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Erinnerungspolitik

Wie ist der Mann auf den Hund gekommen?

Einer, der mal denken konnte: Bernd Stegemann laboriert an seinen »deutschen Dämonen«

AfD
Foto: Emmanuele Contini/IMAGO
Vergangenheit, die nicht vergehen will: Bernd Stegemann

Vor elf Jahren sang er ein »Lob des Realismus«: Mit dem gleichnamigen Buch gab der Dramaturg Bernd Stegemann wichtige Anstöße für ästhetische Debatten. Später lehnte er eine scheinbar linke Identitätspolitik mit überzeugenden Argumenten ab und setzte sich im Rahmen der »Aufstehen!«-Bewegung dafür ein, dem rechten Populismus einen fortschrittlichen entgegenzusetzen. In seinem neuen Buch bezeichnet er sich, leider zutreffend, als »Ex-Linken« und unternimmt es, seine »deutschen Dämonen« an die Öffentlichkeit zu bringen.

Dies hat eine persönliche Dimension, zu der später. Lebensraum der Dämonen ist eine Stegemann-Welt, die wie aus einem Paralleluniversum wirkt. Dort existiert ein Deutschland, dem 1945 eine »Stunde null des Nationalgefühls« geschlagen habe; es handelt sich übrigens um ein Westdeutschland, die DDR kommt bei Stegemann nur in wenigen kurzen und abfälligen Passagen vor. Aus Rücksicht auf Millionen von Opfern deutscher Täter sei dort über die Millionen von deutschen Opfern geschwiegen worden. Die Vertreibung von zwölf Millionen Deutschen habe man als Folge der Verbrechen der Nazis legitimiert und habe bis 1989 die deutsche Teilung als »gerechte Strafe für den Holocaust« zu akzeptieren versucht.

In der wirklichen BRD erhob die Grundgesetzpräambel den Anspruch, dass der Weststaat das ganze deutsche Volk vertrete. Es gab ein Vertriebenenministerium, das eine achtbändige Dokumentation zum Leid der Flüchtlinge herausgab. Vertriebenenverbände waren bis mindestens in die 80er Jahre ein bedeutender innenpolitischer Machtfaktor. Als Kriegsverbrecher verurteilte Generale, nach kürzester Zeit freigelassen, beklagten in ihren Memoiren »verlorene Siege« und gewannen auf dem Papier nachträglich den Zweiten Weltkrieg. Wehrmachtsrichter machten Karriere, Deserteure galten weiterhin als vorbestraft. »Landser«-Hefte feierten in Millionenauflage den tapferen deutschen Soldaten. Noch in den 90er Jahren wurde die Wehrmachtsausstellung, die mit der Lüge von der »sauberen« Truppe aufräumte, gesellschaftlich und von Seiten der regierenden CDU angegriffen.

All das und vieles andere kommt bei Stegemann nicht vor. Bei ihm gibt es nur die Vergangenheitsbewältiger, die mit von Jahrzehnt zu Jahrzehnt vergrößerter Radikalität deutsche Schuld herzeigen. Die Anstrengung, die es zwei Jahrzehnte lang im Westen erforderte, überhaupt von den Opfern des Faschismus reden zu können, fällt unter den Tisch. Allerdings werden die Handlungen einer Seite des Konflikts unverständlich, wenn man verschweigt, dass es auch die Gegenseite gibt.

Stegemann ist aufs Deutsche fixiert. Darum erklärt er den Erfolg von Identitätspolitik und Postkolonialismus unter Linken als Konsequenz einer moralisierenden und opferzentrierten Abwehr aller Rechten, die fälschlich mit Nazis gleichgesetzt würden. Die AfD reüssiert nach seiner Sicht nicht nur, weil sie ein tatsächliches Problem mit ungeregelter Migration anspreche, sondern weil sie die »Brandmauer« ausgrenze. Tatsächlich aber sind Identitätspolitik und Postkolonialismus aus Siegerländern des Zweiten Weltkriegs importiert, für die Stegemanns Argumentation nicht gilt. Auch vollzieht sich ein Aufstieg rechtsautoritärer Parteien in nahezu allen kapitalistischen Kernländern, wäre also sogar dann nicht mit Besonderheiten der deutschen Diskussion zu erklären, wenn Stegemann sonst recht hätte.

