Arme gen Himmel
»Mittwoch aus Licht« von Karlheinz Stockhausen an der Deutschen Oper Berlin
Dass es so was überhaupt gibt. Und dass es tatsächlich und immer noch aufgeführt wird. Karl-Heinz Stockhausen hat 26 Jahre, von 1977 bis 2003, an seinem Opernzyklus »Licht« komponiert. 29 Stunden lang, ein wagnerianisches, transzendentales Gesamtkunstwerk für die sieben Tage der Woche. Klassisch, elektroakustisch, szenisch und mechanisch. Letzteren Aspekt hat die Deutsche Oper Berlin doch tatsächlich auch umgesetzt, das berüchtigte Helikopterstreichquartett im dritten »Akt« wurde vergangene Woche auf bzw. über dem Flugplatz Trebbin performt. Vier Solisten, jeweils in einem Helikopter, rasen durch die Partitur voller Glissandi, müssen dazu Zahlwörter brüllen: »Einssss! Zwei! Drrrreiiiiii!« Rotorblätter tuckern und gluckern nicht nur im Hintergrund, überdecken die Streicher ab und zu, sorgen für eine unvergleichbare Anspannung. Tatsächlich funktioniert das nicht nur als Gimmick, kaum hat man etwas Unbehaglicheres im Opernhaus vernommen. Sinnvoll auch die Projektion auf insgesamt fünf Leinwände, überhaupt leistet die Ton- und Videotechnik im Saal Großes.
Aviel Cahn ist der neue Intendant des Hauses, und es ist natürlich eine eindeutige Geste, seine Amtszeit so anzutreten. Auch weil das, was hier veranstaltet wird, keineswegs billig ist, auch nicht sein kann und darf. Tatsächlich wird dieser »Mittwoch aus Licht« zum ersten Mal seit seiner Entstehung 1995 auf deutschem Boden inszeniert. 4:10 Stunden Mysterientheater sind beileibe nicht jedermanns Sache. Vielleicht ist es in Zeiten finanzieller Notlagen auch endlich einmal angebracht, sich vom ständigen Anschmiegen ans Abonnentensiechtum zu verabschieden. Das Publikum an diesem Sonntag unterscheidet sich angenehm vom üblichen Arrangement aus Garderobenfetischisten und Gelegenheitstrinkern: Wer hierherkommt, will es sehen, weiß Bescheid oder ist zumindest neugierig.
Das Publikum bekam eine unglaubliche Erfahrung geboten. Der Chor der Deutschen Oper unter Dirigent Jeremy Bines als Präsident des Weltparlaments mit auf der Bühne, wohl auch. Eine leichte Überforderung mit dem irren Material ließ sich anhand wankender Rhythmen zugunsten von Belcanto-Tonalität feststellen. Die Plosive poppten ab und zu etwas unkoordiniert in den Raum, die Töne zogen sich dafür schon fast zu ausgeformt. Das »Klassische« geht der Stockhausenschen-Collage nicht ab, aber so in den Vordergrund tritt es selten. Anschließend übernahmen die Spezialisten für Neue Musik aus Paris vom Ensemble »Le Balcon«, die sich in diesem Genre wie Fische im Wasser bewegen.
Susanne Kennedy schielt in ihrer Inszenierung Richtung spirituelles Kino des 20. Jahrhunderts. Sergei Paradschanow, Kenneth Anger und vor allem Alejandro Jodorowsky sieht man auf der Bühne in strengen Symmetrien, Farbformeln, Körpersymbolen und rituellen Gesten reinkarniert. Von letzterem, dem noch Lebenden, hat sie auch den Humor: Ein kackendes Kamel sondert Farbbälle ab, jeweils den Wochentagen zugeordnet. Scheiße in Gold verwandelt wurde schon im »Heiligen Berg« von 1973, George Harrison übrigens wollte hierfür seinen Wiwimacher nicht in die Kamera halten. Obwohl sich Kennedy mit Ekel und Nacktheit angenehm zurückhält, wenden sich ungeübte Zuschauer in Angelegenheiten absurder Allegorien bei dem ganzen Überfluss an Reiz und Symbol ab. Selbst geübte Psychonauten finden andauernd projizierte, apokalyptische KI‑Bildschirmschoner rein physisch ziemlich anstrengend und inhaltlich recht leer. Die Gesichter der Bläser und Streicher im zweiten Akt sind deutlich interessanter als diese zeitgenössische KI-Universaldekoration, die von Bayreuth bis Salzburg, von San Francisco bis Berlin nun überall CPU-gerendert werden muss. Vor allem wenn die sogenannten Orchesterfinalisten auf Stockhausens Anweisung hin ihre Instrumente überblasen, überspannen, klopfen, stöhnen, hacken. Es geht hier durchaus um Mensch und Maschine, aber nicht unbedingt um die gerade schicke Maschine als Mensch. Wie langweilig so eine Ein-/Aus-Intelligenz gegenüber einem Fleischwesen doch ist.
In die Tiefen von Stockhausens Gleichnissen über Mensch und Gott taucht Kennedy nicht ein, das mutet sie sich nur ästhetisch zu. Körper schütteln sich, knien still, beten und recken die Arme gen Himmel. Transzendenz mit Transzendenz zu kommentieren ist wahrlich nicht die größte Leistung. Angenehmer und angebrachter als die seichten theologischen Erklärungsversuche im Programmheft ist das aber allemal. Unbedingt hingehen.
→ Nächste Vorstellungen: 23., 26., 27.9.
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