-
6 Leserbriefe
- → Ansichten
Rechte rufen, Linke folgen
Scharfmacher nach Berlin-Wahl
Nach dem Wahlausgang in Berlin erhält die gleichermaßen halt- wie erfolglose Kampagne gegen Die Linke ein Update. Die Partei, die mit 25,7 Prozent der Stimmen auf dem ersten Platz gelandet ist, hege nicht nur »Enteignungsfantasien« (laut CSU-Generalsekretär Martin Huber ein »sozialistisches Himmelfahrtskommando«) und pflege »systematischen Israel- und Judenhass« (so Israels Botschafter in Berlin), sondern sei auch eng mit der »Clankriminalität« verbandelt.
Noch am Wahlabend gingen die Bilder von »Clanchef« Issa Remmo bei einer Linke-Wahlparty wie bestellt durch alle Medien. Öffentliche Veranstaltung, der Mann nicht eingeladen und wohl sofort rausgeworfen, die Vorwürfe sowieso komplett absurd, aber egal: Ein solches Geschenk lassen sich die Meinungsmacher nicht entgehen. Wenn dann auch noch Chatverläufe zwischen einem Remmo-Sohn und dem Neuköllner Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak öffentlich werden und die komplette Medien- und Politikwelt durchdreht, duckt sich sogar der sonst stabilere Linke weg. Zwar habe er zum Zeitpunkt der Korrespondenz nicht gewusst, um wen es sich handelte, dennoch sprach Koçak von einem »Fehler«: Er werde sich »zurückziehen« und sein »Kommunikationsverhalten aufarbeiten«. Laut Fraktionschef Pellmann wird Koçak bis auf weiteres nicht an Sitzungen des Innenausschusses teilnehmen.
Man sollte den Scharfmachern ihre gespielte Hysterie nicht abkaufen. Sie wissen ja, was die Linkspartei macht, wenn man ihr ein Stöckchen hinhält. Enteignung als Bedingung für Koalitionen? Elif Eralp sagt, das Thema wird bei Gesprächen »auf dem Tisch liegen«. Ein Rapper ruft »Yalla, Yalla Intifada«? Eralp verurteilt »den Auftritt aufs schärfste«. Der israelische Botschafter sieht nach dem Linke-Erfolg eine »unmittelbare Existenzgefahr« für Juden? Landeschefin Kerstin Wolter weist das zwar zurück, aber stellt sich noch mal demonstrativ hinter ein »Existenzrecht Israels« und gegen »jede Form von Terrorverherrlichung und Gewaltaufrufen«, akzeptiert also den halben Vorwurf.
Die Hoffnung auf die Einsicht, dass es selbst einer auf Regierungsverantwortung ausgerichteten Parteiführung guttun würde, nicht ständig zu kuschen, stirbt zuletzt. Das Zauberwort heißt »Rückgrat«. Nur: Eine Linke, die insgesamt 112.000 Stimmen von Grünen, SPD und CDU abgreifen konnte und vielleicht sowieso zur neuen sozialdemokratischen Metropolenpartei werden will, könnte genau den gegenteiligen Schluss ziehen.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
-
Thomas Walter aus Berlin 23. Sept. 2026 um 17:53 UhrHerr Koçak will sein Publikum offenbar für dumm verkaufen. »Er habe nicht gewusst, um wen es sich handle!« Wenn man Nachrichten mit einer Person stadtbekannten Namens tauscht, ist besondere Vorsicht angebracht. Grüße an den Vater sind auch nur unter Bekannten üblich. Dass die Gegner nun ein mächtiges Fass aufmachen können, hat sich die Linke in erster Linie selbst zuzuschreiben.