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Entsprechend untauglich sind die politischen Vorschläge, die er macht: das »zerdrückte Selbstbewusstsein behutsam zu heilen«, also Nationalfahne und -hymne positiv zu besetzen, einen Gedenktag für die Gefallenen der Bundeswehr einzuführen. Tatsächlich war die Nation stets präsent: im Fußball etwa seit dem WM-Sieg 1954, gesamtdeutsch verallgemeinert im angeblichen »Sommermärchen« 2006. Schwarzrotgold fand sich bereits auf unzähligen Wahlplakaten.

Kein Mangel am Nationalen begünstigt den Aufstieg der AfD, sondern die liberal gewollte Verelendung. Auf der anderen Seite gibt es nicht, wie Stegemann behauptet, einen Durchmarsch der Linken, und das geringste Problem der SPD liegt sicherlich darin, dass sie sich durch eine »Sozialdemokratisierung der Gesellschaft« qua Erfolg überflüssig gemacht hätte.

Wie kann jemand, der früher mal denken konnte, zu solchem Unfug herabsinken? Zur Erklärung trägt bei, dass er es als Dramaturg mit Theaterlinken zu tun hat. Diese fordern von der Bühne politische Auseinandersetzung ein, aber verlangen nach Safe Spaces, sobald sich ein wirklich oder auch nur angeblich »Rechter« in eine ihrer Veranstaltungen verirrt. Der moralistisch aufgeladene Opferstatus macht in diesen Kreisen tatsächlich politische Analysen fast unmöglich; Stegemann gibt in seinem Buch Beispiele.

Vielleicht ist die politische Abirrung zudem in der Psyche des Verfassers begründet. Darüber zu schreiben, ist hier ausnahmsweise zulässig, da Stegemann selbst in seinem Buch mögliche Gründe preisgibt. Mit großer Offenheit schreibt er über seine Ängste, die immer stärker werden. Seine 1938 geborene Mutter habe durch Bombenkrieg und Verschickung aufs Land bis 1945 Kriegstraumata erlitten, die sich in der späteren Familie und damit auf ihren Sohn auswirkten. Das Schreckbild eines bei der Heimkehr zerstörten Hauses habe sich von seinem Vater auf ihn übertragen, obwohl der Vater erst kurz vor seinem Tod von dem entsprechenden Kriegserlebnis erzählte.

Natürlich kann hier nicht über Sinn oder Unsinn einer solchen Herleitung spekuliert werden – eine Buchrezension ist keine Ferndiagnose. Sehr wohl möglich aber sind Anmerkungen zum Stellenwert des Psychologischen für die politische Argumentation. Das Bedürfnis, das gesellschaftlich Allgemeine als Erklärung individuell besonderer Ängste heranzuziehen, ist zwar verständlich; allerdings verwundert es gerade beim Dramaturgen Stegemann, der völlig zu Recht die Inszenierung von Authentizität auf der Bühne als Gegensatz zu einer realistischen Ästhetik verworfen hat. Gewichtiger ist zweierlei.

Erstens war, wie gezeigt, in den gut zwei Jahrzehnten zwischen Kriegsende und Stegemanns Geburt 1967 die BRD nicht eben von Schuldbewusstsein zerfressen. Zudem hilft in einem solchen Fall ohnehin keine politische Diskussion. Eine Sechsjährige im Bombenkeller, die Einschläge kommen näher, die Erwachsenen herrschen in ihrer mühsam unterdrückten Panik das offen panische Kind an, endlich ruhig zu sein – so etwas geht ins Körpergedächtnis ein und wird durch kein vorgeblich normales Nationalbewusstsein geheilt. Das Private mag immer auch politisch sein, aber Politik heilt es nicht.

Gegenwärtige Fragen müssen mit gegenwärtigen Maßnahmen beantwortet werden. Soweit Stegemann die Fixierung auf deutsche Schuld beklagt, kann man zwar immer noch von ihm lernen. Zum Beispiel: Die AfD ist nicht schlecht, weil sie eine Wiedergängerin der Nazipartei sei, sondern weil sie AfD-Politik macht. Dies lässt sich auf andere Themen, wie etwa den Nahostkonflikt, übertragen. Gerade daraus aber folgt: Heute ist heute, und an Dämonen besteht keinerlei Bedarf.

Bernd Stegemann: Meine deutschen Dämonen. Eine persönliche Kritik der Erinnerungskultur. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2026, 254 Seiten, 24 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 06.11.2026, Seite 11, Feuilleton

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