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Warum steht dort der Name eines Nazidichters?
In Rheinland-Pfalz sollen Straßen nicht mehr den Hitlerverehrer Karl Räder würdigen, fordert Richard Eberle
Der 1967 gestorbene Heimatdichter Karl Räder frönte in seinen Werken der Nazideologie, was offensichtlich kein Hindernis dafür war, in der BRD Straßen nach ihm zu benennen. Seit 2023 setzen sich Menschen in der rheinland-pfälzischen Kurstadt Bad Dürkheim und bereits seit 2022 im nahegelegenen 1.600-Einwohner-Dorf Gönnheim für eine Umbenennung ein. Was können Sie über Räders Publikationen sagen?
Karl Räder war populärer Pfälzer Mundartdichter und publizierte Gedichtbände und Theaterstücke. Schon 1933 wurde er bekannt mit seinem »Neuen Worschtmarkt-Geischt« in der Marktzeitung. Er verehrte Hitler als Lichtgestalt und würdigte die von ihm gegründete Sturmabteilung. Diese SA war der Schlägertrupp der NSDAP, der politische Gegner terrorisierte. Räder begeisterte sich über den Hitlergruß und die braunen Uniformen. Unter anderem schrieb er einstmals für die Werkszeitung des Chemieunternehmens BASF. 1937 reiste er in die USA, wo zwei Kinder von ihm lebten, und bewarb den vermeintlichen »Aufbruch der Gesellschaft in Deutschland«. Er argumentierte gegen angebliche »Gräuelmärchen« der aus Hitlerdeutschland geflüchteten antifaschistischen Community dort, wollte sie »korrigieren«. Jüdinnen und Juden unterstellte er, sie würden »den Aufbruch unter Hitler« verunglimpfen. Nach einem Gutachten des Historikers Roland Paul im Auftrag der Stadt Bad Dürkheim verwendete er antisemitische Stereotype.
Dennoch scheiterte das Vorhaben, der Straße in Bad Dürkheim einen anderen Namen zu geben. Lediglich ein »orientierendes Zusatzschild« wurde angebracht. Ein solcher Schritt wurde auch in Gönnheim beschlossen, aber bis heute nicht umgesetzt – warum?
Räders Nazivergangenheit war völlig vergessen. Erst 2020, da sein 150. Geburtstag bevorstand und eine Ausstellung dazu, wurde sie nach Recherchen der Museumsleiterin Britta Hallmann-Preuß in Bad Dürkheim offenbar. Nachdem sie das Gutachten in Auftrag gegeben hatte, entschied der Stadtrat, die Allee umzubenennen. Danach aber kippte ein Bürgerentscheid den Beschluss. So kam es zum »Kompromiss« der »orientierenden Zusatzschilder«. Im Gönnheimer Gemeinderat warb ich ab 2022 dafür, den dortigen Karl-Räder-Weg umzubenennen, traf aber auf wenig Bereitschaft, sich mit dem Thema überhaupt zu beschäftigen. 2024 lautete der Beschluss, sich der Dürkheimer Lösung anzuschließen.
Bürgermeister Wolfram Meinhardt von der Freien Wählergemeinschaft, FWG verschleppte das aber trotz mehrfacher Nachfragen ihrerseits. Wie begründete er das?
Er erklärte sich als »neutral«, und der Gemeinderat mit FWG-Mehrheit unternahm einfach nichts, um den Beschluss umzusetzen. Ich hatte dafür gesorgt, dass der Dürkheimer Text mit der Zeile »In seinen Gedichten und Vorträgen der Nazizeit verehrte er Adolf Hitler und die Naziideologie und bediente antisemitische Stereotype.« übernommen werden durfte. Im März des Jahres 2024 mahnte ich dann die Fraktionsvorsitzende Heike Ditrich. Antwort: Schilder seien bestellt und würden angebracht. Dann aber stellten sich Anwohner im Karl-Räder-Weg quer, wo nur elf Häuser stehen. Das Resultat einer nichtöffentlichen Gemeinderatsitzung war, dass man den Text weglassen und statt dessen nur einen QR-Code zum Einscannen eines Internetlinks anbringen wollte. Gegen diese Geschichtsklitterung der Nazivergangenheit verteilte ich Montag letzter Woche ein Flugblatt im Dorf.
Sie insistieren, dass die dörfliche Erinnerungskultur nicht so gering geschätzt werden darf. Wer unterstützt Sie und Ihr Anliegen?
Ein älterer Bewohner Gönnheims beglückwünschte mich telefonisch zu meinem Widerstand. In den sozialen Medien stellte eine Frau klar: Räder sei ein Faschist gewesen, das solle man nicht nachträglich vertuschen. Am Mittwoch hätte eine Gemeinderatssitzung stattfinden sollen, die aber verschoben wurde. Ich hoffe, dass die Linie des Bürgermeisters überdacht wird, der mit dem Verschweigen der Naziergangenheit des Mundartdichters gefällig sein wollte.
Nach 1945 hatte man Räder in Bad Dürkheim zum Ehrenbürger erklärt. Die Chuzpe, dass er sich hat ehren lassen, ist skandalös. Die Faschismusgeschichte gilt es endlich aufzuarbeiten. Im Juli feierte Gönnheim das 10. Winestreetart-Festival mit internationalen Künstlern. Es wäre zu schade, wenn wir uns da künftig als erinnerungspolitisches Demenzdorf präsentieren müssten.
Richard Eberle ist Pfarrer im Ruhestand im rheinland-pfälzischen Gönnheim und engagiert sich für den Erhalt dörflicher Erinnerungskultur.
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