- Antworten
-
Sehr geehrte Damen und Herren, der bürgerliche Staat ist sehr kreativ, wenn es um die Abwehr unliebsamer Kräfte geht. Demokratie-Klimbim stört da nur. Diese Aggressivität des Kapitals und seiner Medien hat Die Linke vielleicht in ihrem naiven Glauben an den hiesigen Parlamentarismus unterschätzt. Ein verbindlicher Volksentscheid wird jahrelang ignoriert, obwohl die Meinung einiger Politiker dazu überhaupt keine Rolle spielt. Deutet eine Partei auch nur an, diesen umsetzen zu wollen, wird sofort eine Hass-Kampagne entfacht. Was gegenüber Älteren die Stasikeule, ist bei den Jüngeren der Antisemitismusvorwurf. Natürlich warnen reaktionäre Kräfte hysterisch vor Enteignungen, was aber nur ein untrügliches Zeichen dafür ist, dass der Volksentscheid gut für uns ist. Gleichzeitig wird ein Gesetz vorbereitet, das, im Widerspruch zum Grundgesetz, Vergesellschaftungen ganz verbieten soll. Aus Bayern kommt die Drohung, dass Berlin der Geldhahn aus dem Länderfinanzausgleich zugedreht wird, falls keine genehme Koalition zustande kommt. Für einige Politiker sind das wohl alte Gewohnheiten: kaufen, schmieren, erpressen. Es sieht so aus, als ob das Wahlvolk in Berlin wählen kann, was es will, egal wer die Gewinner oder Verlierer sind, es bekommt am Ende fast immer CDU mitsamt dem abgestandenen Mief. Mit solidarischen Grüßen, Klaus Büchner
-
Dagmar 23. Sept. 2026 um 23:38 UhrMir ist auch aufgefallen, dass im Gespräch mit dem Reporter die Linke schon gleich nach der Wahl ein falsches Verhalten an den Tag legte. Auf die niedrigen Bemerkungen, Die Linke sei die SED‑Nachfolgepartei, die die Mauer hochgezogen hat, sagte sie: Man habe sich schon lange vom Stalinismus verabschiedet und die angeblichen Antisemiten in ihrer Mitte seien eigentlich gar nicht eingeladen worden und sie habe mit dem Erscheinen von denen nichts zu tun. Damit hat sie schon mal gezeigt, dass die Linke nicht glaubwürdig ist. Viele haben sie gewählt, in der Hoffnung, der Kriegsvorbereitung etwas entgegenzusetzen. Aber das Hauptthema sind der Wohnungsbau und die Vergesellschaftung. Brauchen wir das denn, wenn die Armen der Gesellschaft in den Krieg geschickt werden? Oder sind diese Wohnungen dann preiswert für die bürgerliche Mitte gedacht? Mir ist klar, dass Wohnen ein Grundbedürfnis ist, genau wie essen, trinken usw. Wir brauchen den Sozialismus anstatt Barbarei. Bleibt euch selber treu, liebe Linke. Das ist die Chance.
-
-
Wenn Leute, die keine Antisemiten sind, zugeben, welche zu sein, und versprechen, sich zu »bessern«, damit ihre Eintrittskarte abgeknipst wird von Typen, die jede Namensänderung von nach Nazis benannten Straßen hintertreiben – dann kann man das für eine Farce halten. Und es ist auch eine. Aber eben auch eine Beschädigung konsequenter linker Politik. Ist es denn so schwer, auf den denunziatorischen Antisemitismusvorwurf mit der ruhig und sachlich gestellten Frage zu antworten: »Was ist jetzt hier genau antisemitisch?« Der Aufruf zu bewaffnetem Widerstand im besetzten Westjordanland? Auf der Krim wäre bewaffneter Widerstand gegen die russische Besatzung aber okay? – Das Bestreiten des Existenzrechts Israels? Welche Staaten genau haben ein Existenzrecht? Nur einer? Alle? Hatte das »Völkergefängnis« Jugoslawien auch eins? Ist Taiwan ein Staat? Ja? Warum erkennt die BRD diesen Staat dann nicht an? Oder nein? Hat Taiwan dann auch kein Existenzrecht? Oder doch? Als was? – »Death to the IDF«: Ist das, echt jetzt, ein Aufruf zum Massenmord an den Angehörigen der israelischen Streitkräfte? Und »Tod der AfD« wäre dann auch ein 75.000facher Mordaufruf und nicht etwa der Ausdruck des Wunsches nach dem Ende einer Organisation? Schluss mit der Kriecherei, und zwar sofort.
-
A. Pietsch aus Berlin 23. Sept. 2026 um 11:17 UhrSchlimm, wenn die jw-Leserschaft die Antworten kennt, die die PdL-Führung offenbar nicht zu geben vermag.
-
-
Heiko Schulz aus Neukölln 22. Sept. 2026 um 19:40 UhrWir haben die Schnauze voll davon, wie uns diese Einheitspartei aus bürgerlichen Schnöseln, Immobilieneigentümern und sonstigen Lackaffen für blöd verkauft und hinterher auch noch so tut, als wäre sie moralisch im Recht. Niemand hier, der Brötchen verkauft, Taxe oder Straßenbahn fährt, nachts im Krankenhaus arbeitet oder Eure auf Egoismus gedrillten Bälger beaufsichtigt, kauft Euch diesen Kokolores noch ab. Da schreiben irgendwelche Leute voneinander ab, bis am Ende keiner mehr weiß, wer eigentlich zuerst behauptet hat, schon das Essen einer Wassermelone sei antisemitisch. Hauptsache, man kann wieder mit dem Finger auf jemanden zeigen. Wir wollen in dieser Stadt leben können. Miete zahlen können. Nicht jeden Monat rechnen müssen, ob es noch reicht. Deshalb haben wir die Linke gewählt. Und wenn Euch dazu nichts mehr einfällt, nicht mal mehr »Der Markt regelt das« oder »Enteignen bringt nichts, man muss bauen«, sondern nur noch: Der da hat »Genozid« gesagt, alle drauf – dann wissen wir wenigstens, woran wir sind. Ihr wollt uns wohl gar nicht mehr überzeugen. Euch fällt nichts mehr ein, womit Ihr das alles noch rechtfertigen könnt. Deswegen das große Theater? Als wären wir Fünfjährige beim Arzt, die nicht merken sollen, dass gleich die Spritze kommt. Liebe Partei Die Linke: Wir, Eure Wähler, sind nicht doof. Lasst Euch nicht doof machen. Es ist nicht schön anzusehen.
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
