Am Ende steht ein Nichts
Aribert Reimanns tiefschwarze Vertonung von Shakespeares »Lear« an der Komischen Oper Berlin
Der König Lear hat drei Töchter, zwischen ihnen möchte er sein Reich aufteilen. Nur diejenige bekommt etwas, die überzeugend ihre Liebe zu ihm bekundet. Goneril und Regan heucheln und erhalten ihren Teil. Cordelia, die als einzige den Vater wirklich liebt, verweigert das öffentlich erpresste Herzeigen von Gefühlen und wird verstoßen. Die Folgen in Shakespeares Tragödie sind kaum überraschend: Der abgedankte König wird den Nachfolgerinnen bald lästig, wird bei Wind und Wetter nach draußen gejagt und verliert in einem wilden Sturm seinen Verstand. Die Familienkrise weitet sich zur Staatskrise aus, am Ende liegen etliche Leichen.
Zwei hauptsächliche Lesarten sind möglich. Die eine ist die individualistisch-mitleidsvolle: der arme Alte! Am Anfang mag er etwas ruppig gewesen sein, aber dieses entsetzliche Leid – das einige Szenen tatsächlich breit ausmalen – das hat er doch nicht verdient. Zudem sind Regan und Goneril als seine Hauptgegnerinnen wirklich keine Sympathieträgerinnen.
Die politische Lesart führt dagegen ins Feld, dass Lear ein König ist, der abdankt und zugleich nicht abdankt. Er behält sein Gefolge, das sich auf den Schlössern der Nachfolgerinnen nicht nur durchfrisst, sondern tatsächlich noch ein Machtpotential darstellt. Noch in unserer Zeit wurde diskutiert, ob nicht der zurückgetretene Papst Benedikt eine Last für seinen Nachfolger darstelle. In der frühen Neuzeit, als sich der Staat erst herausbildete, war Gefolgschaft mit politischer Macht gleichbedeutend – die Reaktion der angeblich bösen Schwestern wirkte also verständlich.
Wer das Drama inszeniert oder den Stoff für ein anderes Medium aufgreift, muss im Spannungsfeld von Mitleid und politischer Konsequenz einen eigenen Weg finden. Aribert Reimann vertonte 1978 ein Libretto von Claus H. Henneberg, das sich – bei notwendig starken Kürzungen – eng an Shakespeares Handlungsverlauf anlehnt. Entstanden ist ein Tiefschwarz, mit einem großen und zumeist massiv eingesetzten Orchesterapparat voller dichter und dissonanter Linienführungen. Die klanglichen Aufgipfelungen, zumal in der Sturmszene, sind enorm. Ruhepunkte gibt es kaum. Vielmehr wechseln intensive Klage und hasserfüllte Konfrontation einander ab. Wie schon bei Shakespeare ist das Geschehen brutal: Regan reißt Gloster, einem dem früheren König treuen Adligen, die Augen aus.
Reimann sah Lear, wie das Programmheft zitiert, als »Monster«. Tatsächlich wird Lears Machtgehabe in der Oper nicht beschönigt. Dem Hofnarren, der ihm die Wahrheit sagt, droht er die Peitsche an, und der Chor seines feiernden Gefolges führt sich nicht schön auf. Doch tritt die politische Ebene zugunsten einer existentiell-familiären zurück. Zuletzt erkennt ein verzweifelter Lear seine Schuld und bleibt mit der Leiche der hingemordeten Cordelia allein auf der Bühne zurück. Am Ende der Oper steht das Nichts, während bei Shakespeare die als anständig gezeigten Adligen überleben und ein politischer Neuanfang möglich erscheint.
Das war nicht nur wegen der musikalischen Qualitäten der Oper in der pessimistischen Stimmung des späten Westdeutschlands ein Erfolgsmodell und ist angesichts des in absehbarer Zeit durchaus möglichen Endes der Gattung Mensch aktuell. So stellte die Komische Oper Berlin nach Harry Kupfer (1983) und Hans Neuenfels (2009) am Mittwoch mit einer Regiearbeit von Barrie Kosky die bereits dritte Inszenierung des Werks vor. Weil das Stammhaus derzeit renoviert wird, spielt die Oper an anderen Orten, in diesem Fall in dem Hangar 4 im ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof.
In der großen Halle sind zwei Zuschauerbühnen einander gegenüber angeordnet. An einer dritten Seite befinden sich Orchester und Dirigent, wiederum ihnen gegenüber sechs Schlagzeuggruppen. In der Mitte ist die große, rechteckige Spielfläche. Sie kommt ohne Kulissen aus, es gibt nur einen verschiebbaren Laufsteg. Alles Geschehen ist, klug gedacht, öffentlich. Räume werden durch das von Olaf Freese verantwortete Licht geschaffen oder wie in der herausragenden Sturmszene zerstört.
Der Hangar bietet in seiner kalten Funktionalität eine geeignete Umgebung für die Demonstration politischer Machtspiele. Freilich erschweren es seine Dimensionen, Mimik und kleine Gesten dem Publikum zu übermitteln. Geschickt nutzt Kosky die Möglichkeit aus, die die Spielstätte bietet. Es gelingt ihm, auf der Fläche durch Weite und Enge das Verhältnis der Personen zueinander zu veranschaulichen. Das gilt auch für Gruppenszenen – der Chor des wüst feiernden Gefolges von Lear ist dafür das beste Beispiel. Die Kostüme (Klaus Bruns) siedeln die Figuren im Heute an. Dabei gibt es nur einen Missgriff. Gloster hat einen bösen und einen guten Sohn. Edgar, der Gute, tarnt sich als verrückter Bettler Tom, um den wirklich verrückt umherirrenden Lear zu unterstützen. Warum aber wird Tom mit queerem Fummel ausgestattet? Weil queer gleich irre sein soll? Oder nur, weil die Erwartung von Koskys Fans, in jeder Inszenierung irgend etwas »Tuntiges« zu finden, auch da erfüllt sein soll, wo es leider nicht passt?
Die Halle hat einen Vorteil: Die Schlagzeuggruppen können so laut donnern, wie Reimann es sich gewünscht hat. Der Nachteil ist, dass sie damit zuweilen das immerhin groß besetzte Orchester (Leitung: Nicholas Carter) übertönen. Wo es leiser zugeht, wird die musikalische Qualität deutlicher. An der Klangbalance könnte für die Folgeaufführungen noch gearbeitet werden, was auch für die akustisch verstärkten Sprechpassagen der Figuren gilt.
In einer Sprechrolle überzeugt Dagmar Manzel als Narr. Scott Hendricks leistet in der Titelpartie Außerordentliches, die zweieinhalb pausenlos gespielten Stunden verlangen von ihm große Intensität mit nur wenigen Unterbrechungen. Unter den ausnahmslos sehr guten Gesangsleistungen sind die der bösen Schwestern hervorzuheben: Rosie Aldridge als leidenschaftlich auf politische Macht fixierte Goneril, Nicole Chevalier als impulsiv-sadistische Regan.
→ Nächste Vorstellungen: 22., 24., 26. und 29.9.
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