Protestantische Mostricheier
Ein Regisseur aus Prag staunte nicht schlecht, als er das längliche Ding mit sechs runden Aussparungen und einem einzigen Schalter drauf auf meiner Küchenzeile sah. Ein Messbecher mit einem spitzen Metalldorn auf der Unterseite daneben. »Was ist das denn?« Ich hatte Nachsicht mit ihm, er ist Gen-Z, stammt aus der zweiten Welt, kann nicht alle technischen Errungenschaften der alten ersten kennen. »Hm? Hast du noch nie einen Eierkocher gesehen?« – »Nein, ich mache das mit einem Topf.« Tatsächlich hatte ich es wiederum noch nie mit einem Topf gemacht, deswegen wundere ich mich über Angaben wie »6-Minuten-Ei«. Ich erklärte ihm, dass in diesem fernen Land fast jeder Haushalt einen Eierkocher besitzt – er ist schnell, effizient und relativ präzise. Zu Hause hatten wir einen in Form einer Henne im Pop-Art-Stil, natürlich aus Plastik und ebenso mit einem einzigen Schalter ohne Display. »Und wie funktioniert das? Wie weiß es, dass das Ei gar ist?« Dafür wird der Messbecher benötigt. Je nach Volumen/Anzahl der Eier und Garstufe sind die Angaben darauf berechnet. Dabei ist es aufgrund eines physikalischen Gesetzes so, dass mehr Eier auch mehr Kondenswasser bilden, das wieder zurücktropft. Wohl ist das alles sehr ausgeklügelt. Man gibt also Wasser rein, das verdampft, und wenn alles verdampft ist, steigt die Temperatur in der Heizplatte über 100 Grad, das Thermostat lässt piepsen. Er konnte es kaum glauben.
Wie gesagt, mein Eierkocher fasst genau sechs Eier und exakt so viele braucht man für zwei Portionen Senfeier. Den faszinierenden Küchenhelfer befüllt man also mit der richtigen Menge für »wachsweich«, in einem böhmischen Topf entspricht das etwa sechs Minuten Kochzeit. Einstweilen kredenzt man die Soße. Hierzu eine kleine Zwiebel in 30 g Butter sanft anschwitzen, nicht braun werden lassen. 2 EL Mehl darüber, kurz anschwitzen und mit 300 ml Milch und 100 ml Brühe (Huhn oder Gemüse) ablöschen. 1–2 EL feinen Senf hinzugeben. Dijon oder deutsch, scharf oder mild – wie Sie das gerne möchten. Saft einer halben Zitrone reinquetschen. 1 EL Estragon dazu, gemahlenen weißen Pfeffer, eine Prise Zucker, sowie Salz nach Bedarf. Sanft einkochen lassen und die Konsistenz der Soße bei Nichtgefallen mit etwas mehr Milch dünner oder etwas mehr Mehl dicker machen. Die gekochten Eier abschrecken, schälen und halbieren. In der Soße mit gekochten Kartoffeln servieren, mit frischem Dill bestreuen.
Mein durchaus gelungenes Ergebnis musste ich zeitgemäß gleich fotografieren und schickte das Zeugnis meiner Kochkünste an einen kanadischen Kulinariker ersten Ranges. Der urteilte harsch: »Könnte es noch gewöhnlicher sein? Noch protestantischer? Du fühlst regelrecht das Gute in Dir, weil es so schlecht ist.« Da war ich durchaus etwas beleidigt, weil ich Senfeier einmal im Jahr gerne mag, aber irrationalerweise immer noch Kirchensteuer für den Eintrag »röm.-kath.« bezahle. Zur Strafe bekam er das Foto einer kanadischen Süßigkeit zurück, die traditionell aus billigen Waffeln, Vanilleersatzpudding und Kakaofettglasur besteht.
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