Dürre frisst die Ernten
Mittelamerika rutscht in eine Ernährungskrise – ganze Regionen melden komplette Ausfälle
Der September ist in Mittelamerika der zentrale Monat für die Maisernte. In diesem Jahr gibt es in vielen Regionen aber nichts zu ernten. Mittelamerika und das südliche Mexiko werden von der schlimmsten Dürre seit Jahrzehnten heimgesucht. »Der Trockenkorridor befindet sich in höchster Alarmbereitschaft«, schrieb Telesur am Freitag. »Die Temperaturen sind bis auf 42 Grad Celsius gestiegen, die Hitze versengt den Boden, es droht eine großflächige Ernährungskrise«, hieß es in dem Artikel. In vielen Gemeinden werden bis zu 100prozentige Ernteausfälle gemeldet. Neben Mais sind rote und schwarze Bohnen betroffen, beides Hauptnahrungsmittel in Mittelamerika. Im Trockenkorridor, der sich über 1.600 Kilometer Länge durch Mittelamerika zieht, leben rund 10,5 Millionen Menschen. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass von den Kleinbauern in der Region rund 80 Prozent in Armut und extremer Armut leben. Viele bauen überwiegend Lebensmittel zum eigenen Konsum an und verkaufen nur geringe Überschüsse. Rücklagen, um Lebensmittel zu kaufen, haben viele nicht.
Im Trockenkorridor liegt Cubulco im Departamento Baja Verapaz in Guatemala. Um die Gemeinde Salamchó haben sich schon im Jahr 2004 Einwohner zum kleinbäuerlichen »Verband für Entwicklung in Salamchó« zusammengeschlossen, mittlerweile ist die Organisation auf über 11.000 Aktive angewachsen. Deren Vorsitzender und Gründungsmitglied Domingo López Calo schildert gegenüber jW die aktuelle Situation: »Nach Monaten der Trockenheit haben zwei Tage plötzlicher Regengüsse vergangene Woche auch den letzten Rest der Ernte zerstört.« Laut López sind »nahezu alle unsere Verbandsmitglieder in 97 Gemeinden von massiven Einbrüchen bei der Ernte von schwarzen Bohnen und Mais betroffen«. Neben der Ernährungslage führe der Wassermangel zu mehr Krankheiten. Zur Ernährungssituation erklärte López: »In unseren Gemeinden sind schon seit Jahren 80 Prozent der Kinder chronisch unterernährt.« Durchschnittlich gilt das für knapp jedes zweite Kind in Guatemala. Jetzt verschärfe sich die Lage noch einmal. »Viele der zum Teil sehr kinderreichen Familien haben nur noch ein durchschnittliches Einkommen von rund 600 Quetzales (69 Euro) im Monat«, sagte López. Laut einem Bericht von Noti7 vom Juni lagen die notwendigen Ausgaben nur für Lebensmittel pro Person im ländlichen Raum bei 726 Quetzales (83 Euro).
Auch im Nachbarland Honduras ist die Lage kritisch. Die Regierung hat bereits am 18. August in 75 der 298 Landkreise des Landes die höchste Alarmstufe ausgerufen. Anfang September wurde der Alarm auf 103 Landkreise ausgeweitet. Betroffen ist auch die Rinderzucht. Sowohl in größeren Viehzuchtbetrieben als auch bei Kleinbauern mit wenigen Tieren verenden Kühe und Rinder. Ein Viehzüchter im Landkreis Apacilagua spricht in einem Bericht von CNN vom Sonnabend von einer »historischen Krise«. Eine Bäuerin erzählt, sie versuche, ihre paar Tiere noch zu verkaufen, bevor sie verenden.
Ähnlich ist die Situation im südlichen Mexiko, in El Salvador, Nicaragua, Panama und Costa Rica. In Panama führt der Wassermangel zu einer Reduzierung des Schiffsverkehrs auf dem Panamakanal. Bereits seit einigen Wochen ist die tägliche Durchfahrt reduziert, Schiffe stauen sich an der Einfahrt zur Wasserstraße.
Von einigen Regierungen und internationalen Institutionen werden Hilfsprogramme für die Betroffenen organisiert. In Honduras soll der Wassermangel in der Hauptstadt Tegucigalpa durch ein Kreditprogramm über 150 Millionen US‑Dollar der Interamerikanischen Entwicklungsbank (BID) und der Japanischen Agentur für Internationale Zusammenarbeit angegangen werden, erklärte Bürgermeister Juan Diego Zelaya. Weitere Maßnahmen wollen UNO und BID nach einem Treffen mit Regierungsvertretern und internationalen Repräsentanten am 1. September anstoßen.
Guatemalas Regierung will in »einem Notfallplan« 500 Millionen Quetzales (57,16 Millionen Euro) bereitstellen, hieß es in einer Mitteilung vom Sonnabend. Mit dieser Summe sollen zunächst unmittelbar betroffene Familien unterstützt und dann langfristige Programme zur Anpassung der Landwirtschaft an die klimatischen Veränderungen in Angriff genommen werden.
Ursache für die Dürre ist das natürliche Klimaphänomen El Niño (das Christkind). Seine Auswirkungen werden durch den Klimawandel jedoch massiv verschärft, erklärten Fachleute.
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