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Syrien

Wie steht es um Rojavas Frauenbewegung?

Die Strukturen Nordostsyriens müssen sich teils der antifeministischen Regierung in Damaskus unterwerfen, berichtet Anita Starosta

Foto: Baderkhan Ahmad/AP/dpa
Kämpferinnen der YPJ während einer Trauerfeier für Gefangene, die Opfer eines Brandes wurden (Kobane, 14.9.2026)

Anfang September hat die Regierung in Damaskus damit begonnen, die Kämpfer der Syrian Democratic Forces, kurz SDF, in die regulären Streitkräfte zu integrieren. Das ist eine Folge der Angriffe islamistischer Kampfverbände namens Haiat Tahrir Al-Scham, auch als HTS bekannt, von Beginn dieses Jahres auf das mehrheitlich von Kurden bewohnte und selbstverwaltete Gebiet Rojava, inklusive Zerstörung der zivilen Infrastruktur mit verheerenden Folgen für Unbewaffnete und Kinder. Wie hat diese Integration die Lebensrealität der Bevölkerung im Nordosten Syriens verändert?

Der Prozess der »Integration« der autonomen Selbstverwaltung der Kurdinnen und Kurden in den syrischen Zentralstaat unter der Interimsregierung der islamistischen Milizen Haiat Tahrir Al-Scham läuft erst seit etwa einem halben Jahr. Von den Organisationen, mit denen wir als Medico International dort zu tun haben, wird es widersprüchlich wahrgenommen. Einerseits war der Prozess im Januar sehr brutal, andererseits wurde mit dem Abkommen (Waffenstillstandsvereinbarung vom 30. Januar 2026, jW) weiteres gewaltvolles Vorgehen abgewendet. Rechte für Kurdinnen und Kurden sowie Minderheiten konnten abgesichert werden. Die Spitze der Selbstverwaltung, Mazlum Abdi und Îlham Amed, konnte etwas wie einen geregelten Übergang ins Abkommen verhandeln. Dem wird vertraut, es bedeutet Erleichterung.

Zugleich gibt es an der Basis ein Rumoren, weil es zur Einschränkung bereits erkämpfter Rechte kommt. Es gibt unter anderem Proteste dagegen, dass es nur drei Stunden Kurdischunterricht in der Woche an Schulen gibt. Zuvor wurde an vielen Schulen und Universitäten nur in kurdischer Sprache unterrichtet. Gleichzeitig ist die Integration von Kurdisch als offizielle Landessprache in Syrien selbstverständlich auch ein Fortschritt.

Im Zuge der Angriffe auf Rojava wurden offenbar Anlagen zur Strom- und Wasserversorgung zerstört. Es gibt auch Berichte über Kinder, die erfroren sind. Wie prekär ist die Versorgungslage gegenwärtig?

Die Versorgungslage war nie gut, ist aber jetzt unter der Interimsregierung noch schlechter. Im Nordosten war früher die ökonomische Lage durch das Wirtschaften der Selbstverwaltung besser als in anderen Landesteilen. Landwirtschaftsbetriebe und Bäckereien wurden subventioniert, es gab eine freie Brotverteilung. Aktuell ist die Lage überall gleich prekär. In ganz Syrien gibt es Mangel an Diesel, Benzin und Treibstoffen. Es gab Proteste, weil an Tankstellen Preise teils um bis zu 40 Prozent erhöht wurden. In vergangenen Jahren hatten türkische Drohnenangriffe lebenswichtige Infrastruktur zerstört. Zum Glück ist das – auch wegen des Friedensprozesses des türkischen Staates mit der Arbeiterpartei Kurdistans, der PKK – heute kein Thema mehr.

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Haben die islamistischen HTS-Milizen ihre Angriffe wirklich eingestellt?

Der Kämpfer Sîpan Hiznî wurde verschleppt und ermordet. Er gehörte einer kürzlich in die syrische Armee eingegliederten Brigade von Kämpfern der aufgelösten SDF an. Bedroht werden auch Stammesführer arabischer Stämme sowie Kurdinnen und Kurden oder bestimmte Minderheiten von sogenannten Sicherheitskräften. Es herrscht eine Grundanspannung.

Mehr als 14 Jahre lang erprobten Kurdinnen und Kurden im Nordosten Syriens die Selbstverwaltung des demokratischen Experiments Rojava. Das Gebiet gilt vielen weltweit als ein Vorbild für die Erkämpfung von Gerechtigkeit für Frauen. Unter anderem wegen des Justizsystems und der paritätischen Besetzung politischer Ämter. Ist all das nun vorbei unter Präsident Ahmed Al‑Scharaa?

Starke und selbstbewusste Frauen tun alles, um zu verhindern, dass man ihnen ihre selbst erkämpften Rechte nimmt. Frauenstrukturen müssen sich aber teils der antifeministischen Regierung anpassen. In der Verwaltung wurde die Doppelspitze abgeschafft. Beim feministischen Einfluss aufs Justizsystem steht dies noch in Frage. Ausgehandelt wird, ob die Frauenselbstverteidigungseinheiten, die YPJ, dem Innenministerium beigeordnet werden. Die Frauenkommission, die sich zum Beispiel um Frauenrechte, um Frauen- und Waisenhäuser gekümmert hat, musste sich in Familien- und Bevölkerungskommission umbenennen.

Was bedeutet das für die kurdische Frauenbewegung, die die Losung »Jin, Jiyan, Azadî – Frau, Leben, Freiheit« in die Tat umsetzte und den IS bekämpft hatte? Kann sie noch Frauenversammlungen abhalten, ihre kollektiven Projekte fortsetzen?

Bisher wurde das nicht unterbunden. Die »Stiftung der freien Frau« konnte sich in Damaskus unter der neuen Regierung als Nichtregierungsorganisation registrieren. Sie arbeitet kampagnenartig gegen Einschränkungen von Frauenrechten. Man kann Erfahrungen aus mehr als einem Jahrzehnt nicht innerhalb weniger Monate oder mit einem Abkommen einfach zurücknehmen. Die von Frauen erlebte Selbstermächtigung und -organisierung wird in den Menschen weiterleben und sich entwickeln. Das werden sie sich nicht nehmen lassen.

Wir sollten alle wachsam sein, wenn Menschen- oder Frauenrechte in Syrien verletzt werden. Eine internationale Kampagne für den Erhalt der YPJ hat gewirkt. Der Zusammenhalt ist stark.

Anita Starosta ist Historikerin und bei Medico International für Syrien und Kurdistan zuständig. Sie bereist die Region regelmäßig.

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Erschienen in der Ausgabe vom 19.09.2026, Seite 2, Ausland

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