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»Wir wissen nicht, was mit meinem Bruder geschah«
Guatemala: 30 Jahre nach Ende der Diktatur kämpfen Angehörige der Opfer für Gerechtigkeit. Ein Gespräch mit Ana Molina Theissen
Mit einer großen Gedenkveranstaltung hier in Quetzaltenango ist Ihres vor 45 Jahren »verschwundenen« Bruders gedacht worden. Was geschah am 6. Oktober 1981?
Soldaten hatten meinen 14jährigen Bruder Marco Antonio aus unserem Haus in Guatemala-Stadt entführt, in einem Sack gefesselt auf einen Pickup geworfen, und sind weggefahren. Danach haben wir nie wieder von ihm gehört.
Was für ein Land war Guatemala damals?
Damals herrschten Diktatur und Bürgerkrieg. Meine Schwestern und ich waren in der illegal tätigen kommunistischen Partido Guatemalteco del Trabajo, PGT, aktiv. Meine Schwester Emma war einige Tage zuvor im Bus zwischen Quetzaltenango und der Hauptstadt bei einer Kurierfahrt mit strategischen Dokumenten der Partei verhaftet worden. Sie wurde im Militärlager in Quetzaltenango inhaftiert, das heute eine Gedenkstätte ist, in der wir am Dienstag vergangener Woche Marco Antonios und aller anderen Verschwundenen gedacht haben. Sie konnte aber von dort fliehen und wurde von Genossen in Sicherheit gebracht. Am Tag darauf kam die Armee zu uns.
Damals gab es viele Obdachlose wegen des Erdbebens von 1976. Wir organisierten uns in der Studentenbewegung und in der PGT. 1984 mussten wir Guatemala verlassen. Zahlreiche Menschen wurden ermordet, auch der Lebensgefährte meiner Schwester Eugenia. Seit den 1960er Jahren waren der US-Geheimdienst CIA und der israelische Geheimdienst Mossad in Guatemala aktiv. Weniger bekannt ist die Zusammenarbeit mit der argentinischen Militärdiktatur, die guatemaltekische Soldaten im »Verschwindenlassen« und Foltern trainierte. Das war Teil der Bestrebungen, den »Operación Condor« (von den USA angeführte und finanzierte internationale staatsterroristische Kampagne der 70er und 80er Jahre zur physischen Vernichtung der südamerikanischen Linken, jW) nach Mittelamerika auszudehnen.
2018 kam es zu einem Urteil gegen ranghohe Militärs wegen des »Verschwindenlassens« Ihres Bruders. Der damalige Armeechef Manuel Benedicto Lucas García und drei Mitangeklagte wurden zu einer hohen Gefängnisstrafe verurteilt. Wurde damit Gerechtigkeit erreicht?
Wir haben in dem Prozess nie die Aufklärung erhalten, was mit Marco Antonio geschah, und auch nicht die Information, wo seine sterblichen Überreste sind, damit wir sie beerdigen können. Außerdem sind alle vier Angeklagten durch den Druck, der auf die Justiz ausgeübt wurde, heute wieder frei. Manuel Antonio Callejas (Chef des militärischen Geheimdienstes G-2, jW) ist verstorben. Nachbarn schrieben mir in sozialen Netzwerken, dass der Mitangeklagte Hugo Ramiro Zaldaña (ehemaliger Offizier des ebenfalls an die Armee angegliederten Geheimdienstes S‑2, jW) jeden Tag gemütlich zu Hause schlief, als er angeblich in Untersuchungshaft bzw. im Militärkrankenhaus war.
Das Urteil kam zustande, weil wir als Familie durch alle Instanzen gingen, auch an den Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte, um ein Urteil zu erreichen. Aber in Guatemala ist die Justiz kein Allgemeingut. Sie dient den Herrschenden.
Die 1970er und 1980er Jahre stehen auch für einen konsequent geführten Kampf für soziale Veränderungen in Guatemala. Sind die Vorstellungen der Revolutionäre von damals Realität geworden?
Guatemala ist weiterhin ein sehr polarisiertes Land mit extremer sozialer Ungleichheit. Unter chronischer Unterernährung leiden prozentual mehr Kinder als in Haiti, das als »Afrika Lateinamerikas« gilt. Ich war auf dem Weg zu dieser Gedenkveranstaltung das erste Mal seit meinem Gang ins Exil 1984 wieder in Quetzaltenango. Ich lebe ja in Costa Rica. Auf der Fahrt hierher habe ich vieles nicht wiedererkannt. Große, neue Gebäude, Einkaufszentren etc. Aber dieser Reichtum kommt der großen Masse der Bevölkerung nicht zugute. Dass wir heute an diesem Ort des Schreckens der ehemaligen Militärbasis, an dem Emma gefoltert und viele ermordet wurden, Marco Antonios und der anderen »Verschwundenen« gedenken können, zeigt, dass sich etwas geändert hat. Aber die Demokratie in Guatemala ist wie ein Pappkarton: leicht entzündbar und sehr schwach. Die Armee ist seit den 1960er Jahren in den Drogenhandel verstrickt. Ich bin pessimistisch, aber andererseits: Wir sind viele, der Pakt der Korrupten vertritt die Wenigen.
Ana Lucrecia Molina Theissen kämpft mit ihrer Familie in Guatemala seit Jahrzehnten für Gerechtigkeit für die Opfer der Militärdiktatur
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