Der Ketzer und seine Freunde
Zum Tode Janoschs
Wer Kinder hat, hat Janosch. Im Regal, in sich. Auch wenn Horst Eckert, genannt Janosch, jetzt nicht mehr ist. Am Dienstag, dem 3. November 2026, starb er im Alter von 95 Jahren auf Teneriffa. Wo es sich leben lässt. Das klingt fast, als habe er sein Panama gefunden.
Mehr als 150 Bücher, die meisten davon für Kinder. Nebenher auch fürs erwachsene Publikum: Romane, Theaterstücke, Aphorismen, Cartoons. Zwischen 2013 und 2019 schrieb er eine wöchentliche Kolumne im Zeitmagazin, um den chronisch unsportlichen Tiefenphilosophen Wondrak, den »Supermann aus der Hängematte«, der ohne größeres Zutun alles kann.
Kein Selbstbild, dieser Wondrak, ein Weltbild schon. Naivität, die zum Ziel führt. Bei Janosch begegnen uns diese lustigen Figuren. Der kleine Bär, der kleine Tiger, Hannes Strohkopp, Ibi Ubu, der Schnuddel, Emil Grünbär, Hase Robinson und ein Forsch namens Günter. Und die Tigerente natürlich, von der Janosch gesagt haben soll, sie verkörpere das Menschliche: halb Bestie, halb harmlos und stets an der Leine. Was natürlich gelogen war. Seine Figuren sind ganz anderer Machart als diese eine Tigerente, in deren Schatten er sich umziehen konnte. Für manche war Janosch ausschließlich der mit der Tigerente.
Geboren wird Janosch am 11. März 1931 in Hindenburg, Oberschlesien. Die Kindheit von Gewalt und Trunksucht des Vaters, eines engagierten SA-Manns, geprägt und dem strengen Glauben der Mutter. Als Jugendlicher ist er Mitglied einer jesuitischen Gruppe, beginnt 1944 eine Lehre zum Schmied, ehe die Familie 1946 nach Niedersachsen zieht. Der junge Mann studiert Kunst in Krefeld, 1953 setzt er die Lehrjahre in München an der Akademie der Bildenden Künste fort. Wo man ihn aussortiert wegen »mangelnder Begabung«. Seit 1956 arbeitet er freischaffend, im Feuilleton, als Illustrator und Texter, er gibt sich den Namen »Janosch«. 1960 erscheint das erste Kinderbuch, »Die Geschichte von Valek dem Pferd«. »Oh, wie schön ist Panama« (1978) wird sein größter Erfolg. 1980 zieht der Künstler nach Teneriffa, durchaus eine Flucht. Er wäre am liebsten unsichtbar, sollte er 2006 in einem Interview sagen. Wie Ibi Ubu, der eingebildete Freund, Sinnbild des besseren Ichs, das jeder von uns mit sich rumträgt, des inneren Mentors.
In den achtziger Jahren erobert die fiktive Mischpoche das TV, die ARD produziert »Janoschs Traumstunde«. 2010 gibt Janosch bekannt, keine Bücher mehr zu schreiben. 2013 kehrt er noch einmal zurück mit der Wondrak-Kolumne. Im selben Jahr heiratet er, nach ein paar Jahrzehnten wilder Ehe, seine langjährige Partnerin Ines Striewe. Zum Ende seiner Kolumne titelte das Zeitmagazin: »Herr Janosch, wie sagt man Tschüss?« Besser kann man nicht abtreten.
Katholisch geboren zu sein sei der größte Unfall seines Lebens, ließ er das Publikum wissen. Gegenentwurf zur religiösen Eiferei, an Heiterkeit und Aufklärung gebundenes Gedankenspiel wurde seine Mission. 2007 forderte der im falschen Jahrhundert geborene Edmund Stoiber Maßnahmen gegen Janosch: »Wir dürfen nicht zulassen, dass solche falschen Propheten Zugang zu unseren Kinderzimmern erlangen.«
Familie, aber als Freundschaft. Philosophie, aber als Neugier. Anarchie, aber ohne Programm. Janoschs Figuren sind Außenseiter, eigenwillig, schrullig, unvollkommen wursteln sie sich durchs Leben. Naivität wird Ressource, sie steht nicht für Dummheit, sondern für die Abwesenheit von Vorurteilen. Ihren Platz in der Welt erlangen die Figuren, indem sie sich dem Leistungsdiktat verweigern und Gewissheiten der Umwelt nicht einfach übernehmen. Ihren Platz finden sie auch durch andere ihrer Art, durch Wahlfamilie. Janoschs Außenseiter sind sozial, weil sie nie nur für sich, immer auch für andere sind.
In »Post für den Tiger« (1980) erzählt der Dichter eine kleine Kulturgeschichte. Das Wort vermittelt Liebe und Freundschaft. Dem Tiger ist einsam, wenn der Bär tagsüber weg ist. Der Bär schreibt einen Brief, aber er kann ihn nur überbringen, wenn er selbst schon zurück ist. Also bedarf es weiterer Freunde, und bald entsteht ein Netzwerk von Boten, die einander Briefe schreiben und überbringen. Dann erfinden die beiden das Telefon, die Mündlichkeit erobert sich den Raum zurück.
»Oh, wie schön ist Panama« hat einen dieser Einfälle, von denen selbst die größten oft nur einen pro Leben haben. Leafs Stier, der nicht kämpfen will. Sendaks Max, der an der eigenen Phantasie wächst. Horton, der ein Hu hört. Der durchsichtige Herr Martin. Die nimmersatte Raupe erlebt den Umschlag von Quantität in Qualität. Die Holzpuppe Pinocchio will ein echter Junge sein. Bär und Tiger träumen von Panama, unverkennbar messianisch, das Paradies in der Ferne. Am Ende ihrer Reise gelangen sie an ihre Hütte und finden zu Hause, was sie im Fernen gesucht haben.
Eine Fabel offensichtlich, geschrieben gegen das eigene Leben.
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