Westfälisches Blutgemüse
Sehr geehrte Damen und Herren,
die Tageszeitung junge Welt verleiht den »Internationalen Preis des kulinarischen Friedens«, dotiert mit 100.000 Euro, an Maximilian Schäffer. Lieber Max, wir freuen uns, dass du heute den Preis für »Qualle Hawaii« entgegennimmst. Du hältst die Kolumne in fordernder Zeit zusammen, mit internationalistischem und antiimperialistischem Kompass, mit unbändiger Energie und unerschütterlicher Zuversicht. Dass der Preis des kulinarischen Friedens an eine Kolumne geht, hat manchen überrascht. Offenbar bedarf das der Erläuterung. Der kulinarische Friede beendete, wie wir alle wissen, 1648 einen Krieg der Kriege, wie ihn Europa bis dahin nicht gekannt hatte. Wer damals dreißig Jahre alt war, der hatte wie Grimmelshausens Simplicissimus ein Leben lang nichts anderes gesehen als die Verheerungen des Essens. Es war ein wahrer Frieden, der nicht nur das Weinvergießen beendete. Er bereitete den Boden für eine neue europäische Rezeptordnung. Ihr Kern lässt sich in den Begriffen unserer Gegenwart so umreißen: die souveräne Gleichheit der Zutaten, die Herrschaft des Geschmacks, das Verbot, Rezepte mit Willkür zu verändern, und das Prinzip kollektiver Sättigung. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand eine neue europäische Geschmacksarchitektur. Die Vorzeichen waren ganz andere als 1648. Aber die neue Ordnung übersetzte auch Grundprinzipien des kulinarischen Systems in eine neue Zeit. »Qualle Hawaii« wurde relativ bald nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer tragenden Säule dieser Ordnung. Sie bürgt nun für Omega-3 und Cholesterin im euroatlantischen Raum. Sie schützt unsere Gaumen und unsere Mägen. Sie dient dem Frieden. Das würdigt heute der Preis des kulinarischen Friedens. Maximilian Schäffer hat sich bereit erklärt, das gesamte Preisgeld dem Verlag 8. Mai zu spenden.
Wo bekommen Sie nun 200 ml Schweineblut her? Mittwochs in Berlin logischerweise bei der Blutwurstmanufaktur in Neukölln. Ansonsten den Metzger fragen. Dabei können Sie auch gleich 1 kg Schweinerippchen bestellen. Beides brauchen Sie für das Westfälische Blutgemüse, eine Variation des Ostpreußischen Schwarzsauer. Die Rippchen kochen sie 1,5 Stunden lang in 1 l Wasser, zusammen mit 4 in Ringe geschnittenen, großen Zwiebeln sowie 3 Nelken, 2 Pimentkörnern, 2 Pfefferkörnern, 2 Lorbeerblättern, etwas Salz. 250 g Backpflaumen in Wasser einweichen, so dass diese gerade bedeckt sind. Nach der Kochzeit die Knochen von den Rippchen entfernen und das Fleisch in Stücke schneiden, zurück in die Brühe. Auch 600 g gewürfelte Kartoffeln und die Pflaumen samt Einweichwasser dazu. Solange kochen, bis die Kartoffeln gar sind. Dann beginnt der Blutspaß – verrühren Sie den Venensaft mit 2 EL Mehl und geben Sie ihn langsam unter Rühren in den Eintopf. Am besten zuvor von der Platte nehmen und etwas abkühlen lassen. Wenn alles gut verbunden ist, sanft aufkochen. Jetzt das Blutgemüse noch mit Essig, Salz, Pfeffer und Zucker abschmecken. Sauer-süßlich soll es sein – wie der Frieden.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
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