Mezzogiorno regt sich
Apulien: Bauern blockieren Autobahn. Hohe Dieselpreise treiben sie auf die Straße
Harte Arbeit auf den Feldern und verschlafene Dörfer stehen sinnbildlich für den italienischen Süden. Es muss dort schon einiges geschehen, damit die Bauern auf die Straße gehen. Doch die jüngsten Preissteigerungen bei Agrardiesel haben sie schließlich zu diesem Schritt getrieben. Seit dem 12. Oktober haben sich Hunderte von Bauern an der Autobahnauffahrt von Poggio Imperiale in der Provinz Foggia im Norden Apuliens versammelt. In vier weiteren Regionen Süditaliens gibt es ähnliche Demonstrationen.
Die Protestierenden verhalten sich friedlich, blockieren jedoch die Autobahnauffahrten für Lastfahrzeuge. Personenwagen werden durchgelassen. Am Sonnabend gesellten sich die Bürgermeister aller 61 Gemeinden der Provinz Foggia zu den Demonstranten. »Wir stehen an der Seite unserer Erzeuger, unserer Landwirte und des gesamten leidenden Sektors. Das ist das mindeste, was wir tun können«, sagte Giuseppe Nobiletti, Bürgermeister der Stadt Vieste und Präsident der Provinz Foggia. »Wir bleiben, um das zu verteidigen, was zählt. Genau das haben heute unsere Landwirte, Olivenbauern und Lkw-Fahrer an der Mautstelle von Poggio Imperiale getan«, schrieb Nobiletti bei Facebook.
Die Region lebt hauptsächlich von der Landwirtschaft, insbesondere von der Olivenölproduktion. »Dieses Jahr ist die Lage angesichts der gestiegenen Kraftstoff- und Düngemittelpreise sowie des gesunkenen Olivenölpreises sehr schwierig«, sagte Francesco, ein Einwohner des kleinen Ortes Carpino, im Gespräch mit junge Welt. Seit Jahresbeginn sind die Kosten für Agrardiesel, dessen Preis normalerweise im Vergleich zu nichtlandwirtschaftlichem Diesel vergünstigt ist, von rund 0,85 Cent pro Liter auf das Doppelte bis Ende September gestiegen.
»Wir stehen vor dem Kollaps«, beklagten viele Demonstranten, wie die italienische Zeitung La Repubblica am Montag berichtete. »Wir überlegen, nach Rom zu fahren, um uns bei denen Gehör zu verschaffen, die unser Leben tatsächlich bestimmen«, sagte Rocco Romagnolo, Vertreter des Olivenbauernkomitees von Carpino, im Fernsehsender Antenna Sud: »Wir halten es hier nicht mehr aus. Ich möchte die Politiker einladen, hierherzukommen und sich mit eigenen Augen anzusehen, welche Probleme wir haben und wie wir leben. Die landwirtschaftlichen Betriebe stehen vor dem Zusammenbruch.«
Zum Symbol der Proteste wurde Susy, eine kleine Eselstute. Einer der Bauern brachte sie zur Demonstration mit. »Vielleicht ist sie unsere Zukunft«, sagte der Bauer gegenüber Antenna Sud. Vor 50 Jahren seien Esel die Helfer in der Landwirtschaft gewesen. Die könnten jetzt zurückkehren, weil der teure Spritverbrauch die maschinelle Agrarwirtschaft unrentabel mache.
Ähnlich wie in Frankreich gab es am Wochenende in vielen italienischen Städten Unruhen; die meisten Parteien verurteilten umgehend die Gewalt und die Plünderungen. Bei den Bauernprotesten buhlen Parteien aus dem gesamten politischen Spektrum um die Gunst der Demonstranten. Am Sonnabend nahm der Landwirt Michele Canarozzi, einer der Anführer der Proteste in Apulien, an einer Kundgebung der sozialdemokratischen Partito Democratico (PD) teil. Die PD ist derzeit in der Opposition und bekundete ihre Unterstützung für die Proteste. »Wir verhungern«, sagte Canarozzi in Rom. »Wir müssen weitermachen.« Das Publikum spendete Beifall.
Aber auch die ultrakonservative und migrantenfeindliche Partei Futuro Nazionale des ehemaligen Generals Roberto Vannacci drückte ihre Unterstützung für die Proteste aus und kritisierte die Finanzierung des Ukraine-Kriegs durch Rom: »Fratelli d’Italia, Lega und Forza Italia unter Ministerpräsidentin Giorgia Meloni geben Milliarden Euro der Italiener für Selenskij und einen Krieg aus, der nicht der unsere ist.« Futuro Nazionale stelle sich »auf die Seite der Landwirte, Fischer, Lkw-Fahrer und aller italienischen Arbeitnehmer, die nicht aufgeben«, versuchte sich die ultrarechte Partei auf ihrer Facebook-Seite bei den Protestierenden anzubiedern.
Seitdem sich Lkw-Fahrer den Protesten angeschlossen haben, leeren sich in den Supermärkten die Regale, insbesondere frische Lebensmittel sind vergriffen. Daher sagte Francesco Paolicelli (PD), Apuliens Regionalrat für Agrarfragen, vergangene Woche nach einer Demonstration von 5.000 Landwirten zehn Millionen Euro zur Senkung der Kraftstoffpreise und weitere 20 Millionen zur Stabilisierung der Lieferketten zu. Das sind Kleckerbeträge angesichts der Forderungen, Agrardiesel gänzlich von der Steuer zu befreien, von Umweltschutzvorschriften abzusehen und wettbewerbsverzerrende Großhändler zu zügeln. Folglich steht dem ruhigen Mezzogiorno weiterer Tumult bevor.
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