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Aus: Ausgabe vom 27.01.2026, Seite 3 / Ansichten

Abkehr von den USA

Handelsabkommen zwischen Indien und EU
Von Jörg Kronauer
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Das ging ja schnell: Kaum hat die EU-Kommission ihr Freihandelsabkommen mit dem Mercosur unterzeichnet, da könnte schon das nächste folgen – mit Indien. So wünschen es jedenfalls Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident António Costa, die am Dienstag in Neu-Delhi mit Premierminister Narendra Modi zusammentreffen. Indien hat im vergangenen Jahr ebenfalls Freihandelsabkommen unter Dach und Fach gebracht – zwei kleinere mit Neuseeland und Oman, ein bedeutenderes mit Großbritannien. Die Zeiten, in denen Gespräche über Handelsverträge sich jahrzehntelang dahinschleppten; in denen die EU der Ansicht war, vermeintlich schwächeren Ländern ihre Bedingungen diktieren zu können, und Indien meinte, auf die Verträge nicht angewiesen zu sein, sind offenbar vorbei.

Und das hat einen einzigen Grund: die offene Unterwerfungspolitik der Trump-Regierung. Die EU hat sich noch im Sommer 2025 mit einem miserablen Zolldeal abspeisen lassen. Seitdem hat sie erlebt – und mittlerweile wohl auch realisiert –, dass Zolldrohungen beliebig oft wiederverwendbar sind, dass man ihnen also nie entkommt. Es gibt nur einen Ausweg: Man kann ihr Drohpotential reduzieren, indem man die Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten verringert. Indien ist zu dem gleichen Schluss gekommen. Es hat sich von den USA zwar nicht so kläglich abspeisen lassen wie die EU, sondern ist standhaft geblieben und hat sich seine Beziehungen zu Russland nicht verbieten lassen und dafür US-Zölle von insgesamt 50 Prozent in Kauf genommen. Doch die schmerzen, also braucht auch Neu-Delhi dringend Alternativen zum US-Geschäft.

Man muss den Freihandelsdeal zwischen der EU und Indien nicht so hochhängen wie von der Leyen, die großspurig von der »Mutter aller Abkommen« schwärmt. Der Vertrag könnte der deutschen Kfz-Industrie, deren größter Abnehmer bislang die USA sind, Erleichterung schaffen: Er begünstigt deren Exporte nach Indien stark. Umgekehrt könnte die indische Textilbranche ihre herben Verluste aus dem US-Geschäft dämpfen, wenn sie ihre Produkte günstiger in die EU ausführen kann. Wichtige Sektoren bleiben ausgespart, so vor allem die Landwirtschaft. Auch wenn der Handel in diesen Branchen also nicht zunehmen wird: Für Indiens geplagte, aber kämpferische Kleinbauern ist das sehr gut.

Reicht das, um der Abhängigkeit vom US-Geschäft zu entkommen? Auf keinen Fall. Doch es bewegt sich gegenwärtig viel mehr. Indien ist dabei, seine Beziehungen zu Kanada zu verbessern. Kanada wiederum nähert sich, um den US-Druck zumindest ein wenig zu lindern, China ökonomisch an. Großbritannien, Frankreich, vielleicht gar Deutschland könnten folgen. Die Bundesrepublik setzt parallel auf mehr Handel mit Kanada und dem Mercosur. Bis die kleinen Schritte sich zu einem großen summieren, wird Zeit vergehen – Zeit, die angesichts der rabiaten US-Aggressionen eigentlich niemand hat. Ein Anfang in der Abwendung von der dominanten Bindung an die USA ist aber gemacht.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz Schoierer (27. Januar 2026 um 09:06 Uhr)
    Jörg Kronauer kann seine Begeisterung für die »Abwendung von der dominanten Bindung an die USA« kaum unterdrücken. Indien habe sich »von den USA nicht so kläglich abspeisen lassen wie die EU, sondern ist standhaft geblieben«. Weil ja bekanntlich der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist, könnte man in diesem Sinne auch die gigantische militärische Aufrüstung des imperialistischen Projekts EU positiv begleiten. Was in diesem Artikel nicht erwähnt wird, berichtet die »Tagesschau«: »In Fragen der Sicherheit und Verteidigung sieht Angelika Niebler (CSU) [die Chefin der Indien-Delegation des EU-Parlaments] ganz neue Dimensionen. Indien sei sehr abhängig von russischen Rüstungsgütern und habe großes Interesse an anderen Partnern: ›Ich glaube, das ist gerade auch für europäische und deutsche Firmen – wir haben ja einen großen Rüstungsmarkt auch in Deutschland – eine Riesenchance, hier noch viel stärker Fuß zu fassen.‹«
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (26. Januar 2026 um 21:34 Uhr)
    Verträge zu unterzeichnen und tatsächlich wirksame Resultate zu erzielen, sind zwei Paar Stiefel. Auch dieser Artikel reiht sich in eine Serie wohlwollender Darstellungen ein, die politische Absichtserklärungen bereits als strategische Erfolge verkaufen. Glaubwürdig werden solche Abkommen jedoch erst dann, wenn ihre positiven Effekte real spürbar sind – wirtschaftlich, sozial und strukturell. Bis dahin handelt es sich vor allem um Informationen und politische Narrative, nicht um belegte Erfolge. Eine Intensivierung der Beziehungen mit Indien ist grundsätzlich sinnvoll, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der jahrhundertelangen kolonialen Ausbeutung durch Großbritannien. Zugleich darf man sich keinen Illusionen hingeben: Indien verfolgt heute konsequent eigene Interessen – nicht die Europas und schon gar nicht die Deutschlands. Das ist legitim, sollte aber klar benannt werden, statt es in rhetorische Partnerschaftsromantik zu kleiden. Der im Artikel implizierte Hoffnungston suggeriert eine strategische »Abkehr von den USA«. Historisch und politisch präziser wäre jedoch die Formulierung: eine partielle Abkehr von der angelsächsischen Dominanz. Ob daraus mehr wird als ein vorsichtiger Balanceakt, bleibt offen.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

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