Gegründet 1947 Dienstag, 27. Januar 2026, Nr. 22
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 27.01.2026, Seite 3 / Ansichten

Abkehr von den USA

Handelsabkommen zwischen Indien und EU
Von Jörg Kronauer
India Republic Day.jpg

Das ging ja schnell: Kaum hat die EU-Kommission ihr Freihandelsabkommen mit dem Mercosur unterzeichnet, da könnte schon das nächste folgen – mit Indien. So wünschen es jedenfalls Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident António Costa, die am Dienstag in Neu-Delhi mit Premierminister Narendra Modi zusammentreffen. Indien hat im vergangenen Jahr ebenfalls Freihandelsabkommen unter Dach und Fach gebracht – zwei kleinere mit Neuseeland und Oman, ein bedeutenderes mit Großbritannien. Die Zeiten, in denen Gespräche über Handelsverträge sich jahrzehntelang dahinschleppten; in denen die EU der Ansicht war, vermeintlich schwächeren Ländern ihre Bedingungen diktieren zu können, und Indien meinte, auf die Verträge nicht angewiesen zu sein, sind offenbar vorbei.

Und das hat einen einzigen Grund: die offene Unterwerfungspolitik der Trump-Regierung. Die EU hat sich noch im Sommer 2025 mit einem miserablen Zolldeal abspeisen lassen. Seitdem hat sie erlebt – und mittlerweile wohl auch realisiert –, dass Zolldrohungen beliebig oft wiederverwendbar sind, dass man ihnen also nie entkommt. Es gibt nur einen Ausweg: Man kann ihr Drohpotential reduzieren, indem man die Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten verringert. Indien ist zu dem gleichen Schluss gekommen. Es hat sich von den USA zwar nicht so kläglich abspeisen lassen wie die EU, sondern ist standhaft geblieben und hat sich seine Beziehungen zu Russland nicht verbieten lassen und dafür US-Zölle von insgesamt 50 Prozent in Kauf genommen. Doch die schmerzen, also braucht auch Neu-Delhi dringend Alternativen zum US-Geschäft.

Man muss den Freihandelsdeal zwischen der EU und Indien nicht so hochhängen wie von der Leyen, die großspurig von der »Mutter aller Abkommen« schwärmt. Der Vertrag könnte der deutschen Kfz-Industrie, deren größter Abnehmer bislang die USA sind, Erleichterung schaffen: Er begünstigt deren Exporte nach Indien stark. Umgekehrt könnte die indische Textilbranche ihre herben Verluste aus dem US-Geschäft dämpfen, wenn sie ihre Produkte günstiger in die EU ausführen kann. Wichtige Sektoren bleiben ausgespart, so vor allem die Landwirtschaft. Auch wenn der Handel in diesen Branchen also nicht zunehmen wird: Für Indiens geplagte, aber kämpferische Kleinbauern ist das sehr gut.

Reicht das, um der Abhängigkeit vom US-Geschäft zu entkommen? Auf keinen Fall. Doch es bewegt sich gegenwärtig viel mehr. Indien ist dabei, seine Beziehungen zu Kanada zu verbessern. Kanada wiederum nähert sich, um den US-Druck zumindest ein wenig zu lindern, China ökonomisch an. Großbritannien, Frankreich, vielleicht gar Deutschland könnten folgen. Die Bundesrepublik setzt parallel auf mehr Handel mit Kanada und dem Mercosur. Bis die kleinen Schritte sich zu einem großen summieren, wird Zeit vergehen – Zeit, die angesichts der rabiaten US-Aggressionen eigentlich niemand hat. Ein Anfang in der Abwendung von der dominanten Bindung an die USA ist aber gemacht.

Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug

Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Der EU-Ministerrat will den Widerstand der EU-Bevölkerung gegen ...
    11.03.2016

    Verfassungswidriger Freihandel

    Gegen das Freihandelsabkommen CETA zwischen EU und Kanada soll in der BRD Verfassungsbeschwerde eingereicht werden
  • Anfang Oktober verpackten Demonstranten in Berlin ihre Meinung z...
    25.10.2014

    Kritik aus dem TTIP-Beirat

    IG Metall und Akademie der Künste veröffentlichen gemeinsame Erklärung zu Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA sowie Kanada: Investitionsschutzklauseln besonders problematisch.

Mehr aus: Ansichten