eine deutsche Vormacht in Europa aufbegehrende Frankreich. Das Muster war schon beim Konflikt um den FCAS-Kampfjet zu erkennen: Die Bundesrepublik stieg aus ihm aus und sucht nun nach Wegen, einen eigenen Kampfjet der sechsten Generation zu bauen, während sie übergangsweise F-35-Jets in den USA erwirbt.
Nebenbei: Die Kommunikationssatelliten »Satcom BW 4« sind nicht die einzigen, die deutsche Unternehmen mehr oder weniger im Alleingang für die Bundeswehr bauen wollen. So vergab Berlin Ende 2025 den Auftrag für ein System von Aufklärungssatelliten namens »Spock 1« an ein Konsortium aus Rheinmetall und dem hochspezialisierten finnischen Startup Iceye. Berichten zufolge geht es um den Bau von insgesamt rund 40 Satelliten für wohl um die 1,7 Milliarden Euro. Darüber hinaus ist mittlerweile bereits ein zweiter Typ von Aufklärungssatelliten namens »Spock 2« in Planung, der noch moderner sein und eine hohe dreistellige Zahl an Satelliten umfassen soll. Um ihn beworben haben sich Konsortien um Airbus, Rheinmetall und OHB; es sieht also erneut nach einem überwiegend oder vollständig deutsch gefertigten Satellitensystem aus. Nimmt man »Satcom BW 4«, »Spock 1« und »Spock 2« zusammen, dann wird Deutschland in einigen Jahren über eine der größten militärischen Satellitenkonstellationen weltweit verfügen – und zwar eine nationale, nicht europäische, deren Entwicklung und Produktion die deutsche Weltraumbranche fördert, während die französische kaum eingebunden und damit geschwächt wird: ein weiterer Schritt Berlins zur Stärkung der deutschen Dominanz in der EU – dies zu Lasten der französischen Konkurrenz.
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